Leben Verfolgerfeld

Firmen aus Fernost versuchen, deutschen Premiummarken Konkurrenz zu machen. Unternehmer Felix Thonet testete, ob Japaner und Chinesen cheftauglich sind.

Ein wenig Porsche-Feeling kommt auf, das muss Felix Thonet zugeben, als er die muskulösen Rundungen der Motorhaube betrachtet. Er dreht den Zündschlüssel, das V6-Triebwerk brüllt selbstbewusst los. „Doch, der Klang ist wirklich in Ordnung“, sagt Thonet. Er lächelt, sein Griff ums Lederlenkrad wird fester. Dass es sich bei dem Infiniti M30d, den er heute Probe fährt, um einen Diesel handelt, ist bei diesem sportlichen Auftritt schnell vergessen. Speziell für den europäischen Markt hat die Nissan-Tochter ihr Topmodell mit einem potenten Selbstzünder ausgestattet. Will man die Herzen deutscher Chefs erobern, sagt der Urururenkel des Stuhlfabrikanten und Firmengründers Michael Thonet, sei das wohl keine schlechte Idee: „Die fahren ja inzwischen fast alle einen Diesel.“

Thonet leitet den Düsseldorfer Showroom der Designstühle-Dynastie, die 1849 erstmals mit Sitzmöbeln aus gebogenem Holz für Furore sorgte. Für impulse will der Unternehmer sich anschauen, ob asiatische Autobauer im Vergleich mit BMW, Mercedes, Audi oder Porsche mithalten können.

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Der Sportliche

Infiniti M30d Premium

Als Alternative zu den Sechszylinder-Benzinmotoren bietet die Nissan-Tochter Infiniti ihre sportliche Limousine nun auch als Diesel an. In der Premium-Ausstattung kommt er mit Ledersitzen und diversen Assistenzsystemen.

Motor V6-Turbodiesel
Leistung 238 PS
Höchstgeschw. 250 km/h
Drehmoment 550 Nm
Verbrauch 7,5 Liter
CO2-Ausstoß 199 g/km
Preis 64.000 Euro

Toyota hat diese Herausforderung schon vor Jahren angenommen. Die Edeltochter Lexus versucht, deutschen Herstellern in der Oberklasse Kunden abzujagen. Mit ihren Hybridmotoren überholten die Japaner ihre Konkurrenz technisch sogar zeitweise. Der chinesische Hersteller Brilliance wagte sich 2008 auf den hiesigen Markt, mit Fahrzeugen, die frappierend an BMW erinnerten, zog sich dann aber wieder zurück. 2009 kam der Nissan-Ableger Infiniti nach Europa. Dennoch: Bisher sind die Asiaten weit davon entfernt, in der deutschen Oberklasse den Anschluss zu schaffen.

Nun will Mercedes-Fahrer Thonet das aktuelle Verfolgerfeld unter die Lupe nehmen. Vor dem Thonet-Ausstellungsraum im nobel renovierten Rheinhafen stehen drei Fahrzeuge aus Fernost: der sportliche M30 von Infiniti in der neu aufgelegten Diesel-Variante. Dazu der aktuelle Spitzen-Lexus LS 600h, ein gegen S-Klasse und 7er BMW positioniertes Schlachtschiff mit Hybridantrieb. Und der Hover H5 des chinesischen Herstellers Great Wall, ein selbst ernannter Businessclass-Geländewagen, der sich mit Lederbezügen, Touchscreen-Steuerung und Sitzheizung zumindest als Zweitwagen für Chefs ins Spiel zu bringen versucht. In seinem Heimatland ist der Hover ein voller Erfolg. Den russischen Markt bedient Great Wall bereits, und in diesem Jahr hat das Unternehmen als erster chinesischer Hersteller ein Werk in der EU eröffnet: Im bulgarischen Lowetsch laufen seit dem Frühjahr der Kleinwagen Voleex, der Pick-up Steed und eben der H5 vom Band.

Genug Platz für einen Chauffeur

Als Erstes nimmt sich Thonet den knapp 64.000 Euro teuren Infiniti vor. „Optisch erinnert er an den neuen 5er BMW“, sagt er, als er den Wagen auf dem Parkplatz vor den silbernen Gehry-Bauten im Rheinhafen begutachtet. „Und von der Seite sieht er aus, als hätten die Designer versucht, den Maserati Quattroporte zu kopieren.“ Jedenfalls wirke der Wagen kräftig, so als böte er im Fond reichlich Platz, mehr wie eine Limousine und weniger wie ein Gran Turismo. Und eine Limousine sollte seiner Meinung nach in der Oberklasse unbedingt Chauffeur-tauglich sein: „Ältere Chefs mögen das halt. Mein Großvater ist auch noch gefahren worden“, sagt der 41-Jährige. „Für mich wäre das aber definitiv nichts.“ Dafür sitze er viel zu gern selbst am Steuer.

Thonet nimmt im Infiniti Platz, lässt den Sitz nach hinten fahren und freut sich, dass er auch mit seinen 1,94 Metern bequem hineinpasst. „Das gehört zu den ersten Dingen, auf die ich bei einem Auto achte“, sagt er. „Und hier ist es wirklich okay. Da könnte sogar noch jemand hinter mir sitzen.“ Die Verkleidung von Instrumententafel und Mittelkonsole in Silber und Schwarz missfällt dem Ästheten jedoch. „Sieht ein bisschen zu sehr nach Plastik aus“, befindet Thonet; auch das Lenkrad liegt ihm zu „dünn“ in der Hand. Aber im Großen und Ganzen ist er zufrieden, lobt das dicke Leder auf dem Armaturenbrett, außerdem die Anzeigen, die ihn an Maserati und Mercedes denken lassen. Überhaupt: „Der Wagen bietet lauter Extras, wie man sie von Daimler kennt.“ Der Gurt zum Beispiel wird automatisch nach hinten gezogen, wenn der Fahrer sich gesetzt hat. „Wahrscheinlich hat er auch einen Distanzmesser.“

Stimmt: Bei Infiniti heißt das System „Distance Control Assist“. Damit hält der Wagen bei Stop-and-go-Verkehr automatisch Abstand zum Vordermann. Auf den langen Fahrten, die der Unternehmer regelmäßig von Düsseldorf bis zum fast 600 Kilometer entfernten Stammhaus im sächsischen Frankenberg unternimmt, will Thonet den elektronischen Helfer aus seiner Mercedes E-Klasse nicht mehr missen. Rund 40.000 Kilometer fährt er pro Jahr. Da steht er oft und lange im Stau.

Heute jedoch sind die Straßen frei, und Thonet gibt Gas. Der 238-PS-starke V6-Turbodiesel zieht den Japaner souverän in knapp unter sieben Sekunden auf 100 Sachen. „Das ist in Ordnung“, lobt der Tester die Fahrleistung. „Er fährt sich ruhig, keine Hektik im Lenkrad.“ Auch der Motor, bei geringen Drehzahlen noch laut, hält sich jetzt vornehm zurück. Die riesigen Schaltwippen am Steuer, um die Automatik zu umgehen, hält Thonet allerdings für überflüssig. „Benutzt die irgendwer?“ Sein Fazit zum Nissan-Sprössling: „Der hat technisch durchaus das Zeug zum Chefauto.“ Allerdings sei das Design noch reichlich exzentrisch, und zwar sowohl außen wie innen. Thonet bezweifelt, dass viele Chefs für den Japaner ihre BMW-, Audi- und Mercedes-Fahrzeuge stehen lassen würden.

Leder, Holz und Hybridtechnik

Als Nächstes kommt der Lexus an die Reihe, der mit fast 110.000 Euro preislich deutlich mehr Ambitionen zeigt als der Infiniti. Den höheren Anspruch erkennt der Möbelfachmann gleich in der Ausstattung wieder: „Schön und edel, das kann man nicht anders sagen“, lobt er. Cremefarbenes Leder, dunkelbraunes Wurzelholz – „traumhaft“. Thonet streicht mit der Hand über Narbung und Nähte. „Der Wagen ist wirklich gut verarbeitet.“ Das Lenkrad ist für seinen Geschmack dick genug, es fühlt sich angenehm an. Und selbst die Holzintarsien finden Gefallen: „Ist zwar nicht mein Geschmack“, sagt er, „passt aber zum Auto. Und mit diesem matten Finish sieht das Holz wirklich gut aus.“

Der Elegante

Lexus LS 600h

Ihr Flaggschiff hat die Toyota-Marke Lexus schon einige Jahre im Programm, jüngst erhielt der LS ein Facelift. Dank Hybridantrieb gilt der Wagen als Technikvorreiter und soll so gegen S-Klasse und Co. bestehen.

Motor V8-Benzin-Hybrid
Leistung 445 PS
Höchstgeschw. 250 km/h
Drehmoment 520 Nm
Verbrauch 9,3 Liter
CO2-Ausstoß 217 g/km
Preis 110.000 Euro

Als er losfährt, lacht er verblüfft. „Das hätte ich mir nicht so leise vorgestellt.“ Lautlos gleitet der Wagen dahin, allein mit der Kraft des mehr als 200 PS starken Elektromotors. „Das ist wirklich der große Pluspunkt bei Lexus“, sagt Thonet. Klar falle der LS 600 optisch ein wenig gegenüber seinen deutschen Konkurrenten ab – selbst nach seiner letzten Überarbeitung, als er einen eleganteren Kühlergrill und eine neue Frontschürze erhielt. „Aber die Hybridtechnik ist toll“, sagt der Unternehmer. „Wir müssen ja irgendwann auf Alternativen zu den fossilen Brennstoffen zurückgreifen.“ Zudem macht auch der knapp 450 PS starke Verbrennungsmotor Spaß, der sich bald zuschaltet, als Thonet beherzter aufs Gas tritt.

Zurück im Rheinhafen, nimmt er auf dem Rücksitz Platz. Sein Urteil: „Das ist wirklich mal ein Auto für Leute mit Chauffeur.“ Auf Knopfdruck schiebt sich die Lehne nach hinten, die Fußstütze fährt aus. „In dieser Position kann man sogar schlafen“, sagt Thonet. Praktischerweise lassen sich auch die Fenster verdunkeln. Und dann setzt er die acht im Sitz eingebauten, beweglichen Luftpolster in Gang – und lässt sich massieren. „Der Hammer“, freut sich Thonet. „Würde ich bei längeren Fahrten auch benutzen.“ Der Lexus, resümiert er, sei definitiv ein Cheffahrzeug. Und mit seinem gediegenen altmodischen Charme ideal für ältere Unternehmer, für Patriarchen. „Zu mir würde er aber nicht passen.“

Der Chinese ist günstig – und auffällig

Bleibt der dritte Asiate im impulse-Test: der Hover H5, ganzer Stolz der chinesischen Marke Great Wall und mit einem Preis von gerade einmal 35.000 Euro konkurrenzlos günstig. Und das ist bereits der Kurs für die Vollausstattung inklusive der optionalen Flüssiggasanlage. Schon von außen wird aber klar, dass der Chinese in einer völlig anderen Liga spielt als Lexus und Infiniti: „Das ist kein Oberklassefahrzeug“, sagt Thonet, gibt aber auch zu, dass man dem Hover nicht auf den ersten Blick anmerkt, dass er ein chinesisches Fabrikat ist. „Er sieht aus wie alle Geländewagen in dieser Klasse. Und auch lange nicht so billig, wie man nach dem Preis auf der Liste vermuten könnte.“

Außenseiter
Abgeschlagene Japaner Die Marken Lexus und Infiniti gewinnen in Deutschland nur langsam an Boden. Rund 83.000 Fahrzeuge von Lexus wurden 2011 in Deutschland zugelassen, Infiniti schaffte gut 70.000. Zum Vergleich: Mercedes kam auf fast 286.000.
Chinese auf dem Sprung Autobauer Great Wall schickt sich an, die Erfolgsgeschichte der koreanischen Marken Hyundai und Daewoo zu wiederholen. 2012 will man in Europa 8000 Autos verkaufen.

Das Design des Chinesen erinnert Thonet an vergleichbare Autos der koreanischen Marke Ssangyong. Das passt, denn auch die Koreaner haben klein angefangen: Hyundai etwa musste sich vor 20 Jahren für die schlechte Verarbeitung und rumpelnden Motoren seiner Autos verspotten lassen. Und hat sich inzwischen zum akzeptierten Konkurrenten europäischer Autobauer gemausert. Selbst Toyota brauchte Jahrzehnte, bis die Technik mit hiesigen Standards mithalten konnte.

Mit einem spöttischen Blick begutachtet Thonet die Innenausstattung des Hover. Dunkelgraue Kunststoffschalen, grob genarbtes Leder auf den Sitzen. „Das erinnert alles doch sehr stark an die 80er-Jahre. So ein Design gibt es heute noch nicht einmal mehr bei Opel“, sagt der Unternehmer. Der Schalthebel des Great Wall sei so lang wie bei einem Kleintransporter der vorletzten Generation, das Lenkrad viel zu dünn geraten. Der groß gewachsene Thonet setzt sich hinters Steuer und drückt die elektrische Sitzverstellung. Mit einem schrillen Surren schiebt sich der Sitz nach hinten. „Also, sonor hört sich das nicht gerade an“, sagt er und klingt amüsiert.

Der Robuste – Great Wall Hover H5

Great Wall Hover H5

Der Exot im Autotest kommt vom chinesischen Hersteller Great Wall, der gerade als erster Autobauer aus dem Reich der Mitte ein Werk in der EU eröffnet hat. Mit Gasantrieb und Mitsubishi-Motor soll der H5 in der Businessclass punkten.

Motor 4-Zylinder Benziner
Leistung 126 PS
Höchstgeschw. 179 km/h
Drehmoment 200 Nm
Verbrauch 10,3 Liter
CO2-Ausstoß 222 g/km
Preis: 35.000 Euro

Thonet lässt den 126-PS-Benzinmotor an und fährt los. „Klingt nicht besonders“, findet er, „aber auch nicht ungewöhnlich.“ Das Aggregat stammt von Mitsubishi, die Japaner liefern die Antriebseinheit zu. So richtig wohl fühlt sich Thonet im Hover nicht: „Nach dem Lexus ist das natürlich ein undankbarer Vergleich. Er ruckelt ganz einfach stark.“ Die Schaltwege sind dem impulse-Tester zu lang und die Schaltung zu hakelig. „Immerhin hat der Bordcomputer einen Touchscreen, es gibt elektrische Fensterheber und elektrisch verstellbare Spiegel.“ Thonet ist sich sicher, dass Chefs mit einem Great Wall zumindest überall zum Gesprächsthema werden: „So ein Auto hat ja sonst keiner.“

Wie weit also sind Japaner und Chinesen in Sachen Chefauto? „Der Lexus hat eindeutig die größte Chefautoqualität“, sagt Thonet. „Die anderen beiden müssen sich dazu noch weiterentwickeln.“ Infiniti hat Nachholbedarf beim Design. Und Great Wall – nun ja: „Die brauchen einfach noch ein paar Jahre.“ Auf die Autobahn, sagt Thonet, würde er sich mit dem Chinesen jedenfalls noch nicht trauen. „Das ist mir zu unsicher.“

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus impulse-Ausgabe 05/2012.

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