Management „Die Zahlungsmoral in Russland ist gut“

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Stephan Weiss ist seit 2006 Geschäftsführer des German Centre in Moskau

Stephan Weiss ist seit 2006 Geschäftsführer des German Centre in Moskau

Korruption, Kriminalität und eine unberechenbare Rechtsprechung – in den Augen vieler Deutscher kommt Russland schlecht weg. Stephan Weiss, Chef des German Centre Moskau, findet das nicht ganz fair. Mittelständler könnten in Russland gute Geschäfte machen. Auch ohne Bestechung und Angst vor korrupten Richtern.

Herr Weiss, was ist der größte Fehler, den Mittelständler in Russland machen?

Viele Unternehmen sagen: Wir haben hier einen tollen Mitarbeiter, der kann super verkaufen, den schicken wir jetzt nach Russland. Oft klappt das nicht. Denn Vertriebler habe nicht unbedingt Erfahrung mit Fragestellungen wie etwa Buchhaltung oder Kostensteuerung, sie kennen sich nicht aus mit Human Ressources oder Steuerbehörden. Bei einem Wachstumsmarkt wie Russland, mit dessen Potenzial, braucht man jemanden, der unternehmerisch denkt.

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Was meinen Sie mit Potenzial? Die russische Wirtschaft bewegt sich auf eine Rezession zu.

Es kann schon sein, dass die Wachstumsraten heute nicht mehr so hoch sind, wie sie es in der Vergangenheit waren. Aber gewachsen wird in der Regel immer noch, was derzeit sicherlich nicht für alle Exportmärkte gilt. Und die Rahmendaten sind weiterhin gut: Es gibt ein Potenzial von 140 Millionen Einwohnern. Die Regierung setzt weiter auf Modernisierung. Die Bevölkerung ist immer noch in Konsumlaune und auch der hohe Aufholbedarf zu etablierten Industrienationen ist weiterhin gegeben. Außerdem ist Russland weiter auf Importe angewiesen und deutsche Produkte sind hoch angesehen. Die Margen und Zahlungsmoral der russischen Geschäftspartner sind ebenfalls gut.

Ein deutsches Unternehmen will in Russland einen Standort aufmachen. Was klappt da besser: Ein Deutscher oder ein Russe in der Geschäftsführung?

Viele plädieren dafür, einen Deutschen zu nehmen, beziehungsweise jemanden aus dem Westen. Der Meinung bin ich auch, schon allein, damit die Kommunikation zwischen dem Headquarter in Deutschland und dem Standort in Russland funktioniert. Es ist ein häufiger Fehler, dass die Zentrale denkt: Russland ist nur drei Stunden weg, die sehen genauso aus wie wir, die sind uns ähnlich. Das ist ein Irrtum. Russen und Deutsche sind kulturell sehr verschieden.

Inwiefern?

Russen haben einfach ein anderes Verständnis von Unternehmertum, von Arbeitsabläufen und von der Herangehensweise bei Problemlösungen. Aufgabe einer westlichen Führungskraft ist dann, die Erwartungshaltung in Deutschland auf russische Dosis zu destillieren, diese umzusetzen und schließlich das Ergebnis auf Deutsch mit russischer Würzung an die deutsche Zentrale zu kommunizieren. Auch sichern deutsche Tugenden wie Fleiß und Loyalität, dass sich das Unternehmen optimal entwickelt. Der ein oder andere Russe lässt es da schon einmal etwas gemütlicher angehen, gibt sich vielleicht mit fünf Prozent Wachstum zufrieden.

Einen Expat einzustellen ist aber auch teurer als ein Russe.

Die Gehälter sind ungefähr gleich. Beim Expat kommen natürlich noch Zusatzkosten dazu, etwa für die Wohnung oder das Schulgeld der Kinder.

In Moskau herrscht quasi Vollbeschäftigung. Wie macht man sich als Arbeitgeber attraktiv?

Russische Firmen sind außerordentlich hierarchisch, der Boss sagt, was gemacht wird. Junge und gut ausgebildete Mitarbeiter wollen aber westlicher geführt werden. Das kann man als deutscher Arbeitgeber für sich nutzen.

Müssen Sie hier Ihre Mitarbeiter anders führen als in Deutschland?

Viele Leute sind immer noch sowjetisch geprägt. Gerade ältere Mitarbeiter tun oft nur das, was man ihnen aufträgt. Nehmen wir an, unten in der Lobby stände mitten im Raum ein Blumentopf. Da würde ein deutscher Mitarbeiter sagen: „Was macht der hier mittendrin? Der muss doch darüber!“ Aber ein russischer Mitarbeiter denkt dann schon häufig: „Das wird schon einen Grund haben“. Da fragt er auch nicht nach. Solche Situationen gibt es hier jeden Tag. Die Leute erwarten, dass man sie mehr an der Hand nimmt, mehr steuert. Dann machen sie ihre Aufgabe allerdings oft auch sehr gut.

Wie erleben Sie das Thema Korruption?

Natürlich weiß hier jeder, was Korruption ist. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass das mehr ein Thema russischer Unternehmen und Verwaltung unter sich ist. Westliche Unternehmen sind davon weniger betroffen und Unternehmen mit klar kommunizierten Compliance Richtlinien können in Russland ebenfalls erfolgreich sein. Gleichzeitig finde ich, dass die Erwartungshaltung da in Deutschland auch etwas hoch ist. Es wird vergessen, dass es das heutige Russland erst seit zehn Jahren gibt. Die ersten zehn Jahre nach dem Ende der Sowjetunion waren von Gesetzlosigkeit in vielen Bereichen gekennzeichnet, die Kriminalität war hoch, da war Verteilung angesagt. Es gab nur Darwins Gesetz: Der Stärkere gewinnt.

Das ist nun anders?

Es gibt starke Tendenzen der Besserung, doch das dauert. Das Ausland sagt einfach: Schaltet die Korruption ab! Aber das geht halt nicht in fünf Jahren, oder so schnell, wie der Westen es gerne hätte. Man sollte fair und realistisch bleiben. Das ist ein System, das seit vielen Jahrzehnten so funktioniert hat, das ist tief drin in den Menschen. Aber es gibt jetzt neue Richtlinien, es geht in die richtige Richtung, das ist ganz offensichtlich.

Immer wieder in der Kritik steht die Rechtssicherheit in Russland. Welche Erfahrungen machen Sie damit?

Die Rechtssicherheit ist hoch, wenn man gute Verträge hat. Da kenne ich niemanden, der hier schlechte Erfahrungen gemacht hat. Aber ich rede von wirtschaftsrechtlichen Verfahren. Wenn man auf politischer Ebene unterwegs ist, wird Rechtssicherheit sicherlich schon ein Thema.

 

Stephan Weiss ist seit 2009 Geschäftsführer des German Centre in Moskau, eine Tochtergesellschaft der LBBW. Das Unternehmen bietet kleinen und mittleren deutschen Firmen eine Einstiegsberatung, vermittelt erprobte Dienstleister und unterstützt bei der Ansiedlung in Moskau. Seit einiger Zeit hat das German Centre auch ein eigenes Gebäude mit 90 Büros, die an deutsche Unternehmen vermietet werden.

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