Management Die Kommerzallergie und ihre Auslöser

In Deutschland herrscht ein seltsames Phänomen, schrieb impulse-INSIDERIN Béa Beste vergangene Woche. Die Kommerzallergie. Die Berliner Bloggerin Meike Büttner ist da ganz anderer Meinung. Sie sagt: Bildung ist Sache des Staates, nicht der Unternehmen - die vor allem eins wollen: Geld verdienen. Eine Replik.

Es war Montag, der 28. Oktober als ich von meiner Unverträglichkeit erfuhr. Ich habe eine Kommerzallergie, erklärte Béa Beste in diesem Beitrag. Sie verlinkte einen Beitrag aus meinem Blog, der sich damit auseinandersetzt, wie Unternehmen versuchen, in Schulen einzudringen um dort Marketing zu betreiben. Die Publizistin Béa Beste sieht dabei offenbar nur das glänzende Gold, das die Unternehmen in die Schule tragen. Die Sicherung der Monopolstellung einer Marke scheint sie hingegen gar nicht zu stören.

Ich bin der Meinung, dass Konzerne nichts in unseren Schulhäusern verloren haben, weil ich nicht möchte, dass das Konsumverhalten unserer Kinder in solchen „Workshops“ beeinflusst wird. Béa Beste wundert sich in ihrem Text über diese Einschätzung und kann meine Kritik nicht ernst nehmen. Sie ist der Meinung, dass es doch schön ist, wenn Unternehmen den Schulen Material bieten, das sie selbst mit ihren Mitteln nicht tragen können.

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Ihre zunächst unverblümte Liebe zu Warenwelten schränkt sie zwar später ein wenig ein und unterscheidet an Hand einer Skala zwischen rein profitorientiert handelnden Unternehmen und Organisationen, die ohne Profite arbeiten, jedoch verstärkt das nur den Eindruck der Naivität. Ihr eigenes Unternehmen ordnet sie demnach in der Mitte ein. Aus dieser Skala geht allerdings nicht hervor, wer da mit wem in Vergleich gesetzt wird. Offenbar reicht das Spektrum von Nicht-Regierungs-Organisationen bis hin zum Megakonzern. Und das verantwortungslose Handeln letzterer war es immerhin, das uns eine Finanzkrise beschert hat.

Es muss anders differenziert werden

Wir müssen hier aber ganz anders differenzieren. Es gibt profitorientiertes Handeln und es gibt das Gemeinwohl. Wenn wir uns mehr Geld für die Bildung unserer Kinder wünschen, so tun wir das im Sinne des Gemeinwohles. Kommt dieses Geld allerdings von einem Unternehmen, denkt dieses dabei selbstverständlich nicht an das Gemeinwohl, sondern an die eigene Umsatzsteigerung. Ein Unternehmen verschenkt kein Geld. Unternehmen handeln nach der Prämisse des Wachstums und darum sehen sie in der Finanzierung von Schulprojekten nichts anderes als die frühstmögliche Bindung eines Kunden an ein Unternehmen. Und selbst wenn die Aktionen tatsächlich pädagogisch wertvollen Inhalt bieten, bleiben sie aber Teil einer Finanzbilanz Seitens des Konzerns.

Frau Beste lässt außerdem eine wichtige Instanz vollkommen außer Acht. Sie vergisst unseren Staat. Er ist es, der mehr Geld in die Bildung investieren müsste, er trägt die Verantwortung für die Entwicklung unseres Landes im Sinne aller Einwohner. Es ist Aufgabe des Staates allen Schülern und Schülerinnen die selben Chancen zu bieten. Diese Verantwortung darf man nicht übersehen. Dieser unser Staat ist es übrigens auch, der die Werbung an Schulen verbietet.

§ 99 Abs. 2 des Schulgesetzes sagt aus, dass Werbung grundsätzlich verboten sei in Schulen. Leider ist das Gesetz so schwammig formuliert, dass es Zuwendungen von Dritten gestattet, wenn „die Werbewirkung deutlich hinter den schulischen Nutzen zurücktritt“. Hier entsteht ein Interpretationsspielraum, den die Kommunikationsagenturen der Unternehmen gekonnt ausnutzen. Dr. Oetker stellt zum Beispiel Backanleitungen zur Verfügung. 35 Seiten, eine jede ziert das Logo des Unternehmens. Und Dove bietet nun multimediale Unterrichtsmaterialien an. Gerade Dove ist bekannt für seine sehr gut ausgetüftelte Werbestrategie. Ogilvy ist die Agentur, die dahinter steckt und ihnen ist ein geniales Konzept gelungen, mit dem sie schon seit vielen Jahren immer mehr Gewinne einfahren. Dove wird nicht müde, uns zu erzählen, dass wir natürlich schön sind. Sie treffen damit sehr gut den Nerv der Leistungsgesellschaft, die sich permanent ihres guten Aussehens versichern muss.

Geschädigte Körperwahrnehmung junger Menschen

Eine gerade erst veröffentlichte Studie, finanziert von der Bausparkasse LBS, fasst die Ergebnisse von den Befragungen 10.000 Kindern zwischen 9 und 14 so zusammen, dass jedes siebte Kind bereits über eine Schönheits-Op nachgedacht hat. Doves Kampagnen fangen alle diese Menschen ein, jedoch hat ihre Kampagne natürlich einen entscheidenden Schönheitsfehler. Unsere Kinder werden nicht schöner dadurch, dass sie Dove-Produkte konsumieren. Die ganze Botschaft der Dovewerbung verpufft ohnehin, wenn ich zu meiner natürlichen Schönheit plötzlich doch ein Produkt brauche, um sie zu halten.

Wir befinden uns hier übrigens in einem sehr gefährlichen Bereich. Die Körper- und Selbstwahrnehmung junger Menschen ist bereits entschieden geschädigt. 2012 gaben 53 Prozent der befragten Mädchen gegenüber dem Dr. Sommer-Team an, dass sie sich als hässlich empfinden. Zu dick, ist dabei die häufigste Selbsteinschätzung der Kinder. Sie stehen also bereits unter einem enormen Druck dank der Schönheitsindustrie und anderer Einflüsse. Wie paradox erscheint doch da die Idee, dass ein Unternehmen aus diesem Industriezweig unseren Kindern in einem Workshop diese Ängste nehmen will.

Paradox: Dove gehört zu Unilever – und Unilever gehört AXE

Denn es ist genau diese Angst, mit der Unternehmen wie Dove und Co. ihr Geld verdienen. Umso paradoxer, wenn man weiß, dass Dove ein Produkt von Unilever ist. Ebenso zu Unilever gehört die Marke AXE, gegen deren frauenverachtende Werbung viele Organisationen seit Jahren demonstrieren. Während ein Teil des Unternehmens also unerfüllbare Schönheitsideale reproduziert und Mädchen als ständig verfügbare, sexuelle Wesen darstellt, soll ein anderer Teil diesen Mädchen helfen, sich genau so nicht wahrzunehmen?

Ich möchte auch, dass Kindern bessere Lehrmittel und schönere Schulen geboten werden. Die Unterstützung durch Unternehmen kann ich allerdings nicht als das geeignete Finanzierungsmodell empfinden. Frau Beste endet mit dem schönen Wunsch: „und wir müssen alle verstehen, dass eine gute Zukunft für unsere Kinder nur gemeinsam entsteht.“
Genau hier sehe ich den Haken des erwähnten Systems. Denn für Gemeinwohl ist der Staat zuständig.

Ein Unternehmen kann und will diese Verantwortung gar nicht tragen. Im Gegenteil: Die Multikonzerne stehen schon lange Zeit in der Kritik, gekonnt die international unterschiedlichen Steuergesetze für ihre Profite zu nutzen. Briefkastenfirmen und Finanzverwaltungen im Ausland sichern diesen Unternehmen Steuereinsparugen von vielen Milliarden Euro jährlich. Müsste ein Unternehmen sich an die selben Steuergesetze halten wie wir alle, so kämen dadurch so viele Milliarden für den Staat zusammen, dass er problemlos die Bildungsausgaben verdoppeln könnte.

Ich vermisse die Grautöne. Als graues Mäuschen macht sich hier der Staat aus. Er muss in die Verantwortung gezwungen werden. Wenn ich krank bin, gehe ich zum Arzt. Wenn der Arzt sich nicht um mich kümmern will, werde ich sicher nicht zu einem Makler gehen, um mich behandeln zu lassen. Wenn wir von Verantwortung sprechen, schieben wir sie doch denjenigen zu, deren Aufgabe sie ist: Dem Staat.

 

buettner_120Die Autorin lebt mit einem Kind und einem Mann in Berlin. Sie leidet unter einer Laktoseintolleranz, andere Unverträglichkeiten sind ihr nicht bekannt. Auf mutterseelenalleinerziehend.de schreibt sie über Erziehung und soziale Themen. Das gleichnamige Buch erschien im August im Knaurverlag.

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