Management Das bedeutet die Rente mit 63 für mein Unternehmen

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Die Rente mit 63 bedeutet  für Ruheständler Entspannung - stellt jedoch Gesellschaft und Wirtschaft vor große Herausforderungen

Die Rente mit 63 bedeutet für Ruheständler Entspannung - stellt jedoch Gesellschaft und Wirtschaft vor große Herausforderungen© Darren Baker - Fotolia.com

Jeder Mensch, der sein Leben lang hart gearbeitet hat, hat seine Rente verdient. Aber vor der demographischen Entwicklung können wir nicht die Augen verschließen, sagt impulse-Bloggerin Marie-Christine Ostermann. Sie beschreibt, welche konkreten Auswirkungen die Rente mit 63 auf ihr Unternehmen hat.

Seitdem der Koalitionsvertrag beschlossen wurde, haben mir schon mehrere unserer Mitarbeiter angekündigt, dass sie möglichst mit 63 Jahren in Rente gehen möchten. Teilweise geht es um Mitarbeiter aus der Logistik, aber in vielen Fällen handelte es sich um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Verwaltung, die keine körperlich schweren Belastungen während der Arbeit zu bewältigen haben.

Natürlich steht es jedem Mitarbeiter frei, dann in Rente zu gehen, wenn er oder sie es möchte. Und die Rente mit 63, die von der Großen Koalition beschlossen wurde, erleichtert vielen Menschen nun einen früheren Renteneintritt möglich zu machen. Dennoch betrübt es mich, dass ich damit rechnen muss, dass einige Mitarbeiter unser Unternehmen nun wahrscheinlich früher verlassen werden.

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Erfahrung und Wissen kann man nicht einfach ersetzen

Schließlich handelt es sich um Mitarbeiter, die schon seit Jahrzehnten in unserem Unternehmen tätig sind. Sie kennen das Unternehmen in- und auswendig und haben besonders viel Erfahrung und Fachkenntnis. Vor einigen Jahren habe ich erlebt, wie es ist, wenn in einer Abteilung gleichzeitig mehrere Mitarbeiter in Rente gehen. Wir haben den Personalwechsel geschafft, aber der Übergang war eine große Herausforderung, denn das Know-how der erfahrenen Mitarbeiter war nicht so schnell durch neue Arbeitskräfte zu ersetzen, obwohl diese gut eingearbeitet wurden. Die älteren Menschen mit viel Erfahrung sind in unserem Betrieb sehr wichtig. Sie haben unser Unternehmen über Jahrzehnte mit geprägt. Sie geben Rullko im Umgang mit Kunden und Geschäftspartnern ein überzeugendes Gesicht.

Natürlich beschäftigt Rullko auch viele jüngere Menschen, die sehr gute Arbeit leisten und viele neue, gute Ideen mitbringen. Schließlich bilden wir auch viele Nachwuchskräfte aus und versuchen, sofern Stellen zu besetzen sind, möglichst viele Auszubildende zu übernehmen. Ich finde, dass es in unserem Unternehmen auf Vielfalt ankommt. Eine bunt gemischte Truppe, die zu einem Mix aus innovativen Ideen sowie Routine und Erfahrung führt, ist optimal für unsere Leistung. Es wäre schade, wenn Rullko viele ältere Mitarbeiter früher verlieren würde und diese in Zukunft weniger zum Unternehmenserfolg beitragen würden.

Aber natürlich kann man die Rente mit 63 nicht nur durch die eigene Unternehmens-Brille betrachten. Die Auswirkungen der früheren Rente auf unser umlagebasiertes Rentensystem sind offensichtlich. Immer weniger junge Erwerbstätige werden immer mehr Rentner in Zukunft finanzieren müssen. Das wird nicht lange gut gehen, wenn immer weniger Einzahler immer mehr Beitragsempfängern gegenüberstehen. Schon jetzt wird die eigentlich vorgesehene Beitragssenkung nicht umgesetzt, obwohl die Überschüsse im Rentensystem den Beitragszahlern gehören – unter anderem auch, um mit den einbehaltenen Beiträgen die Rente mit 63 zu finanzieren.

Schaffung neuer Jobs wird behindert

Der Faktor Arbeit wird somit nicht entlastet und in Zukunft mit Sicherheit durch wieder steigenden Beitragssätze weiter belastet. Das Schaffen neuer Arbeitsplätze wird dadurch nicht gefördert, sondern behindert. Mehr Arbeitsplätze werden wir aber brauchen, damit die Rente mit Blick auf die demographische Entwicklung weiterhin finanziert werden kann und die Sozialversicherungen für die jüngeren Menschen bezahlbar bleiben. Wir müssten in Deutschland alles tun, um noch mehr Beschäftigung und somit auch mehr Sozialversicherungsbeiträge zu schaffen.

Dazu gehören bessere Ausbildungsmöglichkeiten für niedrig Qualifizierte und Langzeitarbeitslose, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ein kluges Einwanderungssystem für qualifizierte Fachkräfte und mehr Flexibilität, um auch ältere Menschen länger in den Betrieben zu beschäftigen, sofern sie Lust darauf haben und noch fit sind. Um unsere Sozialversicherungssysteme nachhaltiger aufzustellen, müssten wir länger arbeiten, nicht kürzer.

Win-win-Situation: Rentner an der Firmentankstelle

Dafür ist sicherlich auch Flexibilität in den Betrieben nötig. Wenn in unserem Unternehmen in der Logistik ein Mitarbeiter seine Arbeit aufgrund gesundheitlicher Probleme nicht mehr ausführen kann, versuchen wir, einen Arbeitsplatz in einer anderen Abteilung möglich zu machen, zum Beispiel in der Warenendkontrolle, wo man in der Regel nicht schwer heben muss. Auch hat Rullko eine eigene Tankstelle, deren Tankwarte die Autos der Kunden betanken. Da viele Rentner meistens zeitlich sehr flexibel sind und sowohl die Frühschicht, als auch die Spätschicht an der Tankstelle machen können, besteht unser Team an der Tankstelle momentan nur aus Rentnern. Unsere Kunden sind sehr zufrieden mit dem Service an der Tankstelle und unsere Rullko-Rentner sind froh, eine Aufgabe zu haben, die ihnen Spaß macht in einem Betrieb, wo sie gebraucht werden.

Äußerst unglücklich ist allerdings, dass Frührentner nur auf 450 Euro Basis beschäftigt werden dürfen. Wir haben einige Frührentner vom Bergbau in unserem Unternehmen in der Logistik als Aushilfen angestellt und würden uns wünschen, dass sie mehr bei uns arbeiten dürften. Gerne würden wir viele Aushilfen von ihrem 450 Euro Job auf eine sozialversicherungspflichtige Anstellung umstellen. Es handelt sich um fitte Frührentner, die einen sehr guten Beitrag für den Unternehmenserfolg leisten können und motiviert sind. Hier benötigen wir dringend mehr Flexibilität, so dass auch Frührentner mehr Stunden arbeiten und mehr hinzuverdienen dürfen, sofern sie denn möchten. Es ist eine Verschwendung von Talenten, wenn man diese Menschen vom Arbeitsmarkt zu sehr fern hält, erst recht in der Zeit des demographischen Wandels.

Was fehlt, ist Nachhaltigkeit

Um es ganz klar zu sagen: Jeder Mensch, der sein Leben lang hart gearbeitet hat, hat seine Rente verdient. Aber wir können vor der demographischen Entwicklung nicht die Augen verschließen. Diese Herausforderung müssen wir annehmen und unser Rentensystem mutig reformieren. Nur so stellen wir sicher, dass es finanzierbar bleibt. Das ist ein Gebot der Solidarität zwischen den Generationen.

Fest steht: Unseren sozialen Sicherungssystemen fehlt es an Nachhaltigkeit: Derzeit müssen rund 80 Mrd. Euro Steuergelder als Zuschuss ins Rentensystem gegeben werden, um Finanzierungslücken zu schließen – trotz des aktuellen Rentenbeitragssatzes in Höhe von circa 19 Prozent. Dieser Steuerzuschuss ist der größte Einzelposten im Bundeshaushalt. Leider unternimmt die Regierung viel zu wenig, um dieses große Problem zu lösen. Stattdessen wird die Generationenungerechtigkeit noch vergrößert.

Anstatt wie bisher möglichst viele ältere Menschen erfolgreich in den Arbeitsmarkt zu integrieren, möchte die Große Koalition nun bei 45 Beitragsjahren als Zugangsvoraussetzung für die Rente mit 63 auch Zeiten der Arbeitslosigkeit einfließen lassen. Wie viele, darüber streiten Union und SPD derzeit noch. In jedem Fall ist es aber eine deutliche Verwässerung der bestehenden Regelung, die es erst frühestens mit 65 Jahren nach 45 Beitragsjahren erlaubt, ohne Abschläge in Rente zu gehen. Diese Politik ist verantwortungslos.

Denn wenn wir jetzt nichts tun und auch noch richtige Maßnahmen zurückdrehen, wird unser Rentensystem zukünftig nicht mehr bezahlbar sein. Darunter werden dann alle Generationen zu leiden haben. Damit es nicht so weit kommt, brauchen wir dringend mutige Reformen: dazu gehört die konsequente Umsetzung der Rente mit 67 ebenso wie stärkere Anreize für mehr private Vorsorge mit besseren Rahmenbedingungen für Sparer. Wichtig ist auch, Voraussetzungen für mehr Arbeitsplätze zu schaffen, weil mehr Arbeitsplätze auch mehr Einnahmen in die Sozialkassen spülen.

Nur Reformen, die unsere Sozialversicherungssysteme zukunftsfest machen, stellen die Solidarität zwischen den Generationen wieder her und leisten einen wichtigen Beitrag zur Finanzierbarkeit des Rentensystems. Es führt kein Weg daran vorbei, dass jeder seinen Beitrag leistet. Auch wir Familienunternehmer leisten einen großen Beitrag für unsere Gesellschaft, indem wir mehr als die Hälfte der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze in Deutschland schaffen. Ich bin überzeugt: Nur gemeinsam können wir unser Land voranbringen.

2 Kommentare
  • Werner 7. Mai 2014 12:31

    Da werden viele Unternehmer-Krokodilstränen vergossen. Die Unternehmen konnten in der nahen Vergangenheit nicht schnell genug Leute in die Frühverrentung oder die Altersteilzeit drängen, um ihre Personalprobleme mit Hilfe der Sozialkassen geräuschlos und billig zu lösen.

  • Jörg 15. Januar 2014 16:24

    Durch frühzeitige Rente können Nachwuchskräfte übernommen werden und stehen nicht auf der Strasse. Hier wird eine Milchmädchenrechnung aufgemacht. Rentner die noch auf Zusatzeinkommen angewiesen sind, werden zudem als billige Arbeitskräfte missbraucht. Der Bericht ist für mich ansonsten reine Augenwischerei.

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