Leben Vorsicht, Droge!

Wer einmal angefangen hat, kommt nicht mehr davon los: Opern von Richard Wagner machen süchtig, wie Fans berichten. Unternehmer sind besonders gefährdet.

Dieser kurze Moment Nichts. Es ist dieser kleine, bange Moment, nachdem das Licht im Saal ausgegangen ist, bevor das Orchester einsetzt, der Margot Müller nach all den Jahren noch immer erstarren lässt. Der Moment, bevor alles losbricht – bevor Lindwürmer, Halbtote und Wassergeister die Bühne erobern, Liebestränke und Liebesschwüre verteilt, Weltschmerz, Hass, Tod und Erlösung besungen werden. In diesem kurzen Augenblick lässt die Unternehmerin los, ­ihren Alltag, ihre Firma, den letzten Termin. Dann lässt sie sich in die Musik hineinfallen. Diesen Sog zu erzeugen, das gelingt nur einem: Richard Wagner.

„Diese Worte! Zu dieser Musik! Das hat mich derart gepackt“, sagt sie, „dass meine Liebe zu den Werken von Richard Wagner und die Sucht, mehr davon zu erleben, immer größer wurden.“ Müller fährt dieses Jahr zum 49. Mal zu den Bayreuther Festspielen, sie will dort bis zu 15 Aufführungen besuchen.

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Kaum ein Komponist polarisiert mehr als Richard Wagner. 129 Jahre nach seinem Tod wird er rasend geliebt oder leidenschaftlich verachtet („Ich kann nicht so viel Musik von Wagner hören“, heißt es in einem Film von Woody Allen, „ich hätte sonst den Drang, Polen zu erobern.“). Aber welcher andere Komponist hat so treue Anhänger, dass sie, wie Fans beim Fußball, einen eigenen Namen tragen? „Wagnerianer.“ Der internationale Richard-Wagner-Verband verzeichnet mehr als 23 000 registrierte Mitglieder weltweit, die Zahl der nicht organisierten Anhänger geht in die Millionen.

Wenn die Bayreuther Festspiele ab dem 25. Juli die Opernwelt für vier Wochen in Atem halten, sitzen Politiker wie Entertainer im Publikum – und viele Unternehmer. Erich Sixt oder Miele-Chef Reinhard Zinkann bekennen sich als Wagner-Fans. Auch der Hamburger „Containerkönig“ Ian Karan zählt dazu. Doch was bringt Unternehmer dazu, ihre knappe Freizeit in ewig langen Aufführungen eines Komponisten zu verbringen, der Kaufleute hasste und sie als „badereisende Faulenzer“ beschimpfte? Warum reisen sie quer durch ganz Deutschland und um die halbe Welt, um eine Inszenierung zu sehen? Was bewegt sie dazu, jede Menge Geld in Fördervereine und Stiftungen zu stecken, um das Erbe ihres Idols zu bewahren?

Margot Müller seufzt, lächelt nachsichtig. Und erzählt von ihrem ersten Mal. „Tannhäuser“ – bei der Verszeile „Dein süßer Reiz ist Quelle alles Schönen, und jedes holde Wunder stammt von dir“ war’s um sie geschehen. Ihr mittlerweile verstorbener Lebensgefährte hatte sie damals mitgenommen in ihre erste Wagner-Oper. 60 Jahre waren die beiden ein Paar, tausendmal haben sie zusammen den „Ring“, „Tannhäuser“, den „Tristan“ gesehen, einmal in der Metropolitan Opera in New York, am liebsten aber immer wieder in der Bayerischen Staatsoper München. „Da ist der Moment, bevor es beginnt, wenn der Kronleuchter hochgeht und die Lämpchen verglühen, einfach wunderbar.“ In Bayreuth, überschlägt die Unternehmerin, war sie an die 250-mal. Die Inszenierungen „vom Wieland und Wolfgang“, den beiden Wagner-Enkeln, habe sie „immer gern gesehen“. Mit Wolfgang Wagner ist sie inzwischen befreundet.

Müller, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, ist eine der größten Wagnerianerinnen Deutschlands. Als sie sich vor ein paar Jahren auf einem Empfang von Katharina Wagner, der Urenkelin des Komponisten, der Bundeskanzlerin vorstellen wollte, sagte Angela Merkel nur: „Aber Frau Müller, ich weiß doch, wer Sie sind!“

Spurensuche im Büro der Wagner-Süchtigen, einem Glaskasten in der Mitte ihres Renault-Autohauses in Würzburg. Es riecht nach Gummi und Neuwagen. Die Wände sind mit Fotos verziert: der Grüne Hügel vor dem Festspielhaus in Bayreuth, Müller im „Fanlokal“ der Wagnerianer, dem Bürgerreuth, zusammen mit Freunden und den großen Opernstars. Darüber hängt eine große Fotomontage, auf der Müller und Richard Wagner einander schmunzelnd in die Augen schauen.

Der Komponist ist hier wirklich überall: Auf den Tischen und in den Regalen des Büros stapeln sich Libretti, Programmhefte und jedwede Literatur. Ihre private Bibliothek mit Büchern über Leben und Werk Wagners sei „nahezu komplett“, sagt Müller. „Platten habe ich so viele, dass ich gar nicht dazu komme, sie alle zu hören. Mein Alltag als Unternehmerin war immer viel zu voll für all den Stoff.“

Erst Anfang des Jahres ist die 90-Jährige nach 66 Berufsjahren aus dem operativen Geschäft ausgestiegen. Trotzdem geht sie noch jeden Tag ins Büro. „Nur eben nicht mehr um 8, sondern erst um 10 Uhr.“ Dann kümmert sie sich auch um ihre Ehrenämter und Projekte: als Präsidentin des örtlichen Richard-Wagner-Verbands, als Mitglied des Kuratoriums der Festspiele in Bayreuth, als Antreiberin des Freundeskreises und als Organisatorin von Busfahrten für Wagner-Fans.

Bayreuth, Bayreuth. Immer wieder Bayreuth. Für Wagnerianer ist der Grüne Hügel ein beinahe mythischer Ort. Ian Karan wollte schon nach Bayreuth, bevor er überhaupt zum Wagner-Fan wurde. Dem Unternehmer gehört das Containerleasing-Unternehmen Capital Intermodal mit Büros in Hamburg und Hongkong. Er war auch mal Wirtschaftssenator in der ­Hansestadt.

„Ich wollte einfach immer mal nach Bayreuth“, sagt der Unternehmer. Ein Freund, mit dem er die Opernfestspiele in Salzburg besuchte, wettete mit ihm, dass er es nicht schaffen würde. Wenn man niemanden in der Festspielleitung oder aus den inneren Kreisen kennt, ist es schwer, an Tickets zu kommen. Das Verfahren der Kartenvergabe ist undurchsichtig (für die Zukunft sind Verbesserungen geplant, vgl. Kasten auf Seite 115). „Irgendwie war das für mich ein Ansporn“, sagt Karan. Und siehe da: Ein paar Monate später hatte er Tickets über Kontakte ergattert. 2006 war er das erste Mal in Bayreuth.

Etwas nervös vorab, wie er gesteht, aber dann restlos hingerissen. Das Klang­erlebnis sei unvergleichlich ergreifend. „Man hört ja viel Schlechtes über Bayreuth“, sagt ­Karan. „Es sei Schickimicki, stickig, unbequem und zu lang. Und alles stimmt bis zu einem ­gewissen Grad.“ Einmal habe er in der achten Reihe gesessen, ungefähr dort, wo ein paar Tage zuvor noch die Kanzlerin den „Parsifal“ gesehen hatte. Da habe sein Sitznachbar, ein Amerikaner, tatsächlich seine Jacke ausgezogen, weil es so heiß war, zudem Hemd und ­Hose aufgeknöpft. Unfassbar, findet Karan: „So ein Banause.“

Aber die Musik, sie mache solche Erlebnisse wieder wett. Karan ist seit seiner ersten Oper in Bayreuth wagnerfiziert. Er geht so oft wie möglich in die Oper. An diesem Abend will sich der begeisterte Wagnerianer sogar in einem Hamburger Kindertheater den „Fliegenden Holländer“ ansehen. Der Regen prasselt, als er sich auf den Weg macht. Das passt zu Wagner, findet Karan. „Die Musik verbessert nicht unbedingt meine Stimmung. Im Gegenteil: Manches ­deprimiert mich regelrecht.“ Die bisweilen bedrohlichen, meist lauten und eindringlichen Klänge sind nicht gerade leicht verdaulich. „Man hört Wagner nicht unbedingt, weil man Freude dabei haben will“, sagt Karan. „Trotzdem ist es ein Erlebnis, das schnell nach mehr verlangt. Je mehr man hört, desto mehr will man.“

Wagner, seine Stoffe, seine Musik, das Drumherum, bieten ein riesiges Spektakel. „Er ist unerreicht“, sagt der Dirigent Marek Janowski. Das unterschreiben sogar seine Gegner. Sie finden die Stoffe abstrus, die Musik niederschmetternd, die Vergötterung aberwitzig. Dazu der Mensch: Egomane, Antisemit, Chauvinist. „Wagner ist krank“, schrieb Friedrich Nietzsche. Hitler war ein Fan. Wehren konnte sich der Musiker dagegen nicht – 1933 war Wagner schon ein halbes Jahrhundert tot.

Karan, geboren in Sri Lanka und aufgewachsen in Großbritannien, macht sich auch so ­seine Gedanken über Wagner und die Deutschen. „Ich glaube, er interpretiert die deutsche Seele.“ Die Deutschen hätten etwas Schweres an sich, seien aber trotzdem liebenswert. „Ich bin kein Psychologe, der das interpretieren kann, aber trotz ihrer wirtschaftlich komfortablen Situation ist bei den Deutschen eine gewisse Schwermut festzustellen. Ich finde, dass Wagner das in seinen Werken gut transportiert.“

Gruppenreise in die Oper

Gleich fliegt der Holländer los. „Man sitzt ja schon mal ähnlich wie in Bayreuth“, sagt Karan lachend. Mit anderen Worten: total unbequem. Was Karan dann macht, empfiehlt auch Margot Müller jedem Neuling: Er lehnt sich zurück und lässt sich von der Musik mitnehmen. Er lächelt, genießt, lobt mal flüsternd das Bühnenbild, mal die Stimmgewalt des Holländers („beeindruckend“). „Südwind! Südwind!“, brüllt das Ensemble, Hörner scheppern, Trommeldonner, Karan schwelgt, während um ihn herum die düsteren Töne gegen die Wände knallen.

Der Unternehmer hofft, auch dieses Jahr wieder Karten für Bayreuth zu ergattern. Eine halbe Million Kartenbestellungen laufen bei der Festspielleitung jedes Jahr auf. Das sind rund zehnmal mehr Anfragen, als es überhaupt Plätze in den 30 Aufführungen gibt. Die Warteliste ist lang. Fünf Jahre Vorfreude auf einen Konzertbesuch sind durchaus normal. Die Fans warten trotzdem.

Einen Vorteil haben die Mitglieder der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth e. V. Insgesamt erhält der aus etwas mehr als 5000 Mitgliedern bestehende Freundeskreis ein Kon­tingent von 3000 Karten. Wer über den Jahresbeitrag von 205 Euro hinaus für Wagner spendet wie Karan, steigert seine Chance, Tickets abzubekommen.

Auch Margot Müller fördert den Freundeskreis, daneben das Mainfranken Theater in Würzburg, wo Richard Wagner einst als Chordirektor gearbeitet hat. Mit ihrer privaten Herbert Hillmann und Margot Müller Stiftung unterstützt sie die Urenkelin des Komponisten, Katharina Wagner, mit jährlich 30 000 Euro bei der Inszenierung von Kinderopern. Im Laufe ihres Lebens hat Müller einen beträchtlichen Teil ihres Vermögens Wagners Erben gestiftet. Der Komponist ist ihre Mission.

Deswegen hat sie sich vor einigen Jahren auch einen Mercedes-Bus mit 44 Sitzen gekauft. Auf dessen Seite steht das „Rheingold“-Zitat: „Durchstöbert im Sturm alle Winkel der Welt“. Der Bus bringt Mitglieder des Wagner-Verbands Unterfranken zu Opernaufführungen in ganz Europa. Müller selbst ist immer mit an Bord, verteilt Gebäck, schenkt Frankenwein aus und gibt, ganz klar, eine kleine Einführung in die Oper.

Hat sie die immergleichen Drachen und zu erlösenden Seemänner nie über? „Es gibt ab und zu Inszenierungen, die sind ein bisschen langweilig“, gesteht Müller. „Doch die Musik fesselt mich jedes Mal.“ Zu Tränen bewegen sie die aufwühlenden Geschichten vom Leiden und von der Liebe nicht mehr. „Ich weiß ja immer, wie es ausgeht. Aber wenn es im ‚Lohengrin‘ heißt ‚Das süße Lied verhallt; wir sind allein, zum ersten Mal allein, seit wir uns sahn‘, dann rührt mich das dann doch.“

Mit dem „Parsifal“ von Christoph Schlingensief, der 2004 in Bayreuth aufgeführt wurde, hat Müller sich dagegen schwergetan. „Ich kannte Herrn Schlingensief persönlich und habe ihn sehr, sehr geschätzt, aber der Schluss mit den verwesenden Hasen auf der Bühne, bei dieser wunderbaren Musik, in der alles nach Erlösung ruft? Damit hatte ich meine Probleme.“

Eine Vorstellung vorzeitig zu verlassen oder gar „Buh!“ zu rufen, das ist der Wagnerianerin dennoch nie in den Sinn gekommen.

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