Leben Unternehmer Gerhard Merkle: Der Bienen-Enthusiast

Sie sind fleißig, reinlich, und jede weiß genau, was sie zu tun hat. Deshalb liebt Unternehmer Gerhard Merkle seine Bienen. Porträt eines Enthusiasten.

Gerhard Merkle sitzt am Steuer seines Mercedes und ist aufgeregt. Morgen sollen sie kommen. Mit der Post. Drei Königinnen, schon begattet, für 25 Euro das Stück. „So eine Königin reist nicht allein“, erzählt der Unternehmer, während er zu seinem Bienenhaus fährt, „sie hat Begleitbienen.“ Wenn er morgen die kleinen Käfige öffnet, muss Merkle aufpassen, dass mit dem Fußvolk, das nach getaner Arbeit fliegen darf, nicht auch die Königinnen entwischen. Aber die drei seien besonders sanftmütig, hat ihm der Züchter versichert. „Wie meine Bienen“, sagt Merkle.

Merkle ist Herr über 16 Völker, rund 650.000 Exemplare der Apis mellifera, der Europä­ischen Honigbiene. Etwa 94.000 Imker gibt es in Deutschland. Selbst auf Dachterrassen und in Stadtgärten werden inzwischen Bienen gehalten, ja sogar auf dem Berliner Dom stehen Bienenstöcke. Die „urban beekeepers“ wollen so Natur in die Großstadt bringen. Während die Bienenbegeisterung in den Städten um sich greift – auch bei den Jüngeren – und die Imkerkurse teils über Jahre ausgebucht sind, gibt es auf dem Land immer weniger Imker. „Hier bin ich mittleres Alter“, erzählt Merkle. Er ist 72.

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Jeden Tag im Maschinenbaubetrieb – bis auf mittwochs, da ist Bienentag.

Zu seinem Bienenhaus geht es vorbei an Tannenwäldern und grasenden Kühen durch den bergigen Hochschwarzwald, schließlich hinab in ein Tal mit Apfel- und Kirschbäumen. Merkle ist in der Gegend aufgewachsen. „Schon mit 14 wollte ich Imker sein“, erzählt er, „der Schleier, der Rauch, das hat mich als Junge fasziniert. Dann habe ich doch erst mit 65 begonnen.“ Lange fehlte ihm die Zeit für Bienen. 1973 entwickelte Merkle in seiner Garage die ersten ­Hydraulikzylinder und fuhr mit ihnen selbst durchs ganze Land zu den Kunden, während seine Frau zu Hause neue Angebote schrieb. Heute hat seine Firma AHP Merkle 130 Mitarbeiter, Merkle führt sie zusammen mit seinem Sohn. Seine Frau ist vor einigen Jahren in den Ruhestand gegangen.

„Sie hat ja gehofft, dass ich mit dem Arbeiten aufhöre, wenn ich die Bienen habe. Das hat aber nicht so geklappt“, erzählt der Unternehmer und lacht. Er ist gut gelaunt, braun gebrannt und sieht aus, als käme er gerade aus dem Urlaub im Süden – kommt er aber nicht, er verreist sowieso lieber im Winter, wegen der Bienen. Und er geht noch immer jeden Tag in seinen Maschinenbaubetrieb, bis auf mittwochs, da ist Bienentag.

Halbes Jahr Einweisung in die Bienenhaltung

Vor sieben Jahren war Merkle auf einem Imkertag, da packte es ihn endgültig. Sein uraltes Bienenbuch, vergilbt und aus den 50er-Jahren, zog er wieder aus dem Regal und suchte sich als Mentor einen erfahrenen Imker. Ein halbes Jahr lang ließ Merkle sich in die Bienenhaltung einweisen. Er lernte, wie man Bienenwohnungen baut, die sogenannten Beuten, und wie der Imker verhindert, dass vor der Zeit eine zweite Königin heranwächst. Er übte, wie der Honig richtig geschleudert wird. Beim Imkerverein besuchte er einen Kurs über Bienengesundheit und Schwarmverhalten. Dann startete er mit seinem ersten eigenen Volk.

Rund 22.000 Euro habe ihn das Haus für die Bienen gekostet, erzählt Merkle und schüttelt den Kopf über sich selbst: „Das lohnt sich doch in meinem Alter gar nicht mehr.“ Aber sein Mentor, der die Pläne gezeichnet hat, sei nun mal ein Perfektionist. Und für Merkle ist die Ausrüstung Teil des Spaßes. Zu Hause hat er sich einen eigenen Raum zum Honigschleudern eingerichtet, und er besitzt eine Profi-Abfüllmaschine, von der selbst altgediente Imker träumen.

Die perfekte Firma

„Vielleicht sind die Bienen heute etwas aggressiver“, warnt Merkle, nun im weißen Imkeranzug und mit Schleier. Morgens hat es geregnet, die Wiesen sind noch nass, und die Bienen finden nicht viel Nahrung. Neben Merkle steht ein sogenannter Raucher. Der beißende Qualmgeruch soll die Tiere besänftigen.

Die Bienen umschwirren den Unternehmer, ballen sich zu kleinen Trauben. Ihr tausendfaches Summen vereint sich zu einer monotonen Melodie. Merkle hebt die schweren Holzrahmen aus den Bienenkästen. Er sieht Wabe für Wabe durch, sucht nach der Königin. „Sie verlässt nur einmal in ihrem Leben den Stock, um im Flug von den Drohnen begattet zu werden“, erzählt er. Die Drohnen sterben nach dem Akt, die Königin kehrt zu ihrem Volk zurück. Dort wird sie von den Arbeiterinnen gepflegt und gefüttert. Schließlich ist sie es, die den Fortbestand des Volkes sichert. Wenn sie gut ist, legt sie jeden Tag 2000 Eier. Wenn die Königin alt und schwach geworden ist, zieht sich das Volk eine neue heran. „Die alte verlässt ihr Volk und stirbt“, sagt Merkle. „Traurig, nicht?“

Bestechend logische Regeln

Die Regeln im Bienenstock sind bestechend logisch, effizient und oft grausam. Es sind der Fleiß der Tiere und die ausgeklügelte Ordnung, die Merkle faszinieren. Ist das Volk gesund, läuft das System wie geschmiert. Jede Biene weiß, was sie zu tun hat. Und die Tiere kommunizieren. Der Verhaltensforscher Karl von Frisch bekam den Nobelpreis dafür, dass er entschlüsselte, wie die Bienen im Schwänzeltanz Achten fliegen und mit dem Hinterteil wackeln, um ihren Genossinnen mitzuteilen, wo es Futter gibt.

„Die soziale Struktur fasziniert mich“, sagt Merkle. „Jeder macht seinen Job, sodass das große Ganze reibungslos funktioniert. Wie die perfekte Firma.“ Merkle lacht. Vielleicht sei er genau aus diesem Grund nicht der einzige
Unternehmer mit einer Vorliebe für Bienen. In seinem Dokumentarfilm „More than Honey“ erzähle der Regisseur Markus Imhoof beispielsweise von der Imkerei seines Großvaters, eines Konservenfabrikanten.

Zucker gegen Gold

Merkle kann Stunden über seine Bienen sprechen. Über die fleißigen Arbeiterinnen etwa, die erst einmal sich und ihr Wabenloch putzen, nachdem sie geschlüpft sind, später die Brut versorgen, neue Wabenzellen bauen, Nektar und Pollen sammeln – um dann nach vier bis sechs Wochen zu sterben. Oder darüber, dass die Bienen ihr Geschäft nicht im Stock verrichten, sondern warten, bis sie im Freien sind. Bei der Babypflege werden die jungen Arbeitsbienen zuerst an die älteren Maden herangelassen, bevor sie dann mit mehr Erfahrung die Neugeborenen pflegen dürfen, die besonders empfindlich sind.

Früher war die Biene einmal ein Wildtier. Der Mensch hat sie zur Honigproduzentin gezüchtet. Damit wurde der Imker Herr über die Völker. Der Patriarch entscheidet, ob und wann es eine neue Königin gibt, ob das Volk sich teilen darf. Er hat die Macht. Er nimmt den Bienen ihren goldenen Honig – und gibt dafür billigen Zuckersirup.

Die Tiere sammeln Blütennektar. Durch das Vibrieren ihrer Flügel sinkt der Wassergehalt. Sie reichern den Nektar mit Enzymen an und verarbeiten ihn so zu Honig. Den lagern sie ein, eigentlich soll er das Volk im Winter ernähren, wenn nichts blüht und die Bienen keine Nahrung finden. Doch dann kommt der Imker und schleudert den Schatz der Bienen aus den Waben heraus.

Würzig, mit einer herben Note

Ein bisschen Honig lässt Merkle seinen Bienen aber doch. „Hier ist er eingelagert“, sagt er und zeigt auf die Wabenzellen, die mit kleinen, hellgelben Deckeln verschlossen sind. Später – im Herbst – wird er noch etwas Zuckersirup dazugeben. Es war kein gutes Honigjahr. Der kalte, verregnete Frühling hat die Ernte vermiest. „Mein Blütenhonig sei der beste hier in der Gegend, das bekomme ich immer wieder zu hören“, sagt Merkle. Obstblüten wie Apfel, Kirsche, Birne sind darin, dazu Schlehdorn, Linde und Akazie. Würzig schmeckt er, die Süße hat eine herbe Note.

In den meisten Gegenden wird der letzte Honig im Juli aus den Kästen geholt, im Schwarzwald ernten die Imker im Spätsommer ein zweites Mal. Der Tannenhonig ist dunkler, braun statt goldgelb, er schmeckt herb und hat eine leichte Schärfe.

Vor einigen Jahren, als Merkle gerade erst mit dem Imkern begonnen hatte, verlor er über den Winter zwei Völker. Als er die Beuten im Frühjahr öffnete, fand er darin Abertausende toter Bienen. Er klingt immer noch traurig, wenn er davon erzählt. Die Tiere sind der Milbe Varroa zum Opfer gefallen, die in den 70er-Jahren aus Asien eingewandert und zum größten Feind der Honigbienen geworden ist. Die Milben setzen sich auch an die Brut und saugen ihr Blut, diese Bienen leben nur wenige Tage. „Rund 15 Prozent der Imker haben damit massive Probleme“, sagt Hannes Kaatz, Bienenkundler von der Uni Halle. Im Spätsommer und Herbst, wenn der letzte Honig geerntet ist, behandeln die Imker ihre Bienen gegen die Milben, die meisten arbeiten mit Ameisensäure, die sie in den Beuten verdunsten lassen.

Der ärgste Feind der Bienen

Doch die Bienen sind bei Weitem nicht nur von Varroa-Milben bedroht. Immer wieder war in den letzten Jahren vom Bienensterben die Rede. Die Bundesregierung ist so alarmiert, dass sie eigens eine Bienen-App entwickelt hat, um mehr Menschen für die Insekten zu interessieren. „Die Landwirtschaft hat sich sehr verändert“, erklärt Kaatz eine der Ursachen des Bienensterbens. „Es gibt kaum noch Brachen. Dafür werden auf riesigen Flächen Pflanzen wie Mais angebaut, von denen sich die Bienen nicht ernähren können.“ Die Tiere finden auf dem Land also immer weniger Nahrung. Dazu kommen Pestizide, giftige Pflanzenschutzmittel dezimieren und schwächen die Völker.

Noch gibt es rund 800 000 Völker in Deutschland, von der Bestäubung dieser Honigbienen hängen rund 85 Prozent der landwirtschaft­lichen Erträge ab. Experten schätzen, dass der volkswirtschaftliche Wert der Bestäubungsleistung durch Bienen hierzulande bei etwa 2 Milliarden Euro liegt. „Wenn es länger zu wirk­lichen Verlusten von Bienenvölkern käme“, sagt Kaatz, „ginge die Bestäubung von Nutzpflanzen wie Äpfeln, Birnen und Kirschen zurück. Das würden wir merken.“

Vorbei wäre es mit der Vielfalt auf den Tellern: Die Menschen müssten sich von windbestäubten Pflanzen wie Getreide und Mais ernähren. Der Film „More than Honey“ zeigt, wohin das Bienensterben führen kann: Chinesen bestäuben in einer Region, in der es aufgrund von Chemikalien keine Bienen mehr gibt, Obstblüten von Hand.

„Schlimm, oder?“, sagt Merkle. Er imkert auch, weil er weiß, wie wichtig Bienen für den Menschen sind. Demnächst ziehen sich seine Tiere in den Stock zurück, um in einer Traube zusammengeballt zu überwintern. Das Bienenjahr neigt sich seinem Ende zu. Ab und zu hält Merkle im Winter sein Ohr an die Kästen. Dann hört er ein sanftes, beruhigendes Summen.

 

cover_09 Aus dem impulse-Magazin 09/2013
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