Management Der große Krieg ums Patent

Erfunden, erlogen: Nirgendwo wird so heftig über Patente gestritten wie in Deutschland. Dreist kopieren manche Konzerne fremde Ideen - und lassen es auf einen Streit ankommen. Sie können es sich leisten.

Schlaue Drucker. Ihretwegen sitzt Roland Widuch, 67, in einem leeren Besprechungsraum der Firma CCP in Zuffenhausen und stopft seine Pfeife.

Widuch ist der Chef, ihm gegenüber hat Christoph Picht Platz genommen, der Marketingleiter, auch er bald 60. Zwei ruhige ältere Herren, die sich wenig Zwang antun. Picht fragt, ob er eine Zigarette rauchen dürfe. Widuch stopft vor sich hin, lächelt in sich hinein, ein Unternehmer, der vieles gesehen hat und sich jetzt auf sein Pfeifchen freut.

Anzeige

Schlaue Drucker, das war Widuchs Idee, das war einmal sein Kerngeschäft.

Drucker, das sind ja diese dummen Endgeräte irgendwo in der Bürolandschaft, stromfressend und träge, Geräte, die stundenlang darauf warten, ein 15-seitiges Dokument auszuwerfen, um dann wieder wegzudämmern, zwischen Papierstau und Stand-by.

Wären die Bürogeräte ein Streichelzoo, der Drucker wäre der Esel.

Die Idee war also, den Drucker schlau zu machen. Dafür zu sorgen, dass er Druckaufträge auf arbeitslose Nachbarn im Netzwerk verteilt, Dokumente in Datenbanken ablegt, verschlüsselt, mitrechnet, mitdenkt.

Glossar
Jedes Schutzrecht hat eine unterschiedliche Reichweite
Patente Es gibt Erzeugnis- und Verfahrenspatente. Das Erzeugnispatent schützt Produkte oder Geräte, das Verfahrenspatent Herstellungs- oder Arbeitsabläufe. Die Verletzung eines Verfahrenspatents lässt sich meist nur mit aufwendigen Analysen nachweisen – man sieht es einem Produkt oft nicht an, wie es hergestellt wurde.
Gebrauchsmuster Es setzt anders als das Patent keine „erfinderische Tätigkeit“ voraus, sondern nur einen „erfinderischen Schritt“. Vorteil: Der Schutz beginnt sofort mit Eintragung. Nachteil: Im Prozess kann es schneller kippen.

Eine Idee, die nicht in Japan entwickelt wurde oder den USA, sondern von Widuchs Softwarehaus. Vom 70er-Jahre-Zweckbau geht der Blick auf den hintersten Hinterhof von Porsche, auf Wellblech und eine Autolackiererei.

JScribe heißt das Betriebssystem. Wird es in Drucker eingespielt, spart es den Firmen Zeit, Kosten und am Ende auch Drucker. Eine besondere Technologie, sagt Picht. Ein Rohdiamant, erkannte der frühere IBM-Manager Widuch, als er vor zehn Jahren zu CCP stieß.

JScribe wurde der Knüller. Jeder wollte den denkenden Drucker. Kyocera, Konica, Sharp, IBM gaben sich in Zuffenhausen die Klinke in die Hand. Am Ende schlossen die Deutschen einen Vertrag mit IBM. 2004 übernahm der US-Computerriese die weltweite Vermarktung von JScribe. Der Kleine und der Große, im Bündnis vereint. IBM gab Samsung eine Lizenz, der größte koreanische Konzern wollte die Druckerbranche aufrollen. Und Widuchs Minifirma war mit dabei, huckepack.

Heute, so schätzt das US-Marktforschungsinstitut Gartner, läuft JScribe auf mindestens 7,8 Millionen Druckern, ganz oder in Teilen.

Nur bei CCP läuft es nicht mehr.

Nun laufen Prozesse gegen IBM und Samsung. Der Streitwert in den USA: 500 Mio. Dollar. Es geht nicht mehr nur um Schadensersatz, es geht um Strafzahlungen. Zuffenhausen gegen den Rest der Welt. „Wir waren schon am Ende. Eigentlich hätten wir Konkurs anmelden müssen“, sagt Widuch und brummt und lacht, als fände er diese Welt ganz wunderlich. Denn CCP hat ja ein Patent auf JScribe, hat Urheberrechte, hatte sogar einen exklusiven Lizenzvertrag mit IBM.

Erfinder aus dem Weg räumen

Die wundersame Geschichte von CCP ist die eines Mittelständlers, der sich mit 35 Mitarbeitern und einer Blockbuster-Erfindung in die allererste Liga der IT-Industrie aufmachte. Der trotz all seiner schönen Schutzrechte, Verträge und Patente seit Jahren am Rand des Ruins tänzelt. „Wenn einer was erfunden hat, was die Industrie wirklich interessiert“, sagt der Hamburger Anwalt Christian Klawitter, Experte für geistiges Eigentum, „kann das dazu führen, dass sie den Erfinder – salopp gesagt – aus dem Weg räumt.“

Das Patent ist ein Deal, den die Gesellschaft mit dem Entwickler abschließt. Der Erfinder verrät in einer Offenlegungsschrift, was er erfunden hat. Die Gesellschaft gibt ihm dafür eine Belohnung: ein ausschließliches Recht. 20 Jahre währt es, 20 Jahre darf nur er damit Geld verdienen, danach wird das Patent frei. Es ist auch ein Handelsgut, es beschränkt den Wettbewerb und fördert ihn zugleich, es ist angreifbar, kann gebrochen werden. Bevor das letzte Urteil über ein Patent gesprochen ist, hat es manchen Erfinder schon umgeweht.

Nirgendwo in Europa werden so viele Patente angemeldet wie in Deutschland. Und nirgendwo wird so viel darüber gestritten.

Jedes 300. Patent wird angezweifelt, rechnet eine Studie der Londoner Politikberater CJA Consultants vor, angefertigt für die EU-Kommission. In vier von fünf Fällen landet das Patent vor einem deutschen Gericht. Spitzenwerte, im Guten wie im Bösen, die in keinem anderen EU-Land erreicht werden.

Jeder kämpft für sich allein
Kleinere Unternehmen können sich an den Kosten von Patenten schnell verheben. Das liegt am System – und an Europa.
Einzelkämpfer Im Patentrecht herrscht europaweit noch Kleinstaaterei: So gibt es zwar ein „europäisches Patent“, das aber zerfällt nach seiner Erteilung in national gültige Einzelpatente. Das bedeutet: Für jeden Staat werden separate Gebühren für Anmeldung und Aufrechterhaltung fällig, bei einer Verletzung müssen die jeweiligen nationalen Gerichte entscheiden. Das kostet schnell Unsummen.
Eines für alle Abhilfe soll ein EU-Patent schaffen, um dessen Ausgestaltung seit zehn Jahren gerungen wird. Ein aktueller Gesetzentwurf der EU-Kommission stammt von Mitte April. Die Patentkosten sollen mit dem EU-Schutzrecht um 80 Prozent sinken, nur noch Deutsch, Englisch und Französisch sollen Patentsprachen sein. Bislang wollen 25 der 27 EU-Staaten mitmachen. Spanien und Italien weigern sich noch.
Wie lange noch? Allein die Aufrechterhaltung eines Patents kann sehr viel Geld kosten, die Gebühren steigen jedes Jahr. Die Aufrechterhaltungsgebühren für das 20. (und letzte) Patentjahr kosten das 27-Fache der Einstiegsgebühr. Dahinter steckt der Gedanke, dass nur erfolgreiche Patente fortgeführt werden sollen. Verzichtet der Erfinder hingegen, wird die Technik frei und kann weiterentwickelt werden.

Die Deutschen streiten sich lieber, als sich vorher zu einigen, und weil sie auch das gründlich tun wollen, gilt ihr Patentprozess als einer der teuersten. Die erste Instanz kostet mit Drum und Dran durchschnittlich 300.000 Euro, Platz zwei nach den Briten, wo der Erfinder mit einer halben Million dabei ist. Und es ist nicht nur das Geld, es ist ja auch die Zeit. Ein 60-jähriger Firmeninhaber muss sich die sechs Jahre bis zu einem Urteil leisten können.

„Die haben darauf spekuliert, dass wir tot umfallen“, sagt Roland Widuch.

Er müsste nicht mehr hier sitzen. Er war es, der 2004 den güldenen IBM-Deal eingefädelt hatte, danach stieg er aus. Seine Tochter ist so krank, dass sie sich wahrscheinlich nie wieder um ihre vier Kinder kümmern kann. Widuch nimmt damals seine Enkelinnen zu sich, er privatisiert, ist wieder Papa und Opa, seine Welt wird die der Hausaufgaben und Schulfeste.

Bis Ende 2008 das Telefon klingelt. Ein Aufsichtsrat von CCP ist dran. Die Firma hat Kurzarbeit angemeldet, das Ende ist nahe. Ob der Ruheständler nicht helfen könne.

Widuch kehrt zurück und muss entdecken: Es gibt einen Vertrag mit IBM und einen von IBM mit Samsung. Samsung liefert Drucker mit JScribe mit bis zu 300 Dollar Aufpreis aus, ordert Unterstützung bei CCP, doch über IBM fließen kaum Lizenzzahlungen zurück. 2008, so stellt Widuch fest, werden weniger als 4000 Geräte abgerechnet, für nicht mal 10.000 Euro.

Samsung selbst brüstet sich damit, allein 7000 Geräte mit JScribe ausgestattet zu haben. Das steht in einem Weißbuch, das noch heute im Internet abrufbar ist. 5000 in „einer der größten Banken Europas“, 850 in „einer großen Bank in Deutschland“, mehr als 1000 in „einer Regierungseinrichtung in den USA“.

Doch 2008 ist Widuch noch arglos. „Wir haben das gar nicht überblickt.“ Bei IBM redet er sich den Mund „fusselig“, die US-Firma hat ihre Druckersparte mittlerweile verkauft. Er setzt durch, dass er mit Samsung direkt sprechen darf, die Koreaner sind der Vertragspartner von IBM.

Im Frühjahr 2009 versucht Widuch, immer noch der Versöhnliche, wenigstens etwas Geld herauszuschlagen. Die Provinzbude und der koreanische Gigant sind im Gespräch. „Wenn wir eine Million bekommen hätten, hätten wir unterschrieben.“ Doch so weit kommt es nicht.

Der Vertrag liegt unterschriftsreif vor, da will Samsung kurz vor knapp eine Änderung im zugrunde liegenden Memorandum. Plötzlich verlangt der Konzern eine „Floating License“, eine Art Lizenz-Flatrate. Die Begründung: Sie hätten keine Möglichkeit, das zu kontrollieren.

Da sei er doch misstrauisch geworden, sagt Widuch. Bislang hatte er einen Vertrag mit IBM Deutschland. Da steht drin: Jedes ausgelieferte JScribe-Gerät sei abzurechnen, Stück für Stück, also bitte schön: kontrolliert. Ein deutsches Berichtswesen. Vielleicht zu deutsch. Und nun das: Floating License. No way to control. Widuch lehnt ab.

Zu Hause in Zuffenhausen gibt er seinen Leuten einen Rechercheauftrag: Sucht nach JScribe. Die Google-Anfrage endet bestürzend. Auf der Website von Samsung USA findet sich das Programm – Ergebnis jahrelanger Entwicklungsarbeit – zum freien Download, nebst Bedienungsanleitung. So lassen sich Drucker nachträglich mit JScribe ausstatten, die vorher ohne lästiges Lizenzgedöns ausgeliefert wurden. Jetzt ist klar, warum niemand mehr Kontrolle über JScribe hat, haben will. „Anwälte über Anwälte haben das damals unter höchster Geheimhaltung geregelt“, sagt Widuch fassungslos, „und dann das: Unser Kerngeschäft steht im Internet!“

CCP kündigt alle Verträge, auch den mit IBM, und schießt von da an scharf: Der US-Konzern wird in Deutschland und den USA, Samsung nur dort verklagt. Per einstweiliger Verfügung lassen die Schwaben die Downloadseiten verbieten, treten aber nur ein munteres Spielchen los. Kaum verschwindet die Software auf der einen Seite, taucht sie am anderen Ende der Netzwelt wieder auf.

Widuch und Picht lassen errechnen, dass fünf Millionen Samsung-Drucker mit JScribe ausgestattet sein könnten, über 40 Gerätetypen sind betroffen. Und das seien nur die Drucker, auf denen auch Samsung draufsteht. IBM und Samsung wollen die laufenden Gerichtsverfahren nicht kommentieren.

In Zuffenhausen sind viele Schreibtische abgeräumt, auch die zwei, die im kahlen Besprechungsraum am Fenster stehen. Nur noch ein Telefon steht darauf, die Computer sind weg, die Kollegen sowieso. Vier von fünf Mitarbeitern seien nur mit dem Prozess beschäftigt, sagt Widuch. Aber es sind auch nur noch 16.

2 Mio. Euro haben die Prozesse schon gekostet, das Geld holt CCP, eine kleine Aktiengesellschaft, über Kapitalerhöhungen rein. Das sei wirklich Risikogeld, sagt Widuch. Das Softwaregeschäft steht still.

Es gebe drei Wege, wie ein großer Patentverletzer seine Marktmacht gegen Mittelständler ausspielen kann, sagt Heiner Pollert vom Deutschen Institut für Erfindungswesen.

Erstens: Der Konzern lässt abkupfern, aber nicht in Deutschland, sondern weit weg, in einem asiatischen Werk. In einer Gegend, die als weißer Fleck auf der Weltkarte der Patente gilt. Oder er macht einen Vertrag mit dem Kleinen, formal ganz wunderbar, dann wird aber nicht gezahlt. Gründe lassen sich viele finden. Lizenzverträge sehen ein Kündigungsrecht vor, wenn der Erfinder pleitegeht. Seine Firma ist dann ein Schnäppchen, das es handwarm beim Insolvenzverwalter gibt. Der dritte Weg: Der Große beruft sich auf die Nachahmungsfreiheit, bringt ein täuschend ähnliches Produkt auf den Markt und wartet ab. Für das Großunternehmen risikolos, für den Kleinen geht es um die Existenz. Er muss aufstehen, ankommen, nachfragen.

Verdächtig bekannt

Peter Jöst ist ein unruhiger Mensch, immer in Bewegung, er wieselt in sein Büro, schaut in eine Akte, zitiert daraus, aufgeregt. Ein Skandal sei das. Ein kleiner Unternehmer mit einem kleinen Werk, das sich in ein kleines Tal im Odenwald duckt. Aber Jöst hat auch einen großen Blockbuster: die Multilochschleifscheibe.

Ein Handwerkerprodukt, ehrlich und rau, aber auch eines, das ihm die Hälfte seines Umsatzes von 8 Mio. Euro beschert. Jöst erfand die verschleißfreie Schleifscheibe vor 15 Jahren. Bis dahin wusste der Staub nicht, wo er nach dem Abschleifen hinsollte, also blieb er auf der Scheibe und setzte sie zu. Das Ergebnis: schneller Verschleiß. Jösts Idee: viele kleine Löcher, damit der Staub wegkann. Und eine Scheibe, die bis zu viermal so lang hält wie herkömmliche. Patentwürdig.

Der französische Mischkonzern Saint-Gobain, ein Trumm mit 37 Mrd. Euro Umsatz, wollte die Scheibe. Jöst fertigte Muster, verhandelte, fragte nach, hörte nichts mehr von den Franzosen und zog wieder von dannen.

Vier Monate später bringt Saint-Gobain eine Scheibe auf den Markt, die Jöst verdächtig bekannt vorkommt. Er klagt 2004 vor dem Landgericht Mannheim auf Patentverletzung. Die Franzosen kontern wie aus dem Lehrbuch: Sie fechten Jösts Patent an. Der Prozess in Mannheim wird für fünf Jahre ausgesetzt. Vor einem Münchner Gericht verliert Jöst sein Patent.

Er kann jetzt weder vor noch zurück.

Hört er auf, riskiert er die Fabrik. Der Verlust seines Patents lässt vier weitere Verletzer hervorkriechen, sie alle werfen Schleifscheiben auf den Markt. Klagt er weiter, riskiert er bis zu 300.000 Euro Prozesskosten, um am Ende vielleicht mit noch weniger dazustehen.

„Die rechnen damit, dass du als Kleiner in die Knie gehst“, sagt Jöst. „Natürlich wissen die Großen, dass es Brocken gibt, die ein Kleiner nicht mehr herunterwürgen kann“, sagt Peter Hess, Jösts Anwalt in der Kanzlei Bardehle Pagenberg.

Jöst tut etwas Mutiges: Er würgt. Kämpft um sein Patent bis vor den Bundesgerichtshof. Die Tage vor dem Urteil im Sommer 2010 werden ihm zur Qual. Familie Jöst fährt am Tag der Entscheidung nach Karlsruhe, den Champagner im Kofferraum, man erwartet Gutes. Umsonst, kein Urteil fällt, der Champagner muss trotzdem dran glauben, aus Frust. Am nächsten Tag hält Jöst es kaum noch aus, er fährt zum Friseur, sich ablenken, ach nein, doch lieber auf die Sommerrodelbahn, spazieren gehen. Als sein Sohn auf dem Handy anruft, findet er vor Aufregung den Knopf nicht.

Peter Jöst triumphiert. Der BGH hat sein Patent wiederhergestellt. Jöst ist zu diesem Zeitpunkt 69 Jahre alt.

Die Belegschaft war ratlos

Vom Odenwald nach Berlin-Kreuzberg. Hier sitzt keine alte Industrie, hier gibt es Gewerbehöfe und Startups, mittendrin sitzen Niels Mester und seine Firma Speedminton in einem verklinkerten Altbau. Es mag in Kreuzberg ziemlich anders sein als in Jösts kleiner Schleifscheibenwelt, doch Mesters Probleme sind exakt die gleichen.

Mit seinen zehn Mitarbeitern will er eine neue Sportart in der Welt verbreiten, deren Erfinder Squash mit Badminton gekreuzt hat. Die Schläger sind schwerer als beim Badminton, die Bälle auch. Glaubt man den Werbefotos, kann man Speedminton auf Häuserdächern, auf Schiffen bei Windstärke fünf oder in Kreuzberger Hinterhöfen spielen.

Natürlich adele es eine Produktidee, wenn Konzerne Nachahmungen auf den Markt werfen, sagt Mester. Aber der Schock war doch groß, als 2005 das erste „Rapid Ball“-Set auftauchte, beim Lidl um die Ecke.

Die Belegschaft beugte sich über das Set und war ratlos. Der Schläger leicht anders geformt als der von Speedminton, der Ball auch, alles trug einen anderen Namen. Eine Patentverletzung? Schwierig nachzuweisen. Mester tobte. 200.000 Euro Marketingausgaben für die Tonne. „Wir haben die Braut hübsch gemacht und haben nichts von ihr.“ Die Buchhalterin rettete die Truppe. Sie entdeckte, dass Lidl das Set

auf dem Kassenbon als „Speedminton“ deklariert hatte. Eine Verletzung der Marke, auch sie ein Schutzrecht. Mester klagte.

Mulmig sei ihm gewesen, erzählt er heute, die nächsten anderthalb Jahre vor dem Richter, der Gegner undurchschaubar, das Kostenrisiko bei 60.000 Euro. „Wir haben zu der Zeit noch gar keinen Gewinn gemacht.“ Mester verglich sich mit Lidl und bekam 30.000 Euro.

Damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Für Mester nicht und auch nicht für Peter Jöst und Roland Widuch. Der Patentkrieg geht weiter.

Mester musste erneut klagen, diesmal gegen den Penny-Markt, wieder war das Corpus Delicti der Kassenbon. Er zog es diesmal durch und gewann im Januar 2011.

Jöst hat zwar vor dem BGH sein Patent gerettet, doch wirkt das Urteil nur in Deutschland, nicht in Italien oder Frankreich, wo Jöst auch Patente hat, die verletzt werden können. Der Odenwälder spielt gegen einen multinationalen Konzern. Er könnte nun bis an sein Lebensende klagen, in jedem einzelnen Land.

Stattdessen hat er sich der Gesetze des Marktes bedient, die zuvor gegen ihn waren. Er hat seine Erfindung an einen Patentverwerter abgetreten. Die gelten als unangenehme Zeitgenossen, die nichts erfinden, nichts produzieren, deren einziger Zweck darin besteht, Patente zu versilbern. „Trolle“ heißen sie deshalb, und das ist nicht nett gemeint. Vor fünf Jahren sprang der Patent-Troll NTP dem Blackberry-Hersteller RIM ins Kreuz. Zeternd fügten sich dessen Vertreter in einen 600 Mio. Dollar schweren Vergleich.

Auch Roland Widuch hat sich wieder einen großen Partner gesucht, für ihn streitet in den USA die Anwaltskanzlei Motley Rice. Die hat der US-Zigarettenindustrie in einem der bislang größten Schadensersatzfälle 206 Mrd. Dollar für die Opfer des Nikotins abgerungen. Samsung und IBM könnten nun im Mai dazu gezwungen werden, alle Unterlagen vor dem US-Gericht abzuliefern, die mit JScribe zu tun haben. „Pre-trial discovery“ nennt sich das, und es ist in den US-Konzernen verhasst. Lastwagenweise muss das Material angekarrt werden, Ingenieure und Vorstandschefs müssen zum Verhör antreten. Das ist alles ganz unschön. Man vergleicht sich vorher lieber, in neun von zehn Fällen – beim Geld wird man sich plötzlich einig.

„Ich bleib so lang, bis das gelöst ist“, sagt Roland Widuch, der Ex-Ruheständler, vergnügt.

Am Ende könnte er doch als Sieger dastehen. Das wäre spektakulär. Aber es wäre auch ungewöhnlich. Im Patentkrieg sind die Kräfte zu oft zu ungleich verteilt. Der Große hat mehr Menschen, mehr Geld, mehr Puste, und eines Tages hat er dann mehr Recht.

Das liegt auch an den Streitwerten, die viel höher sind als in normalen Prozessen. Sie fangen häufig bei 500.000 Euro an, gehen bis 10 Mio. Euro, manchmal bis zur Deckelung von 30 Mio. Euro. Siebenstellig ist dann auch der Kostenvorschuss, den der Kläger einzahlen muss. „Es gibt zahlreiche Fälle, wo kleinere Unternehmer einfach zu viel wollten und gescheitert sind“, sagt Patentanwalt Peter Hess. Bei diesen Streitwerten naht der Ruin in Riesenschritten.

Den Erfinder Heinz Süllhöfer hat er schon lange eingeholt.

„Jetzt wird es interessant, passen Sie auf!“

Süllhöfer ist ein sehr alter Mann von 84 Jahren, er sitzt im Wohnzimmer des erfolgreichen Fabrikanten, der er vor Jahrzehnten war. Schrankwand, Orientteppich, riesiger Esstisch, braun. Es ist der Gefechtsstand in seiner Schlacht gegen den Bayer-Konzern. Süllhöfer führt sie seit 45 Jahren. Seine Waffen sind seine Akten, die überall stehen: hinter den Gardinen, auf dem Boden, im Schrank, dem Keller, der Garage. 8000 Seiten hier, 35.000 Seiten da. „Jetzt kommt was irrsinnig Interessantes“, sagt er und heftet einen Vermerk von 1967 aus.

Süllhöfer, einst Arbeitgeber von 180 Menschen, wird in dieser Schlacht kein Gewinner mehr sein, dafür hat er zu viel verloren: seine Fabriken, sein Hotel, 30 Mio. D-Mark. Er hat nur noch sein Leben. Aber er kämpft. Auch an diesem trüben Dienstag.

„Jetzt wird es interessant, passen Sie auf!“, sagt er und reicht wieder etwas aus der Akte.

Süllhöfers Geschichte beginnt 1965. Der Fabrikant lässt eine Maschine patentieren, mit der sich Dämmplatten schnell und einfach herstellen lassen. Bayer sagt, er habe die Technik bei Werksbesuchen abgeguckt. Man streitet, schließt einen Vergleich, den Süllhöfer später als unfair empfinden wird, ihm werden Bayer- Dokumente zugespielt, er fühlt sich getäuscht.

Aber da ist erst das Jahr 1973.

Er klagt, es geht um Schadensersatz, seine Erfinderehre, um Prozesskosten, die er nicht zahlen kann, Süllhöfer gewinnt, er verliert, es geht gegen Bayer, gegen Staatsanwälte, Richter, irgendwann geht es auch gegen sein Hotel und Haus. Anfang der 80er-Jahre muss er die Produktion einstellen. „In den zahlreichen Verfahren hat er seine Interessen nicht durchsetzen können“, sagt ein Bayer-Sprecher knapp.

Er ist die tragische Figur, der Michael Kohlhaas des Patentrechts. „Jetzt kommt der Knaller“, sagt Heinz Süllhöfer, „ist das nicht sensationell?“ Er kann nicht mehr aufhören. 89 Prozesse, der aktuelle ruht.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 05/2011.

Abonnenten erhalten die neueste Ausgabe jeden Monat frisch nach Hause geliefert.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...