Management Deutschland, ein Land der Gründungsmuffel

Die Zahl der neugegründeten deutschen Unternehmen hat im ersten Halbjahr 2012 einen historischen Tiefstand erreicht. Ein Aufwärtstrend ist nicht in Sicht: Deutschlands Studenten sind laut einer Studie enorm gründungsunwillig. Um sich selbständig machen zu können, wünschen sich Hochschulabsolventen mehr Coachingangebote.

Was ist los mit Deutschlands Gründerszene? Erst kürzlich vermeldete die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK), dass die Zahl der neugegründeten Unternehmen im ersten Halbjahr 2012 einen historischen Tiefstand erreicht hat. Tags darauf veröffentlichte die Universität St. Gallen in Kooperation mit der Unternehmensberatung Ernst & Young eine internationale Studie, die Deutschland zu den Top drei der gründungsunwilligsten Länder unter Studienabgängern weltweit kürt.

Nur jeder siebzehnte Studienabgänger in Deutschland ist bereit sich selbstständig zu machen, während fast 80 Prozent ein Angestelltenverhältnis anstreben. Im weltweiten Vergleich sind nur pakistanische und belgische Studenten und Studienabgänger zögerlicher als deutsche, wenn es heißt ein Unternehmen gründen zu wollen.

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Das desaströs Ergebnis ist vielen Faktoren geschuldet. Gründe für die Zurückhaltung bei Neugründungen sind vor allem in der momentanen Arbeitsmarktlage und den gut aufgestellten deutschen Unternehmen zu finden. Der Fachkräftemangel bringt Absolventen in die komfortable Position Gehaltsverhandlungen aktiv gestalten zu können und auch die Berufs- und Aufstiegschancen in groß- und mittelständischen Unternehmen scheinen lukrativer als die Möglichkeit sein eigener Chef zu sein.

Welche Studenten am gründungswilligsten sind

Um erklären zu können warum deutsche Stunden Gründungsmuffel sind, lohnt sich ein Blick auf die Gründungsunwilligen und – willigen selbst. Überraschender Weise finden sich unter den gründungswilligsten Studenten Deutschlands die Geistes- und Sozialwissenschaftler auf den vorderen Plätzen. „Das liegt wohl nicht zuletzt daran, dass Sozial- und Geisteswissenschaftler oftmals schlechtere Chancen auf eine Festanstellung in einem Unternehmen haben als ihre Kommilitonen aus den Natur- und Wirtschaftswissenschaften,“ weiß Thomas Zellweger von der Universität St. Gallen und Leiter der Studie.

Genau dieser Umstand veranlasst die meisten Wirtschaftswissenschaftler den Weg in eine Festanstellung zu suchen. Verblüffend ist das nicht, betrachtet man aber die Bereitschaft von Wirtschaftsstudenten zur Unternehmensgründung, dann lässt sich feststellen, dass nur jeder 20. bereit ist den Weg, in die Selbstständigkeit zu suchen. „Dabei müssten sich doch gerade angehende Ökonomen für unternehmerisches Handeln interessieren“, stellt Zellweger fest.

Die Studie offenbart auch, dass der Hang zur Selbstständigkeit in deutschsprachigen Ländern weniger stark ausgeprägt ist als beispielsweise im angelsächsischen Raum. Dies läge laut Zellweger auch daran, dass in diesen Ländern das Unternehmertum einen höheren Status genieße als in Deutschland. Laut der DIHK-Studie entsteht der Wille zum Gründen bei Studenten zudem meist aus einem Mangel an Alternativen oder aus Zukunftsängsten.

Seminare zur Unternehmensführung gewünscht

Dieses scheint für viele deutsche Studenten nicht gegeben und so verfolgen sie immer öfter ihre eigenen Ziele, wie die Studie der Universität St. Gallen zeigt. An erster Stelle steht für die Masse ihre eigenen Träume zu verwirklichen, ein hohes Einkommen zu erzielen und gesellschaftliche Selbstverwirklichung zu erlangen. Besonders hemmend sind die Angst vor einem finanziellen Risiko und die Sorge keine Investoren zu finden. Dabei steckt in jedem dritten deutschen Studenten ein Gründer.

Dieses Potential wird aber nicht nur durch Zukunftspläne und -ängste gemindert, sondern auch durch das Fehlen von konkreten Hilfestellungen an den Universitäten. Mehr als die Hälfte der befragten Studenten wünschen sich Seminare zur Unternehmensführung, sowie Mentoring- und Coaching-Programme. Kontakte zu potentiellen Investoren oder der Ausbau von Stipendien könnten dieses Angebot noch unterstützen.

Wie wichtig beratende und finanzielle Anreize sind, zeigen auch die Zahlen des DIHK. Nachdem zu Beginn des Jahres der Rechtsanspruch auf Gründungszuschuss bei Arbeitslosen erloschen ist, hat die Zahl der Gründungen aus diesem Bereich um 81 Prozent abgenommen. Wie viele Beispiele zeigen, lohnt es sich im Moment selbst als Unternehmer tätig zu werden. „Viele Unternehmen lagern Leistungen wie etwa IT-Pflege aus und kaufen sie am Markt zu“, sagt Marc Evers vom DIHK. Ob man den Weg der Selbstständigkeit eingeht oder auch nicht, entscheiden letztendlich viele Faktoren. Um die Gründerszene zu stärken ist es aber vor allem wichtig Anreize zu schaffen und Ideen zu fördern, auch dies haben beide Studien gezeigt.

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