Management Das sind die „Turnarounder 2012“

Knaus Tabbert, Evotec und Krautzberger standen tief in der Krise. Für den gelungenen Turnaround sind die Unternehmer der drei Firmen nun ausgezeichnet worden. impulse hat zusammen mit BDO bereits zum siebten Mal den begehrten Preis verliehen.

Giovanni Marcon von Knaus Tabbert, Dr. Werner Lanthaler von Evotec und Holger Weidmann von Krautzberger sind die „Turnarounder des Jahres 2012“. Im Rahmen einer festlichen Ehrung in der Berliner Bertelsmann Repräsentanz erhielten die erfolgreichen Sanierer die von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO und impulse vergebene Auszeichnung. Der Preis wurde bereits zum siebten Mal verliehen.

„Wir wollen Unternehmer auszeichnen, die ihre Firma nachhaltig aus der Krise geführt haben. Die Auszeichnung würdigt Unternehmerpersönlichkeiten, die es geschafft haben, durch ihr mutiges Handeln in sehr schwierigen wirtschaftlichen Situationen einen nachhaltigen Unternehmenserhalt zu erreichen“, sagt Dr. Arno Probst, BDO-Vorstandmitglied, die Idee des Wettbewerbs.

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Für impulse-Chefredakteur Dr. Nikolaus Förster zeichnen die diesjährigen Preisträger vor allem mutige Entscheidungen aus: „In einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld ein Unternehmen wieder auf Kurs zu bringen, ist eine herausragende Managementleistung.“ Neben der Trend-Umkehr zu tragfähigem Wachstum bewertet die Experten-Jury vor allem die konsequente Umsetzung des erstellten Sanierungskonzeptes. Bei diesem Wettbewerb werden Unternehmer ausgezeichnet, die existenzgefährdende Entwicklungen ihrer Firmen durch innovative und mutige Schritte gemeistert haben.

„Die diesjährigen Preisträger zeigen, dass mit Einsatz, Kreativität, Hartnäckigkeit und Durchsetzungswillen auch bei scheinbar hoffnungslosen Fällen ein erfolgreicher Turnaround möglich ist“, sagt Dr. Arno Probst. Dr. Nikolaus Förster ergänzt: „Es zeigt sich immer wieder, wie entscheidend die Persönlichkeit des Unternehmers ist. Intelligente Konzepte allein reichen nicht aus, um einen Turnaround erfolgreich zu bewältigen.“

Mitglieder der Jury sind – neben Dr. Arno Probst, Vorstandsmitglied der BDO AG, und impulse-Chefredakteur Dr. Nikolaus Förster – Martin Fischedick, Bereichsvorstand Corporate Banking der Commerzbank AG, Prof. Dr. Hans-Jürgen Kirsch, Institut für Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Eberhard von Rundstedt, ehemaliger Geschäftsführer von Rundstedt HR Partners, Albrecht von der Hagen, Hauptgeschäftsführer von DIE FAMILIENUNTERNEHMER – ASU e.V., sowie Dr. Matthias Wittstock, Leiter des Referats Unternehmensgründung im Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie.

„Turnarounder des Jahres 2012“ in der Kategorie der großen Unternehmen (mehr als 750 Beschäftigte) ist Giovanni Marcon, Geschäftsführer der Knaus Tabbert GmbH mit Sitz in Jandelsbrunn im Landkreis Freyung-Grafenau im niederbayerischen Dreiländereck. 2008 war das Schicksalsjahr des traditionsreichen Herstellers von Wohnwagen und Wohnmobilen. Das Unternehmen war insolvent, im Zuge der Finanzkrise war der Markt zusammengebrochen, die Verkaufszahlen hatten sich binnen zwei Jahren europaweit halbiert. Die Holländer Wim de Pundert und Klaas Meertens mit ihrer Private-Equity-Firma HTP übernahmen Knaus Tabbert und engagierten Giovanni Marcon als Geschäftsführer, der die Firma wieder zum Laufen bringen sollte. Der Sohn italienischer Gastarbeiter war beim Luxusuhrenhersteller Lange & Söhne für Vertrieb und Marketing zuständig und leitete davor für Fiat das Händlernetz.

Als er im Juni 2009 sein Amt bei Knaus Tabbert antrat, ächzten die Lager unter Überproduktion, die Händler saßen auf vollen Höfen und wollten erst die Alt-Bestände verkaufen. Mit Hilfe eines Betriebsmittelkredits, verbürgt von den Ländern Bayern und Hessen, verschaffte sich Marcon Luft zum Handeln. Im Unternehmen wurden Prozessverantwortliche eingesetzt, die Kompetenz der altgedienten Mitarbeiter angezapft, mit Zustimmung des Betriebsrates auch flexible Beschäftigungsinstrumente eingeführt. Vor allem aber nahm Marcon die Modellpolitik in Angriff. Statt teurer Nischenprodukte in Mini-Auflagen lag der Fokus wieder auf dem Volumengeschäft. Neue Modelle wurden intern entwickelt, in kürzester Zeit 28 neue Modelle gestemmt.

Marcon umging die Zwischenhändler und gab die Wohnmobile lieber günstiger an den Endhandel ab. „Margenterroristen“ nennen ihn seitdem die Konkurrenten. Aber die Maßnahmen hatten Erfolg: Nach der Halbierung des Umsatzes 2008 auf 2009 von 305 auf 134 Mio. Euro stieg er von 2009 bis 2011 wieder auf 241 Mio. Euro an. Der Gewinn lag 2011 bei 13 Mio. Euro. Für 2014 sind 367 Mio. Euro Umsatz angepeilt. Auch bei den Mitarbeiterzahlen macht sich der Aufschwung bemerkbar: 400 zusätzliche Stellen (860 Mitarbeiter 2008) hat Giovanni Marcon schon neu geschaffen, in den nächsten zwei Jahren sollen noch einmal 200 dazukommen.

„Turnarounder des Jahres 2012“ in der Kategorie der mittleren Unternehmen (200 bis 750 Mitarbeiter) ist Dr. Werner Lanthaler, Vorsitzender des Vorstandes der Evotec AG aus Hamburg. Das 1993 vom Chemie-Nobelpreisträger Manfred Eigen und anderen Wissenschaftlern gegründete Biotech-Unternehmen drohte 2008 in die Insolvenz zu stürzen, der Aktienkurs lag bei nur noch 55 Cent – ein Pennystock. Bei 40 Mio. Euro Umsatz belief sich der operative Verlust auf 50 Millionen Euro. Der Aufsichtsrat suchte nach einem neuen Chef und stieß dabei auf Dr. Werner Lanthaler, Ex-McKinsey-Berater und Finanzvorstand des österreichischen Impfstoff-Entwicklers Intercell.

Unter der Maxime „kein Zeitverlust“ präsentierte der neue Chef nach drei Wochen einen Aktionsplan bis 2012, der vorsah, sich auf das Dienstleistungsgeschäft in Forschungsallianzen mit Pharmakonzernen zu konzentrieren, die Entwicklung von Medikamenten auf die aussichtsreichsten Produkte zu beschränken und nur in Partnerschaften voranzutreiben sowie die operativen Kosten maßgeblich zu reduzieren. Die Forschungsausgaben wurden zurückgefahren, 90 der 420 Mitarbeiter wurde gekündigt.

Die Umstrukturierung von Evotec kam gerade zur rechten Zeit, in der Pharmaindustrie wurde verstärkt die Frühphasenforschung für neue Wirkstoffe ausgelagert. Hier konnte Evotec punkten: mit exzellentem Know-how und der Fähigkeit, technologisch hoch effizient zu arbeiten. Inzwischen gibt es Entwicklungspartnerschaften und Forschungsallianzen mit rund 60 Unternehmen, erst im Oktober wurde eine fünfjährige Zusammenarbeit mit Bayer vereinbart. Evotec ist heute profitabel, schon 2010 wies das Unternehmen einen operativen Gewinn aus – den ersten in der Firmengeschichte. Seit dem Antritt von Lanthaler stieg der Aktienkurs auf drei Euro, ein Plus von 400 Prozent seit Frühjahr 2009.

Der Fokus der Firma liegt inzwischen auf Expansion, Unternehmen in Göttingen, München und San Francisco wurden gekauft, die Mitarbeiterzahl stieg auf 600. Der Umsatz soll 2012 bei 90 Millionen Euro liegen. Ein neuer Aktionsplan, der bis 2016 läuft, definiert die neuen Ziele von Werner Lanthaler: Evotec soll den Umsatz um zehn Prozent steigern und etwa 20 Millionen Euro jährlich investieren. Im Moment ist Werner Lanthaler allerdings nicht an Bord, eine Erkrankung zwingt ihn in eine ungeplante Ruhephase, per E-Mail und Telefon arbeitet er aus Wien, wo er sich behandeln lässt.

„Turnarounder des Jahres 2012“ in der Kategorie der kleinen Unternehmen (bis 200 Mitarbeiter) ist Holger Weidmann, Geschäftsführer der Krautzberger GmbH aus Eltville am Rhein. Das 1902 gegründete Unternehmen für Druckluftspritzpistolen ging Anfang 2009 in die Planinsolvenz. 2008 riss die Finanzkrise ein großes Loch in die Auftragsbestände, Anfang 2009 lagen sie 70 Prozent niedriger als im Jahr davor. Selbst Kündigungen und Kurzarbeit schafften keinen Spielraum. Neben den fehlenden Aufträgen war auch der Rückkauf der ehemaligen Betriebsstätte in Leipzig Grund für die finanzielle Schieflage, das Geschäft war insgesamt zu kurzfristig finanziert.

Jährlich mussten Verlustübernahmen bis zu einer Million Euro geleistet werden. Im Januar 2009 schließlich konnte der Lohn für die Mitarbeiter nicht mehr gezahlt werden. Mit einem Planinsolvenz-Verfahren wollten die Brüder Weidmann retten, was zu retten war. Der erste Schritt war ein Forderungsverzicht der Gläubiger. Die Weidmanns erreichten, dass diese auf 94 Prozent ihrer Forderungen verzichteten. Aber es waren weitere Einsparungen nötig – sie gingen soweit, dass die Mitarbeiter sogar selbst Arbeitsplätze und Toiletten reinigten. Rettender Strohhalm war das Insolvenzgeld, das die Mitarbeiter drei Monate als Lohnersatz bekamen.

Trotzdem mussten noch 30 der 90 Beschäftigten entlassen werden. Auch die Leipziger Immobilien, die seit 20 Jahren Verluste einbrachten, wurden abgewickelt. Um Kunden und Zulieferer zu überzeugen, dass es mit Krautzberger wieder nach vorn gehen werde, griff Weidmann zu ungewöhnlichen Methoden. Er ging völlig offen mit der prekären Situation der Firma um, ließ ZDF und Hessischen Rundfunk Fernsehreportagen über die Auswirkungen der Krise bei sich im Betrieb machen. Und setzte beim Insolvenzverwalter durch, dass trotz Streichen aller Messeauftritte wenigstens der Stand auf der Hannover Messe bestehen blieb. Die Maßnahmen zeigten Wirkung: Schon 2010 wurde das Insolvenzverfahren abgeschlossen, ein Gewinn von zwei Millionen Euro konnte ausgewiesen werden. Ende März 2012 zahlte Krautzberger die letzte Rate der Verwertungsquote an die Gläubiger. Für Holger Weidmann liegt der Grund für den Turnaround nicht nur im Spezialwissen der Firma, sondern auch im Zusammenhalt zwischen ihm und seinem Bruder, auf den er sich in der Geschäftsleitung unbedingt verlassen konnte – „so etwas ist unbezahlbar“.

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Mehr zu diesem Thema erfahren Sie in der impulse-Ausgabe 11/2012.

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