Leben Was darf’s sein, Marc Eckert?

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Interview mit Marc Eckert, Geschäftsführer von Fa. Bulthaup, im Ristorante Bellini, Landshut

Interview mit Marc Eckert, Geschäftsführer von Fa. Bulthaup, im Ristorante Bellini, Landshut© Simon Katzer

Der Chef von Bulthaup war als Anwalt glücklich. Als die Familie rief, kam er ins eigene Unternehmen – und beschäftigt sich seitdem mit Küchenphilosophie.

Wissen Sie, wo es die besten italienischen Restaurants gibt?“, fragt Marc Eckert beim ersten Schluck Mineralwasser und antwortet selbst: „In Japan.“ Dort perfektioniere man die italienische Küche bis ins Detail: Pasta auf die Sekunde al dente, Antipasti aus dem erlesensten Gemüse der Welt. Der Bulthaup-Chef mag sein Essen, so wie er Küchen bauen lässt: ohne Schnörkel, dafür mit schon fast penetrantem Perfektionismus.

Deshalb ist er heute Mittag wie so oft ins Ristorante Bellini nach Landshut gekommen. An den Wänden hängen altmodische Opernplakate, auf der Karte gibt es Pizza ab 5,50 Euro. Das Restaurant, das Wirt Maurizio Ritacco seit 20 Jahren in der Innenstadt betreibt, ist kein überkandidelter Gourmetpalast, sondern verströmt familiäre Atmosphäre. „Hier ist alles absolut hand-picked, mit den allerbesten ausgewählten Zutaten“, schwärmt Eckert.

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Zur Vorspeise bringt Ritacco Yellow-Thunfischfilets, Garnelen und Tintenfisch in Rote-Bete-Creme. „In München habe ich die Erfahrung gemacht, dass Italiener kommen und gehen“, sagt Eckert. „Oft lässt da schon nach wenigen Monaten die Qualität nach. Hier ist es seit Jahren immer gleich gut.“

Qualität, Beständigkeit – um diese Begriffe kreist Eckerts Leben, seit er 2010 in dritter Generation die Führung bei Bulthaup übernommen hat. Der Edelhersteller aus dem niederbayerischen Aich baut nicht einfach nur Küchenmöbel, sondern High-End-Innenarchitektur zum Leben und Kochen, jedes Exemplar individuell zugeschnitten. Das Topmodell b3 gibt es ab etwa 40 000 Euro. Wer Küchen zum Preis eines 5er BMWs verkauft, muss sicherstellen, dass sie Jahrzehnte halten und auch in 20 Jahren nicht aus der Mode fallen.

Eckerts Großvater hat das Unternehmen gegründet, sein Onkel Gerd Bulthaup machte es Eckerts Großvater hat das Unternehmen gegründet, sein Onkel Gerd Bulthaup machte es zur Weltmarke, mit 125 Millionen Euro Jahresumsatz. Als Gerd Bulthaup sich 2002 aus dem operativen Geschäft zurückzog, holte er angestellte Manager nach Aich. Eckert arbeitete damals als Wirtschaftsanwalt in München. „Meine Lebensplanung war nie Bulthaup. Ich wollte immer unabhängig sein“, sagt er. Als der Küchenhändler 2009 in der Wirtschaftskrise unter Druck geriet, beschloss die Familie, das Tagesgeschäft wieder selbst in die Hand zu nehmen. Die Wahl fiel auf Eckert.

Einmal jährlich: Steine zählen

Als Anwalt mochte er es, diagnostisch und strukturiert zu denken. Nun lernte er das Philosophieren, mit 38 Jahren. Sein Onkel Gerd Bulthaup hatte sich sein Leben lang mit der Bauhaus-Denkschule beschäftigt und zusammen mit dem legendären Designer Otl Aicher eine Produktphilosophie entwickelt, die weit über Formen und Funktionen hinausging.

Und der diagnostisch denkende Nachfolger? Nimmt, während er auf den Zwischengang wartet – hausgemachte Ravioli mit Edelfisch und Langusten in Safran-Blütensauce –, sein Besteck und schiebt es auf dem Tisch hin und her. „Wir haben die serielle Industriegesellschaft verlassen“, sagt Eckert und schiebt sein Messer nach vorn, den Löffel nach links. „In der Wissensgesellschaft erwarten die Menschen, dass Produkte individualisierbar sind.“ Löffel nach rechts, Messer zurück. Deshalb habe man ein neues Innenleben für Besteckschubladen entwickelt, erklärt er und dreht die Gabel im rechten Winkel. Das Besteck liege nun quer und leicht zu greifen in der Schublade. Statt fester Fächer gebe es Reiter zum Verschieben. „Sie sind Herr Ihres Lebens.“

Eckerts eigenes Leben wird vor allem vom Geschäft diktiert. Der 42-Jährige hat einen 20 Monate alten Sohn, den er aber kaum aufwachsen sieht, wie er sagt. Er reist viel in Wachstumsmärkte wie Hongkong oder Singapur. Zeit für Hobbys bleibt keine. Nur eine Woche im Jahr nimmt sich der Unternehmer eine Auszeit. Dann fliegt er nach Japan, setzt sich etwa in Kyoto in den Zen-Garten und denkt nach. „Der Garten hat 15 Steine, und Sie können aus jeder Perspektive immer nur 14 Steine sehen, einer ist verdeckt.“ Eckert schneidet sich ein Stück Involtini vom Wolfsbarsch mit Trüffelcreme zurecht und führt dabei seinen Gedanken zu Ende: In Japan gebe es die Vorstellung des „Wabi-Sabi“, das Perfekte mit dem Unperfekten zu vereinen. Das fasziniere ihn.

In seiner eigenen Küche hat Eckert das Konzept schon verwirklicht. Dort steht neben dem Bulthaup-Küchenblock ein alter Ikea-Sessel aus seiner Studentenwohnung. Hier sitzt er jeden Morgen, trinkt seinen Kaffee, liest auf seinem iPad die aktuellen Nachrichten und telefoniert. In der Küche verbringt er zu Hause die meiste Zeit. Nur ein Gerät benutzt er dort selten: den Herd. „Ich kann gar nicht gut kochen“, bekennt Eckert. „Ich kann höchstens ein Spiegelei machen.“

Ristorante Bellini
Nach Stationen bei Spitzenköchen in ganz Europa hat Maurizio Ritacco vor 20 Jahren sein eigenes Restaurant am Rand der Landshuter Innenstadt eröffnet und ist seitdem eine Institution. Das Angebot reicht von einfachen Pastagerichten bis zu edlen Trüffelspezialitäten.
Bulthaup
Gehört zu den weltweit erfolgreichsten Herstellern von Premiumküchen. Das Familienunternehmen produziert seit 1959 mit derzeit rund 500 Mitarbeitern im niederbayerischen Aich. 80 Prozent des Umsatzes erzielt Bulthaup im Ausland.

 

 

cover_110 Aus dem impulse-Magazin 04/2013
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