Management Bloß nicht verstecken

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Spritzpistolenhersteller Holger Weidmann (l.) mit seinem Bruder Thomas

Spritzpistolenhersteller Holger Weidmann (l.) mit seinem Bruder Thomas© Bernd Bodtländer

Ein Planinsolvenzverfahren befreit Krautzberger von finanziellen Lasten. An alte Erfolge anknüpfen kann die Firma aber nur, wenn Kunden und Lieferanten nicht abspringen - eine große Herausforderung für Geschäftsführer Holger Weidmann.

Wenn Holger Weidmann an diesen Tag im Februar 2009 zurückdenkt, dann wird der Blick des 47-Jährigen ganz starr. „Das Warten kam uns unendlich lang vor, es war fast unerträglich.“ Weidmann wartet an diesem Morgen auf einen Mann, dessen Namen er nicht kennt – der aber in den nächsten Monaten über Rettung oder Untergang seiner Firma entscheiden soll. Dann kommt er, stellt sich kurz vor – Jürgen Blersch sei sein Name – und kommt sofort zur Sache. Ab jetzt würde er bestimmen, was Weidmann in seiner Firma darf und was nicht. Eine deutliche Begrüßung vom neuen Herrscher über das Unternehmen: dem Insolvenzverwalter. „Das ist, als würde jemand an Ihrer Tür klingeln und sagen: Das ist ab sofort nicht mehr Ihre Wohnung, ich habe hier das Sagen, und über den Kühlschrank und dessen Inhalt können Sie auch nicht mehr verfügen“, sagt Holger Weidmanns drei Jahre älterer Bruder Thomas.

Zwei Tage zuvor, am Aschermittwoch, hatten sie gemeinsam beim Amtsgericht den Insolvenzantrag abgegeben. In vierter Generation sind die Brüder geschäftsführende Gesellschafter von Krautzberger, einem Unternehmen für Oberflächentechnik aus Eltville am Rhein, das Spritzpistolen in über 60 Länder verkauft. Nun mussten sie – „im besten Anzug gekleidet“ – traurige Firmengeschichte schreiben.

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Im Jahr 1902 hatte ihr Urgroßonkel, der Porzellanmaler Albert Krautzberger, den Betrieb gegründet. Wer heute etwa Brillengestelle lackiert, Ostereier färbt oder Ohrstöpsel desinfiziert, greift nicht selten auf die Produkte der Brüder Weidmann zurück.

Ende 2008 aber, die Finanzkrise reißt die Wirtschaft in ein dramatisches Tief, müssen viele Kunden sparen. Als im Januar 2009 die Auftragseingänge von Krautzberger 70 Prozent niedriger sind als ein Jahr zuvor, ziehen die Weidmanns die Notbremse. Selbst Kurzarbeit und erste Kündigungen verschaffen keinen Spielraum für das Unternehmen, das in den Jahren zuvor bis zu 13 Mio. Euro umgesetzt hatte. „Die Krise hatte uns mit voller Wucht erwischt“, sagt Holger Weidmann.

Schwere Fehler in der Vergangenheit

Zu kurzfristig ist das Geschäft finanziert, die Banken machen nicht mehr mit. Rücklagen? Fehlanzeige! Fehler aus der Vergangenheit holen die Geschäftsführer ein. Aufgrund des Rückkaufs eines ehemaligen Firmenstandorts in Leipzig nach der Wiedervereinigung sei das Unternehmen nie in der Lage gewesen, finanzielle Reserven aufzubauen. Die Firma habe jährlich interne Verrechnungen und Verlustübernahmen in Höhe von 500.000 bis zu 1 Mio. Euro leisten müssen, erklärt Holger Weidmann.

Im Januar 2009 ist ihm klar, dass er seinen Mitarbeitern den Lohn nicht mehr zahlen kann. Ein Planinsolvenzverfahren soll die Firma doch noch retten und den Weidmanns möglichst viel Einfluss auf den Geschäftsbetrieb erhalten, um das Unternehmen wieder nach vorn zu bringen.

Insolvenzverwalter Blersch, de facto Chef bei Krautzberger, lässt den Brüdern anders als sein erster Auftritt vermuten ließ, schnell wieder Freiraum in der Firmenführung. Ihm sei schnell klar gewesen, dass es einen überlebensfähigen Kern gebe und die Erfolgsaussichten gut seien. „Der große Vorteil war, dass ich bei Krautzberger geordnete Verhältnisse vorfand, so konnte ich mir schnell einen Überblick verschaffen“, erklärt er. Besonders zu Beginn eines Insolvenzverfahrens zähle sprichwörtlich jede Minute.

Es geht darum, die Firma handlungsfähig zu halten. Der erste Schritt ist ein Forderungsverzicht der Gläubiger, darunter langjährige Lieferanten und Geschäftspartner. Nach zähen Verhandlungen erreichen die Weidmanns, dass sie auf 94 Prozent ihrer Ansprüche verzichten.

Die Liquiditätslage bleibt dennoch angespannt – Blersch setzt den Weidmanns rigorose Kostengrenzen. Material muss nun täglich eingekauft, Messeauftritte vorerst gestrichen werden. Ebenso der Zuschuss zum Mittagessen für die Mitarbeiter. Und das Putzpersonal. Die Arbeitsplätze und selbst die Toiletten müssen von allen Mitarbeitern selbst sauber gehalten werden.

Den entscheidenden finanziellen Spielraum habe Krautzberger aber erst durch das Insolvenzgeld vom Staat erhalten, das die Mitarbeiter drei Monate als Lohnersatz bekommen, sagt Insolvenzverwalter Blersch.

Doch das reicht nicht. Holger Weidmann muss den damals rund 90 Beschäftigten die prekäre Lage der Firma klarmachen. Es wird sein schwerster Gang, wie er sagt. Viele der Mitarbeiter sind seit Jahrzehnten im Unternehmen; 30 müssen das Unternehmen nun verlassen. In einer Tochtergesellschaft können von 13 Stellen nur fünf erhalten bleiben. Ein weiterer wichtiger Schritt zur finanziellen Stärkung: Weidmann wickelt die Immobilien in Leipzig ab, die seine Firma seit fast 20 Jahren belasten.

Entscheidend für den Erfolg der Restrukturierung ist, neben schnellen Effekten durch Einsparungen, dass Kunden und Zulieferer weiter an Krautzberger glauben. Holger Weidmann geht mit der Insolvenz daher sehr offen um, versteckt sich nicht.

Er lässt Kamerateams von ZDF und Hessischem Rundfunk in die Firma; Krautzberger wird zum Fallbeispiel in Fernsehreportagen über die Auswirkungen der Krise. Außerdem setzt er trotz der Kosten gegenüber Blersch durch, dass sich das Unternehmen bei der Hannover Messe im April 2009 präsentiert. „Wir wären tatsächlich abgeschrieben gewesen, hätten wir dort nicht mehr teilgenommen“, sagt Weidmann.

Durch die offene Kommunikation seien viele nützliche Kontakte zu Händlern und Kunden entstanden, sagt Weidmann. Dies, davon ist er überzeugt, sei der Hauptgrund dafür, dass die Marktposition von Krautzberger sich nach der Zahlungsunfähigkeit verbessert habe.

Das Insolvenzverfahren ist bereits Ende Juli 2010 abgeschlossen. Für dieses Jahr weist Krautzberger bereits einen Gewinn von knapp 2 Mio. Euro aus. Ende März 2012 zahlt seine Firma die letzte Rate der Verwertungsquote an die Gläubiger. Die Umsätze steigen seit dem Neustart stetig.

Der Erfolg, glaubt Holger Weidmann, sei nicht nur dem Spezialwissen der Firma zu verdanken, sondern auch dem Zusammenhalt mit seinem Bruder. „Wenn man sich auf seinen Partner in der Geschäftsleitung so verlassen kann“, sagt er, „dann ist das unbezahlbar.“
 
 
cover_110 Aus dem impulse-Magazin 11/2012
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