Management Der Aufsteiger vom Kiez

Er ist der Präsident des FC St. Pauli, Theaterunternehmer, Regisseur und eine der bekanntesten Figuren des Hamburger Szeneviertels. Corny Littmann spricht mit impulse über modernes Volkstheater, Shows auf hoher See und andere Abenteuer.

Auf der Reeperbahn kurz vor halb eins: Eine Zeit, zu der Corny Littmann seine Tageshochform noch nicht erreicht hat, aber an diesem Mittag ist er gut gelaunt. Giuseppe, der Kellner im Ristorante da Benito, hat zähneknirschend eingewilligt, dass er rauchen darf. Littmann setzt sein Recht auf öffentlichen Nikotinkonsum ähnlich rigoros durch wie Altkanzler Helmut Schmidt.

Corny Littmann, Theaterunternehmer, Regisseur und ehrenamtlicher Präsident des FC St. Pauli, ist ein Nachtmensch. Fast zwangsläufig, denn rund drei Monate pro Jahr steht er auch noch auf der Bühne, „zur Erholung“. Vor 11 Uhr setzt er keine Termine an. „Zum Glück habe ich ja meistens das Vergnügen, dass sich andere nach meiner Zeit richten müssen.“ Ansonsten macht er wenig Vorgaben: „Ich bin ein großer Freund davon, dass Mitarbeiter eigenverantwortlich arbeiten.“
Mit leicht diabolischem Lächeln fügt er hinzu: „Die Kunst besteht darin zu wissen, wann sie mich fragen müssen.“

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Das Restaurant hat er ausgesucht, weil es nur ein paar Schritte von seinen Hauptunternehmen
liegt, dem Schmidt Theater und dem Tivoli auf dem Spielbudenplatz. Außerdem wohnt der 57-Jährige, der mit einem Opernsänger verheiratet ist, um die Ecke, seit 22 Jahren in derselben
60-Quadratmeter-Wohnung. Für einen Mann, der „Hamburger Unternehmer des Jahres 1999“ war, ungewöhnlich bescheidene Wohnverhältnisse.

In seinen Theatern laufen Komödien, Kabarett, Musicals, Schlagerrevuen. Er benutzt dafür den Begriff „heutiges Volkstheater“. Das klingt überraschend bieder für jemanden, der der freien Tourneetheaterszene der 70er-Jahre entstammt. Für die Musik bei der schwulen Kabarettgruppe Brühwarm, bei der Littmann mitwirkte, sorgte zeitweilig die Anarchoband Ton Steine Scherben. Auch in die Politik hat er kurz reingeschnuppert: 1980 trat er für die Hamburger Grünen als Bundestagskandidat an. Mitte der 80er hat ihn die Partei „als Karteileiche aussortiert“, aber die Sympathie ist geblieben: „Ich wähle immer grün.“

Heiße Ecken statt Subventionen

Der Einschätzung, dass der Erfolg seiner Theater ein Indiz dafür sei, dass die Alternativkultur in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist, kann er nur bedingt etwas abgewinnen. Im Publikum
säßen auch Leute, die „sich Mitte der 70er wie wir in Wohngemeinschaften die Hucke vollgekifft haben und heute um die 60 sind“. 800.000 Menschen haben seit 2003 das von ihm inszenierte Sankt-Pauli-Musical „Heiße Ecke“ gesehen. Die meisten Produktionen seiner Häuser laufen
im Schnitt 500-mal. „Das ist abenteuerlich viel“, sagt Littmann, der öffentliche Unterstützung stets ablehnte. 2Unterhaltungstheater gehört nicht subventioniert.“ Außerdem hat er wenig Lust,
sich mit Bürokraten herumzuschlagen.

An der Spitze des Kiez-Clubs

Das Ziel, Entertainment weiterzuentwickeln,
bestimmt auch die Arbeit seiner
Firma Seelive Tivoli. Mit jährlich rund
20 international zusammengesetzten
Ensembles
produziert Littmann Unterhaltungsprogramme
für die Kreuzfahrtschiffe
der Aida-Reederei; nach Stage Entertainment
(„Mamma Mia!“, „Der König
der Löwen“) ist Seelive der zweitgrößte
deutsche Arbeitgeber im Musiktheaterbereich.
Die Shows, die es an Land nicht
zu sehen gibt, haben den Anspruch zu
beweisen,
dass niveauvolles Kreuzfahrt-
Entertainment möglich ist. „Wir haben
auf den Schiffen technische Bedingungen,
von denen wir an Land nur träumen
können“, sagt Littmann. Dazu gehört
eine LED-Wand, mit der sich sekundenweise
das Bühnenbild verändern lässt. In
seiner Funktion als künstlerischer Leiter
fährt Littmann jeweils ein paar Wochen
pro Jahr selbst zur See.

Seitdem er den FC St. Pauli führt,
bleibt ihm dafür allerdings weniger Zeit.
Littmann trug in den vergangenen sieben
Jahren wesentlich dazu bei, den lange
kränkelnden Klub auf eine solide Basis
zu stellen. In diesen Tagen könnte es
St. Pauli sogar gelingen, pünktlich zum
100. Geburtstag in die erste Liga aufzusteigen.
Übermütig wird Littmann trotzdem
nicht. Viele Bundesligavereine machten
den Fehler, „Strukturen aufzubauen,
die sich gar nicht von heute auf morgen
auf Zweitliga-Maß herunterschrauben
lassen“, sagt er. Littmann hat die Folgen
einer solch spendablen Ausgabenpolitik
zu spüren bekommen, als er beim FC ein
halbes Jahr nach dessen letztem Erstligaabstieg
das Präsidentenamt antrat. Damals
war er Fan, von innen kannte er den Verein nicht. „Zum Glück. Sonst hätte
ich gesagt: Nettes Angebot, aber sucht
euch bitte einen anderen Idioten.“

Umso mehr Freude bereitet es ihm, die
Jubiläumsgala zu organisieren, die am
1. August im Schmidts Tivoli stattfindet.
Unter anderem wolle er bekannte Sportreporter
überreden, sich als Spielerfrauen
zu kostümieren und im
Chor „Er steht im Tor
und ich dahinter“ zu singen,
erzählt Littmann und lächelt
dabei wie ein Kind, das gerade
einen besonders schönen
Streich ausgeheckt hat.

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