Anzeige Steuerhinterziehung – „Das Problem ist, dass es so einfach ist“

Was verleitet einen Firmenchef zur Steuerhinterziehung? In impulse nennen 5 Unternehmer ihre Beweggründe.

Was verleitet einen Firmenchef zur Steuerhinterziehung? In impulse nennen 5 Unternehmer ihre Beweggründe.© Olaf Ballnus

Was treibt Unternehmer um, die ihre Abgaben nicht korrekt zahlen? In der aktuellen impulse-Titelgeschichte packen Steuersünder aus. Hier das Geständnis eines Webdesigners.

Ein Webdesigner bekennt (Protokoll):

„Hätte vor fünf Jahren jemand von mir wissen wollen, ob ich Steuern hinterziehe, hätte ich ihn gefragt, ob er noch alle Latten am Zaun hat. Schließlich habe ich massiv von anderen Steuerzahlern profitiert: Ich habe neun Semester lang BAföG bekommen, später den Gründungszuschuss; allein für die Kita meiner Kinder zahlt die Gemeinschaft jeden Monat über 1000 Euro Zuschuss. Ich finde Solidarität wichtig und will auch was zurückgeben. Das tue ich natürlich auch – allerdings weniger, als ich sollte. Schuld sind zwei Schlüsselerlebnisse.

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In meinem Freundeskreis gibt es viele Selbstständige, Freiberufler, Gründer. Wenn wir zusammen ausgehen, sammelt immer einer meiner Kumpels den Bon ein – für die Steuer. Ich fand das lange peinlich und sagte das auch. Irgendwann aber wich mein Gefühl der moralischen Überlegenheit einem anderen Gefühl: Du bist hier offenbar der einzige Dumme.

Mein Büro für Grafik- und Webdesign lief fast von Anfang an bombig. Jedes Jahr, wenn ich die Unterlagen von meinem Steuerberater geschickt bekam, stand darunter sinngemäß: „Wenn Ihre Kosten um 100 Euro steigen, sinkt die Steuerlast um 30 Euro.“ Das war etwas, das mich nicht mehr losließ. Schließlich konnte ich quasi auf alles, was man irgendwie bei der Steuer angeben kann, 30 Prozent Rabatt bekommen.
Heute bin ich geradezu ein Steuerspar-Junkie. Ich setze sogar das Putzmittel ab, das wir zu Hause nutzen. Mehr ins Gewicht fällt die Elektronik, die ich privat anschaffe. Manchmal gibt mir auch mein Bruder einen Beleg. Im vergangenen Jahr habe ich Kosten in fünfstelliger Höhe von der Steuer abgesetzt, die eigentlich keine Betriebskosten waren.

Natürlich zahle ich auch so noch viele Steuern. Aber sie werden nun einmal prozentual bemessen und nicht absolut. Das einzige Argument, das ich habe, ist, dass es doch fast alle machen. Natürlich ist das eine Kindergarten-Argumentation. Wenn meine älteste Tochter aus der Kita kommt und sagt: „Aber alle ande- ren bekommen einen Prinzessin-Lillifee-Schulranzen!“, dann lasse ich das zumindest nicht gelten.

Es ist schon verrückt: Ich bin eigentlich ein Sicherheitsmensch, aber hinsichtlich meiner Steuertrickserei weiß ich gar nicht, was mir blüht, wenn ich erwischt werde. Ich weiß auch nicht, wie wahrscheinlich es ist, dass wir eine Betriebsprüfung bekommen. Kann ich dann einfach sagen: „Der Laptop, der auf der Rechnung steht, der ist schon kaputt?“ Würden die Prüfer bei den Personen anrufen,die auf den Bewirtungsbelegen stehen? Ich bin da im Blindflug unterwegs. Das Problem ist wohl, dass es so einfach ist. Ein paar Belege sammeln, und schon ist der nächste Familienurlaub finanziert. Als wir einen neuen Fernseher gekaufthaben, habe ich mich erwischt, wieich dachte: Ach, nimm doch den teureren. Kannst du ja absetzen. Bescheuert. Ich bin dafür, dass die Steuergesetze einfacher werden und dass weniger abgesetzt werden kann. Ich würde gern vor meiner eigenen Gier geschützt werden, denn im Grunde ist mir mein Verhalten peinlich.“

 

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5 Kommentare
  • Nikolaus Förster 3. Juni 2013 21:18

    Sehr geehrter „DJS“, natürlich behaupten wir nicht, dass jeder Unternehmer Steuern hinterzieht, dauernd Belege sammelt etc. Das handhabt jeder Unternehmer anders. Uns ging es darum, konkrete Fälle von einzelnen Unternehmern zu dokumentieren, die Auskunft über ihren Umgang mit Steuern geben. Die „anonymen Geständnisse“ im Heft zeigen eine ganze Bandbreite von Unternehmern – mit unterschiedlichen Motivationen. Der Text, den Sie ansprechen, ist ein konkreter, realer Fall. Auch das gehört zu Unternehmertum dazu. Vielleicht haben sie ja Lust, für das Heft einen kurzen Leserbrief zu schreiben?
    Viele Grüße, Nikolaus Förster (chefredaktion@impulse.de)

  • DJS 3. Juni 2013 15:13

    Super, dieser Artikel!

    Endlich aus berufener Feder der Beweis, daß Unternehmer nur daran denken Steuern zu hinterziehen und dabei sogar so kleinkariert sind, die Putzmittel für das eigene Haus, das natürlich ausschließlich von hinterzogenen Steuern bezahlt wurde, über die Steuern abzurechnen.

    Wenn das die neue Impulse ist und solch ein Schwachsinn häufiger gedruckt wird, wird es Zeit, über die Verrlängerung des Abos nachzudenken.

  • Name 3. Juni 2013 08:03

    Unsere Firma ist wohl auch zu verschwenderisch, wir setzen bei ca. 3Mio Jahresumsatz ca. 300,-€ für Bewirtungen ab,(im Jahr und das sehe ich immer erst in der Bilanz). Von dem real für Bewirtung gezahlten Geld zieht der Steuerberater (entsprechend der Vorgaben durch die Steuergesetze) noch einen Anteil ab; da frage ich mich dann auch ob die Steuergesetze ganz richtig sind. Dennoch fehlt mir der Ehrgeiz zum Zettelsammeln. Fazit: Wir zahlen sogar mehr Steuern als wir legal müßten..

  • Raymond Robinson 31. Mai 2013 14:49

    Das klingt nicht nach einem Interview, sondern eher wie abhängig Beschäftige über Ihre Chefs denken. Wer sich die Mühe macht, jeden noch so kleinen Beleg zu sammeln und abzusetzen, verpulvert wertvolle Energie, die er besser und Gewinn bringender in sein Unternehmen steckt.

    Ganz im Gegenteil werden eine Reihe von Belegen eher nicht abgesetzt, sondern aus versteuerten Einkommen bezahlt.

    Ich denke da zum Beispiel an Geschäftsreisen. Als wenn man jeden kleinen Parkbeleg, Trinkgelder, Transferkosten sammelt und verrechnet.

  • Tarifevergleich 31. Mai 2013 12:22

    Bei dem, wie der Staat teilweise mit den Steuergeldern umgeht wundert es oft nicht, dass der Steuerzahler seine Gelder gerne für sich selbst „sinnvoll“ anlegen möchte.

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