Leben Unglück im Land der Glückseligkeit: Bhutaner wählen Regierung ab

Korruption, Misswirtschaft, Streit: Ihre junge Demokratie bringt die Bhutaner eher zum Weinen als zum Lachen. Die Menschen in dem Himalaya-Land gelten als glückliches und friedliebendes Volk - das nun die politische Debattenkultur kennenlernt.

Plötzlich ist es da, das Glück. Die Bhutaner vor dem Wahllokal liegen sich vor Lachen in den Armen, Kinder kreischen vergnügt in ihren Wickeltüchern und selbst der Bauer mit den Betelnuss-roten Zähnen lächelt. Gerade standen sie noch ruhig in zwei langen Schlangen im Bergdorf Wangsisina, etwa 20 Kilometer südlich der Hauptstadt Thimphu. Frauen und Männer warten hier getrennt, Alte werden durch die Mitte nach vorne gelotst. Da imitieren einige junge Kerle die Haltung der Gebrechlichen, um sich vorzudrängeln. Alle prusten los – und können nicht mehr aufhören.

Die Bhutaner gelten als eines der glücklichsten Völker der Welt. In dem kleinen Land im Himalaya, versteckt zwischen Indien und China, geht es nicht nur um Wirtschaftswachstum. Fortschritt wird mit dem einzigartigen Bruttoglücksprodukt erfasst. Zur Glückseligkeit gehört dabei neben Gesundheit auch das Wissen von Legenden und Mythen, Nachbarschaftshilfe sowie Leben in Harmonie mit der Natur.

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Die Politik allerdings trug in den vergangenen fünf Jahren nicht viel zur Zufriedenheit der überwiegend buddhistischen Bevölkerung bei. 2008 durften die Bhutaner nach der Abdankung ihres Königs erstmals selbst ihre Volksvertreter wählen, doch mit der Arbeit der Regierung sind sie nicht zufrieden: Der Staat ist hoch verschuldet, die Inflation zweistellig, die Arbeitslosigkeit wächst, die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich – und dann wurden auch noch der Innenminister und der Parlamentssprecher wegen Korruption verurteilt.

Regierung erhält Rechnung für Misswirtschaft und Streit

Es rumorte im „Land des Donnerdrachens“, das eigentlich wegen seiner gefürchteten Stürme so heißt. Viele Menschen sagten zwar vor den Wahllokalen höflich, sie seien mit der Arbeit der Regierung zufrieden, doch stimmten sie anders ab. Am Samstag bekam die Regierung die Rechnung für Misswirtschaft und Streit. Sie darf von den 47 Sitzen im Unterhaus statt wie bislang 45 künftig nur noch 15 Plätze belegen.

„Jetzt dürfen es die anderen mal versuchen – das bedeutet doch Demokratie“, meint Pelden, der wie viele junge Menschen der bisherigen Oppositionspartei seine Stimme gab. „Unsere Demokratie ist noch jung, sie wird Zeit brauchen, um zu wachsen und zu reifen“, gibt der 29 Jahre alte Khem Chhetri zu bedenken. Wie die meisten im Land lieben sie ihren König, der vor einigen Jahren freiwillig abdankte.

Bhutan ist nicht nur gerade erst von einer Monarchie in eine Demokratie übergetreten. Das Land, ein Himalaya-Plateau so groß wie die Schweiz, öffnet sich auch nur langsam der Welt. Lange Zeit waren die heute rund 700 000 Einwohner von der Außenwelt abgeschottet, erst 1974 durften erstmals Touristen einreisen, 1999 kamen Fernsehen und Internet. Bis heute glauben die meisten Menschen an den Yeti, der hier Migo heißt, und sie malen sich große Phallus-Symbole auf die Hauswände, um böse Geister fernzuhalten.

„Politische Kritik wird sofort als anti-nationale Aussage gewertet“

„Wir müssen aufpassen, unsere Werte und die Kultur nicht zu verlieren“, sagt Lehrerin Tshering. Deswegen kontrolliere sie jeden Morgen die traditionelle Kleidung Gho und Kira ihrer Schüler sowie deren Frisur – denn die Jungen und Mädchen eiferten gerne dem wilden Style koreanischer Vorbilder nach. „Unsere Kinder sind sehr unschuldig und leicht beeinflussbar. Da müssen wir aufpassen“, meint Tshering.

Die Schüler lernen auch alte Tänze, richtiges Teetrinken und wie man eine Opfergabe im Tempel übergibt. Streitgespräche und Meinungsaustausch hingegen stehen nicht auf dem Lehrplan. „In unserem Land ist es schwierig, eine strittige Angelegenheit auf den Tisch zu bringen oder gar gegen etwas zu protestieren“, sagt Café-Besitzer Letho.

Das Problem kennt auch Geschäftsmann Sangay Dorji: „Die Menschen haben Angst zu reden. Jede politische Kritik wird sofort als anti-nationale Aussage gewertet“, beschwert er sich. Dabei sei die Debatte doch so wichtig in einer Demokratie. Der wichtigste Oppositions-Blog, Bhutanomics, wird von Unbekannten betrieben. Die Seite ist innerhalb Bhutans gesperrt – wird aber über Proxi-Server und Facebook von zahlreichen Interessierten aufgerufen. „Das sind unsere Anonymous-Aktivisten“, sagen die Menschen stolz, aber hinter vorgehaltener Hand.

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