Management Boom in Birma noch mehr Wunschdenken als Realität

Der rasante Öffnungsprozess in Birma trägt Früchte: Die EU lässt ihre Handelssanktionen endgültig fallen. Ist das der Startschuss zum Wettlauf für deutsche Firmen? Gemach, Gemach, sagen Experten.

 

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Das Klo im Zimmer, das Fenster auf dem Gang: mehr als 80 Euro legt man für so ein Hotelzimmer in Birmas boomender Hafenstadt Rangun dieser Tage auf den Tisch. Die Preise explodieren, der Verkehr nähert sich dem Kollaps. Unternehmer können sich vor Avancen ausländischer Investoren kaum retten. Ein Übersetzer legt die Hand auf die Brusttasche seines Oberhemdes und sagt: „Die Tasche ist mit extrastarkem Faden genäht – das ist eine Redensart, die besagt, dass die Tasche viel Geld halten muss.“ Er strahlt.

In zwei Jahren hat die einstige Militärdiktatur einen rasanten Wandel durchgemacht. Demokratisch ist das Land zwischen Indien und China zwar noch nicht. Ein Viertel der Parlamentssitze hält das Militär. Aber für Präsident und Ex-General Thein Sein gibt es nur eine Marschrichtung: weiter öffnen, mehr Wachstum. Mit Aufhebung der EU-Sanktionen tut sich für Europäer ein Markt mit 61 Millionen Menschen auf.

„Jetzt bricht aber nicht sofort ein Goldenes Zeitalter an“, sagt Birma-Experte Marco Bünte am Malaysia-Campus der Monash-Universität. Der Wirtschaftsberater des Präsidenten, U Myint, bestätigt das: „Die schlechte Infrastruktur und die vielen Regeln und Vorschriften sind Herausforderungen für ausländische Investoren.“ Birma war vor der Misswirtschaft des Militärs ab 1962 das reichste Land Asiens. Heute lebt ein Viertel der Menschen unter der Armutsgrenze.

Nur jeder vierte Haushalt hat Strom

„Von den 30 Industrieparks hat nur einer annähernd adäquate Wasser- und Stromversorgung“, sagt Benjamin Leipold, Leiter Asien-Pazifik beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHT). Nach Angaben der Asiatische Entwicklungsbank (ADB) ist nur jeder vierte Haushalt an das Stromnetz angeschlossen. In Rangun sind es 67 Prozent.

Große Probleme gibt es auch beim Landbesitz, sagt der Vorsitzende der Investmentbehörde MIC, Soe Thane: „Investoren verlangen Land, aber wenn wir ihnen etwas zuteilen, wird es schwierig, die Dispute beizulegen.“ Eine Altlast aus der Militärzeit: Soldaten haben über Jahrzehnte Land konfisziert. Oft melden ursprünglichen Besitzer jetzt Ansprüche an. Zudem fehlen Banken, ein verlässliches Handynetz und Internetleitungen. Vor kurzem erst wurden Kreditkarten eingeführt.

„Ein galoppierendes Potenzial, das spannendste der aufstrebenden Länder“, schwärmt Fritz Graf von der Schulenburg vom Vorstand des Handelshauses Jebsen & Jessen Südostasien. JJ ist seit 2011 in Birma, das Geschäft laufe rasant – Chemieaktivitäten, Kabelgeschäfte, Gesundheitsversorgung. „Wir haben in diesem Jahr drei Mal so viel Geschäftsvolumen wie vor einem Jahr.“ Deutschland exportierte 2012 für 99 Millionen Euro nach Birma, ein Plus von 130 Prozent. „Wir sehen Investitionspotenzial von 25 Milliarden Dollar in fünf Jahren“, sagt Evelin Petkov von der Investmentfirma Bagan Capital. Größter Investor ist China. Japan, Südkorea und Singapur sind auch stark.

„Das Investitionsklima ist hervorragend – Wachstumsbedingungen tun sich in jedem Sektor auf“, sagt Tim Scheffmann. Der Ex-Banker berät seit Januar in Rangun interessierte Investoren. „Ich habe schon zehn bis 15 Anfragen im Monat.“ Die ADB rechnet mit 6,5 Prozent Wachstum 2012 und 6,7 Prozent 2013. Der DIHT will bald ein Büro in Rangun eröffnen.“Damit gehören wir zu den ersten Europäern mit eigener Kammer“, sagt Leipold. Er schätzt, dass gut zwei Dutzend deutsche Firmen schon ein Repräsentantenbüro vor Ort eröffnet haben.

Alle warnen: Das Land steht am Anfang eines langem Weges. „Man braucht starke lokale Partner“, sagt Scheffmann. „Die Bürokratie ist langatmig, Land ist teuer und die Leute sind schlecht ausgebildet“, sagt Petkov. „Man muss aber jetzt Netzwerke bauen, sonst läuft man Gefahr, in fünf bis zehn Jahren ins Hintertreffen zu geraten“, sagt Leipold. „Wir sehen Birma erstmal als Absatzmarkt.“ Scheffmann sieht auch Chancen in der Produktion: „Alle arbeitsintensiven Tätigkeiten kann man hier gut machen.“ Der Mindestlohn sind rund zwei Dollar am Tag. Es gibt schon etwa 270 Textilfabriken mit 120 000 Arbeitern.

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