Management Die Quotenfrauen machen mobil

Passend zum Internationalen Frauentag flammt die Diskussion um Chancengleichheit wieder auf. Nicht nur in den Führungsetagen liegt einiges im Argen. Politikerinnen fordern nun vehement die Frauenquote.

Mehr als 100 Jahre gibt es ihn schon. Und jedes Jahr aufs neue wird am 8. März, dem Internationalen Frauentag, über gleiche Rechte und gleiche Chancen diskutiert. Dieses Jahr fällt die Debatte besonders laut aus, denn trotz einer Frau als Kanzlerin und einem höheren Anteil von Mädchen als Jungen in Abiturjahrgängen gibt es zu wenige Frauen in Führungsetagen und zu viele Frauen in oftmals schlecht bezahlten sozialen Berufen. Das Statistische Bundesamt hat Zahlen dazu, etwa aus den Krankenhäusern: Beim Pflegepersonal betrug der Frauenanteil 2010 satte 86 Prozent.

„Die meisten Frauen finden sich immer noch in Berufen mit den schlechtesten Verdienstmöglichkeiten, den schlechtesten Arbeitsbedingungen und den schlechtesten Aufstiegsmöglichkeiten“, sagt Margit Göttert, wissenschaftliche Koordinatorin des Gender- und Frauenforschungszentrums der hessischen Hochschulen. Das Statistische Bundesamt bestätigt: Bei sozialen Berufen – egal ob Kindergarten, Jugendhilfe oder Altenheim – beträgt der Frauenanteil 84 Prozent.

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Auch am anderen Ende der Einkommensskala sind die Geschlechter ungleich verteilt – nur andersherum: In Deutschland sind nicht einmal 4 von 100 Vorstandsposten mit Frauen besetzt, wie aus einem am Montag veröffentlichten OECD-Bericht hervorgeht. Im europäischen Durchschnitt sind es immerhin etwa zehn Prozent, im Gleichberechtigungsmusterland Norwegen liegt der Anteil sogar bei 42 Prozent.

Nirgendwo in Europa sind die Gehaltsunterschiede zwischen Frauen und Männern so stark ausgeprägt wie hierzulande – eine Frau in einem Ganztagsjob verdiente 2009 im Schnitt 22 Prozent weniger als der Mann am Schreibtisch nebenan, wie die OECD betont.

Angesichts solcher Zahlen wird nun wieder verstärkt über Quotenregelungen diskutiert. Der jüngste Vorstoß kommt aus Brüssel: Grundrechte-Kommissarin Viviane Reding plant eine europaweite Gesetzesvorgabe, um mehr Frauen den Weg ins Top-Management zu ebnen.

Dass zwei deutsche Spitzenpolitikerinnen – beides Frauen und sogar mit dem gleichem Parteibuch – bei diesem Thema überkreuz liegen, zeigt, wie gespalten die Gesellschaft ist. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) hält eine gesetzliche Quote für „problematisch“, „ordnungspolitisch falsch und verfassungsrechtlich bedenklich“. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen hingegen betont: „Es gibt handfeste betriebswirtschaftliche Gründe für einen angemessenen Anteil an Frauen in Führungspositionen.“

Mit dem Rückenwind aus Brüssel nimmt von der Leyen nun auch Bundeskanzlerin Angela Merkel in die Pflicht. Sie halte es für möglich, dass die Kanzlerin einer gesetzlichen Frauenquote zustimme, weil die freiwilligen Selbstverpflichtungen der Wirtschaft bisher nichts gebracht habe, äußerte sich die Arbeitsministerin im „Stern“. „Frau Merkel hat den Unternehmen deutlich gemacht, dass sie sich das noch eine Weile anschaut. Und wenn sich nicht wirklich dramatisch etwas ändert, wird sie wohl reagieren müssen“, sagte die CDU-Politikerin. „Die Sprache, die die Unternehmen gut verstehen, sind Benchmarks, Zahlen, Zeitleisten und die klare Ansage: Wir wollen eine Quote.“

„Wo es um Macht und Geld geht, ist eine Quote sinnvoll“

Auch andere Unionsfrauen proben mittlerweile den Aufstand. Bundestagsabgeordnete wie Rita Pawelski oder Dorothee Bär haben sich in einer parteiübergreifenden Initiative mit Frauen aus den vier anderen Fraktionen zusammengeschlossen. In der sogenannten Berliner Erklärung rufen sie zu einer Frauenquote von 30 Prozent in Aufsichtsräten auf. Bislang haben rund 13.500 Personen die Erklärung unterschrieben.

Für all jene, die das Thema Chancenungleichheit in die Mottenkiste verbannen wollten, wird es also ungemütlich. Die SPD will am Freitag einen neuen Gesetzesentwurf zur Quote ins Parlament bringen. Ihr Vorschlag: Bei Aufsichtsräten in mitbestimmten Unternehmen muss nach dem Plan sowohl die Aktionär- als auch die Arbeitnehmerseite die Quote einhalten. Misslingt das, können die für das unterrepräsentierte Geschlecht vorgesehenen Plätze nicht besetzt werden. Das wollen beide Seiten laut SPD vermeiden – die Quote würde automatisch erfüllt. Gefordert wird sie schrittweise bis 2015. Auch Vorstandsposten sollen leerbleiben, wenn nicht genug Frauen bestellt werden. Im äußersten Fall müssen laut SPD-Antrag Gerichte fehlende Vorstandsmitglieder bestellen. Noch rabiater geht es bereits in Norwegen zu: Verstößt ein Unternehmen dort gegen die 40-Prozent-Quote, kann es per Gerichtsbeschluss aufgelöst werden.

Überall, „wo es um Macht und Geld und Einfluss geht“, könnte eine Quote durchaus sinnvoll sein, sagt die Frankfurter Wissenschaftlerin Göttert. „Es ist ja nicht so, dass es keine qualifizierten Frauen gibt, sie schaffen es nur nicht bis nach oben.“ Anders verhalte es sich im umgekehrten Fall. Eine Quote, um mehr Männer etwa in soziale Berufe zu bringen, fände sie nicht zielführend: „Das wird erst gelingen, wenn diese Berufe besser angesehen und besser bezahlt werden.“

In manchen Berufen werden Frauen selbst aktiv. Journalistinnen kämpfen für eine Frauenquote von mindestens 30 Prozent in deutschen Medien. Nur zwei Prozent aller Zeitungs-Chefredakteure seien Frauen, und nur 3 von 13 Intendanten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die Initiative „Pro Quote“, von 350 Journalistinnen gestartet, fand in der ersten Woche bereits mehr als 2000 neue Unterstützer.

In der Schweiz wollte man einen Tag vor dem Internationalen Frauentag ein ganz besonderes Zeichen setzen. Dort stellte das Kanton Zürich den ersten Gleichstellungsbeauftragten an – für Männer.

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