Management Alternativen zum Akkord: Wie sich Arbeitsmodelle für ältere Arbeitnehmer rechnen

Frontmodulmontage der C-Klasse im Mercedes-Benz Werk Bremen

Frontmodulmontage der C-Klasse im Mercedes-Benz Werk Bremen© Daimler

Fließbänder sind gnadenlos. Sie hängen ältere Arbeiter, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr mitkommen, ganz einfach ab. In alternden Belegschaften ist das ein Riesenproblem, denn Zeit ist nun mal Geld. Doch es gibt Lösungen, die sich sogar rechnen.

Für Peter Kaiser drehte sich der Arbeitstag früher in 387 immergleichen Schleifen. 13 Jahre lang stand er im Volkswagen-Stammwerk in Wolfsburg am Band, für einen Arbeitstakt hatte er 60 Sekunden, dann wieder von vorne, 387 Mal in einer Schicht – mal früh, mittel oder spät. „Die Arbeit war nicht unbedingt körperlich schwer, schwer war der starre Takt“, sagt der 55-Jährige. Der Rücken, der Kreislauf, fehlender Appetit – Kaiser bekam ernsthafte Probleme.

Wie dem VW-Mitarbeiter geht es vielen Arbeitnehmern. Laut Rentenversicherung gehen seit 2004 wieder mehr Menschen wegen „verminderter Erwerbsfähigkeit“ früher als gewollt in den Ruhestand. 596 Euro pro Monat zahlt die Kasse dann im Schnitt – nur rund 200 Euro über Hartz-IV-Niveau. Wegen „verminderter Erwerbsfähigkeit“ gab es allein im jüngsten Berichtsjahr 2011 rund 180.000 Rentenneuzugänge. Peter Kaiser aber blieb das erspart. Er wechselte vom Band ins neue VW-eigene Logistikzentrum, in dem Arbeitsplätze auf eingeschränkte Mitarbeiter zugeschnitten sind.

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Im Sprachjargon der Arbeitswelt ist von „Leistungsgewandelten“ die Rede. Der Fachbegriff meint, dass das Niveau der Arbeitsproduktivität absinkt. Er meint aber auch, dass die Leistung wieder steigen kann, wenn eine angepasste Aufgabe kommt. Kaiser sagt zum neuen Job: „Ich habe mich hier sofort gefühlt wie im Paradies. Dabei ist das hier kein Sanatorium, auch wir haben Vorgaben, was zu schaffen ist“, sagt der 55-Jährige. Nur wenn der Kreislauf doch mal wieder verrückt spiele, „kann man hier eben auch mal draußen frische Luft schnappen“.

Alternativen zum Akkord

Für die IG Metall ist das Thema altersgerechte Beschäftigung ein Zukunftsfeld, „weil in vielen Betrieben gesundheitsverschleißende Arbeitsbedingungen nicht zu übersehen, altersgerechte Arbeitsplätze und eine demografiesensible Personalpolitik hingegen nicht in Sicht sind“, sagt Gewerkschaftsvorstand Hans-Jürgen Urban.

Bei Volkswagen hat das Projekt noch eine weitere Dimension: Ursprünglich wollte der Autobauer das Logistikzentrum zwar von der eigenen Immobilientochter bauen, aber von einer Fremdfirma betreiben lassen. Dann entschied er sich doch gegen das Outsourcing. Dieser Aspekt steht in der Autobranche derzeit verstärkt auf der Agenda – auch getrieben von Altersfragen. Mercedes in Bremen etwa hat ähnliche Projekte. Dort konnten sich 2009 laut einer Betriebsratsumfrage drei von vier Beschäftigen nicht ausmalen, noch bis zur Rente durchzuhalten. Alternativen zum Akkord werden dort nun ebenfalls nicht mehr ausgelagert, berichtet die IG Metall.

Autobauer Audi wählte für seine „Silver Line“ – das Band für den Sportwagen R8 – gezielt ältere Mitarbeiter. „Dabei handelt es sich nicht um „leichtere Arbeiten““, stellt Audi klar. Vielmehr benötige das komplexe Luxusmodell R8 auch mehr Erfahrung. „Gleichzeitig bedeuten die längeren Arbeitstakte auch eine reduzierte körperliche Belastung für die Mitarbeiter.“ Zwei Fliegen mit einer Klappe also.

Studie: angepasste Aufgaben können Effizienzsteigerungen bringen

Die Arbeitgeberlobby BDA schreibt zum Thema: „Die Mehrheit der Unternehmen in Deutschland weiß, dass der demografische Wandel die Personalpolitik vor erhebliche Herausforderungen stellt.“ Gezielt altersgemischte Teams seien ein Ausweg – und oft sogar erfolgreicher. Eine Doktorarbeit an der Technischen Universität München kam 2010 zu dem Schluss, dass sich die Integration Leistungsgewandelter durchaus mit Effizienzsteigerungen verbinden lässt.

Auch VW ist überzeugt, dass sich das rund 26 Millionen Euro teure Projekt Logistikhalle rechnet. Die angepassten Arbeitsplätze mit Hebekränen, Hebebühnen oder Packhilfen schlügen nicht über Gebühr zu Buche. Astrid Lühring, Chefin der internationalen Materiallogistik bei VW, sagt sogar: „Schon Mitte 2014 haben wir diese Mehrkosten wieder drin.“ Dann ist das Projekt keine zwei Jahre alt.

Auch die Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation (BAR) meint, ein derartiges Modell ergebe volks- und eben auch betriebswirtschaftlich Sinn. Das Betriebsklima profitiere und viel Fachkompetenz bleibe erhalten. „Mitarbeiter, die auch bei ihren gesundheitlichen Problemen unterstützt werden, sind motiviert und erzielen bessere Arbeitsergebnisse“, so die BAR.

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