Management Ausländer rein!

Die Nachfolgelücke in deutschen Familienfirmen droht dramatische Ausmaße anzunehmen. Was liegt da näher, als Migranten die Führung von Unternehmen anzuvertrauen? Berliner Forscher stießen auf Unverständnis. Und Vorurteile.

Manchmal setzt sich der Unternehmer Mustafa Aktas frühmorgens an seinen Schreibtisch und reist in Gedanken noch einmal durch sein Leben. Vor ihm auf dem Tisch steht ein leicht verblichenes Foto. Es zeigt sein Elternhaus in der Mittagssonne, ein einfaches Haus in einem türkischen Dorf an der Schwarzmeerküste, den Ort seiner Kindheit. Der Weg dorthin zurück führt ihn durch seine Zeit als Angestellter, die Ausbildung zum Glaser, den Hauptschulabschluss, die Ankunft in Deutschland im ­Winter 1990. 14 Jahre war er alt, konnte kein Wort Deutsch. Wenn Aktas davon erzählt, muss er schmunzeln. „Einen Namen wie Fritzsche hätte ich damals kaum aussprechen können“, sagt er.

Heute meldet sich der 34-jährige Türke mit „Fritzsche“ am Telefon. Fritzsche steht auf dem Klingelschild seines Betriebs, auf dem Lieferauto, auf seiner Visitenkarte: Glasschleiferei und Spiegel­belegerei Hermann Fritzsche GmbH. Nach seiner Ausbildung in einem anderen Betrieb hat Aktas zehn Jahre als Angestellter für Wolfgang Fritzsche gearbeitet. 2007 schließlich hat er den Laden von seinem Chef übernommen, der 1972 wiederum seinen Vater Hermann Fritzsche beerbt hatte.

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Abstract
Das mehrjährige Berliner Forschungsprojekt Migranten als Nachfolger (MiNa) stellte fest, dass Migranten jährlich lediglich rund 12.000 Betriebe übernehmen, deutlich zu wenig, um die Nachfolgelücke schließen zu helfen. Gründe sind Wissensmängel der potenziellen Nachfolger, aber auch Vorurteile der Übergebenden sowie eine mangelhafte interkulturelle Vernetzung.

Damit erfüllt Aktas alle Kriterien, um für Birgit Felden interessant zu werden. Die Professorin an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin ist der Frage nachgegangen, welche Rolle Migranten als Nachfolger von Unternehmern im deutschen Mittelstand spielen. Die zentrale Erkenntnis: Bezogen auf ihren Anteil an der Bevölkerung übernehmen Migranten unterdurchschnittlich häufig deutsche Unternehmen. „Das ist verschenktes Potenzial“, sagt Felden. Die meisten ihrer Kollegen aus Wissenschaft und Praxis denken ähnlich.

Denn dem deutschen Mittelstand fehlt Führungsnachwuchs. Vor allem bei Unternehmen in Familienhand übernehmen Kinder den elterlichen Betrieb immer seltener, oft fehlt es an Nachfolgern. Allein 2010 wurden fast 2000 Unternehmen mit mehr als 23.000 Arbeitsplätzen aufgegeben, weil sich keine geeigneten Nachfolger fanden. „Es ist bewiesen, dass Menschen mit Migrationshintergrund besonders gründungsfreudig sind. Da liegt es nahe, dass sie auch eher bereit sind, die Leitung von Unternehmen zu übernehmen“, sagt Felden. „Sie könnten diese Lücke ein Stück weit schließen.“

Trotz der gesellschaftlichen Relevanz wurden Migranten als Nachfolger bislang kaum systematisch untersucht. Das liegt auch daran, dass Daten schwer zu bekommen sind. Wann zum Beispiel spricht man von Personen mit Migrationshintergrund? Müssen sie einen ausländischen Pass haben oder nicht? „Viele Ämter und Organisationen verwenden da in ihren Datenbanken sehr unterschiedliche Definitionen“, sagt Felden. Sie musste für ihre Studie erst einmal definieren, was Nachfolge überhaupt genau heißt. Wenn jemand von seinem Vorgänger das Unternehmen zu 100 Prozent erwirbt, leuchtet es ein, von Nachfolge zu sprechen. Aber wie sieht es mit Pachten aus? Und was, wenn ein Unternehmen erst formell liquidiert, dann in Teilen verkauft und später fast identisch neu gegründet wird? Wenn jemand eine Firma nur zu 50 Prozent übernimmt, zählt er dann schon als Nachfolger?

Bei Mustafa Aktas war die Lage eindeutig: Er kaufte Wolfgang Fritzsche seine Glasschleiferei zu 100 Prozent ab. Als Fritzsche auf die 65 zuging, sprach Aktas ihn einfach an: „Wie lange wollen Sie eigentlich noch arbeiten?“ – „Ich könnte mir vorstellen aufzuhören. Und dass Sie den Laden übernehmen“, antwortete Fritzsche. Es passte bei beiden. Ein paar Worte, und die Sache war klar. Keine großen Verhandlungen, sie wurden sich schnell einig. „Ich hatte schon lange darüber nachgedacht, mich selbstständig zu machen“, sagt Aktas. Heute hat er fünf Angestellte und einen langjährigen Kundenstamm, den er sich bei einer Neugründung erst mühsam hätte aufbauen müssen.

Migrationshintergrund Nachfolge
Der Studie zufolge haben alle Personen einen Migrationshintergrund, die nach 1949 in das heutige Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zugewandert sind, sowie alle in Deutschland geborenen Ausländer und alle in Deutschland als Deutsche Geborenen mit zumindest einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil. Nachfolge bedeutet für die Wissenschaftler die mehrheitliche Übernahme eines bestehenden Betriebs in Eigentum und Management. Das kann auch durch eine Übertragung von Eigentums- und Managementrechten geschehen. Dabei muss die nachfolgende Generation nicht notwendigerweise aus der Eigentümerfamilie stammen.

So wie viele seiner gründungsfreudigen Kollegen. Einer Studie des Beratungsunternehmens Evers & Jung zufolge wurden allein 2009 etwa 130?000 Gewerbebetriebe von Personen ohne deutsche Staatsbürgerschaft angemeldet. „Im Jahr 2009 sind Ausländer mehr als dreimal so gründungsfreudig wie Deutsche“, heißt es in der Untersuchung, die vom Bundeswirtschaftsministerium in Auftrag gegeben wurde (siehe auch Grafik auf Seite 18). Migranten aus Osteuropa gründeten zuletzt besonders häufig, Menschen aus Polen etwa: Bezogen auf ihren Anteil an allen Erwerbspersonen versuchen sie sich 15-mal häufiger mit der Selbstständigkeit als Deutsche.

Auch der Ein-Mann-Fliesenleger-Betrieb oder die Eröffnung einer Dönerbude sind Neugründungen, Kleinstbetriebe machen den Großteil der Gründungen aus. Seltener hingegen sind Migranten als Unternehmer in wissensintensiven Branchen aktiv, wie Elisabeth Müller von der Frankfurt School of Finance & Management 2011 in einer Studie zeigte: Im Vergleich zu einheimischen Unternehmern gründen Migranten nur halb so oft ein Unternehmen in einer wissensintensiven Branche. Sie fand aber auch heraus: Unternehmen, die „gemischte“ Eigentümer haben, also mit und ohne Migrationshintergrund, sind durchschnittlich mindestens so groß wie Firmen, die sich ausschließlich im Besitz von Deutschen befinden. Migranten und Deutsche, beide scheinen von einer Kooperation zu profitieren. Warum aber sind Migranten trotzdem seltener Nachfolger in deutschen Unternehmen?

Birgit Felden und ihre Kollegen haben eine Reihe möglicher Faktoren ausgemacht. Einen ersten Hinweis lieferte ihre Analyse der Daten: Unternehmensübernahmen durch Migranten kommen meist innerhalb ihres kulturellen Umfelds zustande, das Unternehmen wird innerhalb der gleichen ethnischen Gruppe durchgereicht. Ein Italiener etwa übernimmt seltener ein Unternehmen von einem Deutschen als von einem Italiener. „Das klingt erst einmal einleuchtend“, sagt Felden.

Ethnische Gruppen bleiben eher unter sich, folglich werden auch Nachfolgen eher innerhalb dieser Gruppen geregelt. Doch die fehlende Integration schafft Trennung: Fremden stehe man misstrauisch gegenüber, das sei nun einmal der Normalfall, sagten Experten und ehemalige Firmeninhaber in systematischen Interviews im Rahmen der Studie von Felden. Was als normal angesehen wird, scheint das Problem zu sein: Es steht einem Miteinander von deutschen, nach Nachfolgern suchenden Unternehmen und an sich nachfolgebereiten Migranten oft im Weg.

Aktas hat diese ethnische Trennlinie von seinem Vorgänger Wolfgang Fritzsche nie zu spüren bekommen. Doch die Verhandlungen bei der Bank über den Kredit für die Übernahme zogen sich monatelang hin. Mehrmals brachte Aktas Wolfgang Fritzsche mit, damit er den Anzugträgern hinter dem Schreibtisch noch einmal versicherte, dass sich mit der Glasschleiferei tatsächlich Geld verdienen lässt. „Mein Migrationshintergrund hat das ganze Verfahren sicher nicht gerade beschleunigt“, sagt Aktas.

Probleme mit der Gewährung von Krediten hat auch Birgit Felden bei ihren Befragungen ausgemacht. Weitere häufige Schwierigkeiten der Migranten: mangelnde Deutschkenntnisse, unzureichende Qualifikation, die Intransparenz und Komplexität von Behördenabläufen, erlebte und gefühlte Diskriminierung. Eine ganze Reihe von Problemen, die Mikail Aydöner, 32, türkischstämmig, auf seinem Weg zum Erfolg allerdings kaum zu spüren bekam. Nach seinem BWL-Studium arbeitete er im Management des Duisburger Hotels Zum Löwen, seit Jahrzehnten in Familienbesitz. Nach sechs Monaten pach­tete er das Hotel, wenig später übernahm er es. Heute ist Aydöner Besitzer zweier Hotels und eines Gourmetrestaurants in Duisburg.

Als er sich selbstständig machte, kam es ihm zugute, dass er in Deutschland aufgewachsen ist: „Ich kenne Duisburg, die Hotelbesitzer, weiß, worauf es hierzulande ankommt, um gut zu verhandeln und die Kunden zufriedenzustellen“, sagt Aydöner. „Ein Migrationshintergrund macht vieles sicher nicht leichter, aber es muss auch nicht schwieriger sein.“ Wer hingegen gerade erst eingewandert sei und noch wenig Einblick in die Gesellschaft habe, komme meist gar nicht erst infrage für eine Nachfolge in einem deutschen Unternehmen – selbst wenn er in hoher Position einsteigt.

Noch immer scheint es eine Art unsichtbare Grenze zu geben. Wer drinnen ist, dem eröffnen sich Perspektiven, wer draußen ist, dem bleiben Türen verschlossen. Birgit Felden hat eine Reihe von Anregungen gesammelt, um diese Grenze zu überwinden. Sie plädiert etwa dafür, Nachfolgebörsen, in denen Unternehmen und Gründungswillige zusammenfinden, bekannter zu machen. Auch Nachfolgestammtische, bei denen Migranten zum Beispiel bürokratische Hürden mit Fachleuten besprechen, hält Felden für nützlich. Als Vorbild nennt sie die Nachfolgeklubs der Industrie- und Handelskammern (IHK).

Auf Unternehmensseite konnte Felden zeigen, dass Migranten etwa von Banken gar nicht erst als ­potenzielle Nachfolger erkannt werden. „Einige der Interviewten schreiben Migranten sogar eine mangelnde Orientierung an unternehmerischen Qualitäten zu und halten sie deshalb nicht geeignet für die Übernahme eines deutschen Unternehmens“, sagt Felden. Bisweilen werde ihnen unterstellt, nur an der Übernahme von Kleinstunternehmen interessiert zu sein oder Übernahmen auf „dubiose“ Art und Weise abzuwickeln. „Man müsste meinen, die klassischen Vorurteile seien längst überholt. Bei vielen deutschen Unternehmen aber sind sie offenbar noch tief verwurzelt“, berichtet Felden. Italienische und vietnamesische Unternehmen etwa wurden in den Befragungen mit Clan- und Mafiastrukturen in Verbindung gebracht. Außerdem sprächen Migranten oft kein richtiges Deutsch, so eine häufige Antwort. Die Vorteile der Mehrsprachigkeit würdigte hingegen kaum ein Interviewter.

Daher hält Felden einen Bewusstseinswandel für überfällig. Entscheider müssten sensibler gemacht werden für das Nachfolgepotenzial der Migranten und die Chancen, die sich daraus ergeben können. „Migranten haben andere Vernetzungen, das kann für beide Seiten von Vorteil sein“, sagt Felden. Ein Unternehmen, das etwa viel nach Südamerika exportiere, könne sich auf der Suche auch an ent­sprechende interkulturelle Netzwerke wenden. Auch die Angst auf Seiten vieler Familienunternehmer, ein Nachfolger mit Migrationshintergrund zerstöre die Tradition, sei unbegründet. Oft gibt der Blick von außen dem Unternehmen sogar neue Wachstums­impulse.

Mikail Aydöner etwa ist bei dem Namen Zum Löwen geblieben, auch sein zweites Hotel hat seinen Namen Akazienhof beibehalten. Gleichzeitig hat er die Häuser kernsaniert und ihnen ein neues Image verpasst. Das Hotel Zum Löwen ist im Internet auf allen Hotelplattformen vertreten und gilt inzwischen als „cooles Budgethotel“, wie Aydöner es nennt. Das Hirschgeweih an der Wand musste dem Hightech-Plasmafernseher Platz machen, im Gourmetrestaurant aber hat Aydöner die traditionelle deutsche Küche beibehalten und lediglich mit Cross-over-Elementen und zeitgemäßen Kochstilen optimiert. Es hat sich zu einem der beliebtesten Feinschmecker­restaurants in Duisburg entwickelt. Der Umsatz der drei Betriebe ist jedenfalls um das Fünffache gestiegen, seit der Türke in die Fußstapfen der deutschen Unternehmer trat.

Literatur
Birgit Felden, Darius Zifonun et al.: MiNa – Potenzialanalyse von Migrant/innen zur Lösung der Nachfolgelücke im Mittelstand, IFAF-Endbericht 2012. Weitere Informationen finden Sie unter www.impulse.de/impulsewissen
Prof. Dr. Birgit Felden ist Direktorin des Instituts für Entrepreneurship, Mittelstand und Familienunternehmen (EMF) der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin.
Prof. Dr. Darius Zifonun ist Professor für Soziologie an der Alice Salomon Hochschule Berlin (ASH) und Associate Research Fellow am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen (KWI).

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