Management Die Mär von der fehlenden Fachkraft

Fachkräftemangel scheint eher ein statistisches Problem zu sein - zumindest bei Ingenieuren. Dass manche Unternehmen trotzdem klagen, ist für Fachleute nachvollziehbar.

Karl Brenke bestreitet, dass Deutschland so langsam die qualifizierten Fachkräfte ausgehen. Der Fachkräftemangel sei eine „Fata Morgana“, glaubt der Ökonom am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Zumindest sei es enorm schwierig, diesen Mangel wissenschaftlich zu belegen. Ihm sei das wenigstens nicht gelungen.

Brenke ist keineswegs eine Kassandra, allein und unverstanden. Auch Joachim Sauer, Präsident des Bundesverbands der Personalmanager, hegt gewisse Zweifel am Fachkräftemangel. „Meines Wissens gibt es keine einzige empirisch fundierte Untersuchung, die belegt, wo wir aus welchen Gründen in welchem Maß unter Fachkräftemangel leiden.“ Sauer zitiert eine KfW-Studie, in der die zentralen unternehmerischen Herausforderungen abgefragt werden. Die Schwierigkeit, künftig an ausreichend qualifiziertes Personal zu kommen, nannte nur eines von 100 befragten Unternehmen.

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Brenke hält es für wahrscheinlich, dass der angebliche Fachkräftemangel auf einem Denk- und Rechenfehler beruht. Meist werden die bei den Arbeitsämtern registrierten offenen Stellen – multipliziert mit einem Faktor, der abbildet, dass die Firmen nicht alle Stellen melden – mit der Zahl der Arbeitslosen abgeglichen. Zwischen beiden Zahlen klafft eine Lücke – der angebliche Fachkräftemangel.

Sorry, kein Fachkräftemangel

So funktioniere der Arbeitsmarkt nicht, hält Brenke dagegen. Er rechnet anders.
Zunächst zählt er die Menge an Beschäftigten, die etwa durch Rente oder Elternzeit dem Arbeitsmarkt verloren gehen. Dazu addiert er den zusätzlichen Bedarf an Mitarbeitern, den Unternehmen in einer Wachstumsphase haben. Diese Summe vergleicht er mit dem nicht ausgeschöpften Potenzial an Arbeitskräften, also den Arbeitslosen, den Berufsanfängern, der stillen Reserve. Und stellt fest: sorry, kein Fachkräftemangel.

Dieser Befund gilt zumindest für die Ingenieure, für die er das ausgerechnet hat. Wären die Ingenieure tatsächlich ein immer knapperes Gut, sagt Brenke, hätten zudem ihre Löhne steigen müssen. Doch unter Berücksichtigung der Kaufkraft sind sie sogar gesunken.

Selbst den demografischen Wandel hat Brenke in seine Rechnung eingepreist. Er gibt zu bedenken, dass die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bereits zwischen 2001 und 2009 schrumpfte – und die Zahl der Erwerbspersonen dennoch stieg. Der Grund: Immer mehr Frauen und Ältere suchten und fanden einen Job. In den kommenden Jahren werde das Angebot an Erwerbstätigen zwar sinken, sagt Brenke, doch würde diese Lücke nicht dramatisch ausfallen.

Dass manche Unternehmen trotzdem klagen, ist nachvollziehbar: Verwöhnt vom Angebot an Arbeitskräften der vergangenen Jahrzehnte, haben sie bisher kaum über Weiterbildung, lebenslanges Lernen und altersgerechte Arbeitsplätze nachdenken müssen. Sie bedienten sich auf dem Markt, denn der war voll.

„Leichter als Fachleute aus dem Ausland auf die Alb zu locken“

Das ändert sich gerade. Umlernen zu müssen erleben viele Unternehmen als mühsam. Groz-Beckert nicht. Das Unternehmen auf der Schwäbischen Alb ist Weltmarktführer bei Industrie nadeln. In das Klagelied über den Fachkräftemangel stimmt Personalchef Nicolai Wiedmann nicht ein, „auch wenn die Auswahl spürbar geringer geworden ist“. Trotzdem hat sich die Zahl der Auszubildenden in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt, auf 180.

Auf der Alb plant Groz-Beckert jetzt ein neues Zentrum, das ein Bildungshaus für Kinder und ein Gesundheitszentrum beherbergen soll. Damit schlägt das Unternehmen mehrere Fliegen mit einer Klappe: Es entlastet die Mitarbeiter bei der Kinderbetreuung und unternimmt etwas gegen die Defizite von Schulabgängern. Besonders Mädchen soll das Bildungshaus an technische Themen heranführen: „Das sind nicht gehobene Schätze“, sagt Wiedmann. Das Gesundheitszentrum soll zudem helfen, die Belegschaft länger fit zu halten. „Diese Maßnahmen“, sagt er „sind doch viel leichter umzusetzen, als Fachleute aus dem Ausland auf die Alb zu locken.“

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 11/2011.

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