Management Das Prinzip Hoffnung

Milliarden schlummern als Firmenwert in den Bilanzen deutscher Unternehmen. Doch was passiert, wenn sich die geschäftlichen Erwartungen nicht erfüllen?

 

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Unternehmen zahlen viel Geld für die Hoffnung, die Rechnung geht allerdings nicht immer auf. Nicht selten erweist sich ein milliardenschwerer Zukauf im Nachhinein als zu teuer. Mehr als 7 Milliarden Euro musste beispielsweise die Deutsche Telekom 2012 auf ihre Tochter T-Mobile USA abschreiben, der Konzern stürzte tief in die roten Zahlen. Goodwill oder zu deutsch Firmenwert ist das Schlagwort. Er bezeichnet den Aufschlag auf den ermittelten „wahren“ Unternehmenswert bei Übernahmen, quasi eine Art Vorschuss für zukünftigen Erfolg.

Auf insgesamt 210,78 Milliarden Euro beziffert die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young den Goodwill in den Bilanzen der 30 Dax-Konzerne Ende 2012. Sinkt der Wert des Zukaufs, kann das tiefe Löcher in die Bilanz reißen. „Das Problem entsteht, wenn sich die Hoffnungen nicht erfüllen, die mit dem Erwerb verbunden waren“, sagt Thomas Harms, Partner bei Ernst & Young.

Für Professor Karlheinz Küting vom Centrum für Bilanzierung und Prüfung an der Universität Saarbrücken ist der Goodwill ein „undurchsichtiger Wert“. „Es können gigantische Zukunftserwartungen oder bilanzpolitische Luftnummern sein“, sagt der Bilanzexperte.
Kritisch wird es aus seiner Sicht, wenn der Goodwill das Eigenkapital übersteigt. „Es besteht die Gefahr, dass das ganze Eigenkapital bei einer Abschreibung aufgezehrt wird. Dem Unternehmen droht die Überschuldung“.

Nach dem internationalen Bilanzstandard IFRS, der auch für börsennotierte deutsche Großunternehmen gilt, müssen die Konzerne jedes Jahr eine Planungsrechnung für den Wert des Zukaufs erstellen. „Der Ermessensspielraum ist groß. Welche Marktentwicklung legt man beispielsweise zugrunde“, sagt Harms.

Härter formuliert es Küting: „Die Zukunftsrechnung bietet einen enormen bilanzpolitischen Gestaltungsspielraum“. Zukunftserwartungen könnten immer nur geschätzt werden. Geprüft werden könne allenfalls, ob sie plausibel seien.

Nach deutschem Recht wird der Goodwill dagegen über eine bestimmte Nutzungsdauer jährlich um einen bestimmten Betrag abgeschrieben. In der Regel sind es fünf Jahre, braucht das Unternehmen länger, muss es in der Bilanz darauf hinweisen.

Küting bevorzugt dieses Verfahren. „Nach IFRS können die Unternehmen die Abschreibungen hinauszögern, bis es gar nicht mehr anders geht“, kritisiert der Experte. Nach seinen Berechnungen standen 2011 in den Bilanzen von 134 Unternehmen aus Dax, MDax, TecDax und SDax Firmen- und Geschäftswerte im Volumen von 207,34 Milliarden Euro. Nur 4,35 Milliarden Euro wurden abgeschrieben. „Das bedeutet rein rechnerisch, dass der gesamte Goodwill erst nach 50 Jahren abgeschrieben wäre“, sagt Küting.

Harms hält die Abschreibung nach deutschem Recht dagegen für wenig transparent. „Alle Unternehmen werden gleich belastet, ob sie gute oder schlechte Investitionsentscheidungen getroffen haben“. Nach den IFRS-Regeln würden Fehlentwicklungen auf einen Schlag deutlich. „Sie sind nicht zu übersehen und das ist auch so gewollt“.

In den meisten Branchen sind die Bewertungen von Unternehmen bei Übernahmen nach seiner Einschätzung derzeit „vernünftig“. Milliardenschwere Abschreibungen könnten Harms zufolge in den kommenden Jahren allerdings in der Internetbranche drohen. „Hier werden Unternehmen zu sehr hohen Preisen erworben, die aktuell nicht einmal Gewinne erwirtschaften. Damit steigen die Bewertungsrisiken.“

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