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Narren feiern am 11.11.2012 vor dem Kölner Dom den Karnevalsauftakt

Narren feiern am 11.11.2012 vor dem Kölner Dom den Karnevalsauftakt

Es ist wieder so weit: Die Jecken erobern die Karnevalshochburgen. Der Kölner Karneval ist fest in der Hand von Unternehmern. Die tanzen in dieser Zeit auch mal Po an Po - und knüpfen zwischen Festumzügen wertvolle Kontakte.

Anfang Februar, spät am Abend. Die „Bar Elf“ des Kölner Pullman-Hotels ist voll. Dicht an dicht stehen Männer nebeneinander, die was zu sagen haben: Manager, Leitende Verwaltungsangestellte, Unternehmer. Sie tragen aber keine Anzüge, gedeckten Krawatten oder unauffälligen Winterschuhe – sondern riesige bunte Kappen, Uniformjacken, Säbel und Reitstiefel.

Tätäää! Tätäää! Tätäää! Willkommen im Faste­lovend, der rheinischen Fastnachtszeit. Von Anfang Januar bis Aschermittwoch ist das innerstädtische Kongresshotel die Schaltzentrale des Kölner Karnevals. Hier residiert das „Trifolium“, das Dreigestirn aus Prinz, Bauer und Jungfrau – die höchsten Repräsentanten der fünften Jahreszeit.

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Ihren Hofstaat bilden Funktionäre der mehr als 100 Karnevalsvereine der Stadt. Bei Kölsch verhandeln sie an der Bar die Frage, ob der Büttenredner „Tuppes vom Land“ in der Prunksitzung den richtigen Ton getroffen hat. Doch neben Kostümen, Festwagen und Reden geht es vor allem ums Geschäft. Denn Business, soziales Engagement und der „Spaß an der Freud“ sind in der Domstadt eins. Umzüge und Feste gäbe es nicht ohne großzügige Gönner und fleißige Helfer. Auffallend viele Selbstständige und Führungskräfte sitzen in den Vorständen der Karnevalsvereine, manch Prunksitzung wird zur Unternehmertagung.

Thomas Albert Heinen hat deshalb immer zwei Sorten Visitenkarten in der Tasche, wenn er mit den Jecken feiern geht: Die eine – in Blau – weist ihn als Geschäftsführer der Firma Drei-Punkt Berufsbekleidung aus. Auf der anderen steht in knallroten Buchstaben sein zweiter Job: Präsident der Karnevalsgesellschaft Löstige Paulaner.

Feine Kleider, bunte Kappen

„Der Karneval bietet eine ideale Kontaktbörse, die vielfach gerade von Einzelunternehmern und Mittelständlern zum Knüpfen von Geschäftskontakten genutzt wird“, umschreibt die Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) den sprichwörtlichen karnevalistischen „Klüngel“ in einer Studie zur wirtschaftlichen Bedeutung der fünften Jahreszeit. Das Festkomitee Kölner Karneval hat die Untersuchung selbst in Auftrag gegeben. Dieser Dachverband der Kölner Karnevalsgesellschaften ist keineswegs ein kleiner Verein, den ein paar Ehrenamtliche nebenbei führen. Das Festkomitee beschäftigt einen Geschäftsführer, 25 Festan­gestellte und bewohnt mehrere Büroetagen im Kölner Westen, auf deren Fluren Ölporträts der Präsidenten hängen. Hier gibt es einen großen Kostümfundus mit eigener Schneiderei und eine gewaltige Wagenhalle für die Gespanne des Rosenmontagszugs.

Und so wird Festkomitee-Präsident Markus Ritterbach geradezu staatsmännisch, wenn er die Rolle des Kölner Karnevals einordnet: So wie sich das gehobene München auf dem Oktoberfest verbrüdere und das feine Hamburg in den Segelclubs an der Alster zusammenkomme, laufe das: „Wir kennen uns, wir helfen uns“ in Köln – über den Karneval. Die Proklamation des Dreigestirns im Festsaal „Gürzenich“ sei die gesellschaftlich bedeutsamste Veranstaltung der Stadt. Geschunkelt wird an diesem Abend vielfach in Smoking und Abendkleid, viele kombinieren dazu die Narrenkappe ihrer Karnevalsgesellschaft und hängen sich einen Festorden am Bande um.

Das gemütliche Beisammensein mag nicht darüber hinwegtäuschen, dass die närrischen Wochen für die hohen Tiere ein knochenharter Zweitjob sind. 15 Sitzungen und Bälle, unter anderem eine große Fernsehsitzung, muss etwa Frank Remagen moderieren. Er führt die Ehrengarde an – und ist ganz nebenbei noch Chef einer Großmetzgerei. Beim Rosenmontagszug sind seine Mitglieder mit mehr als 100 Pferden dabei. Ab Januar kommt Remagen locker auf 70 Termine in sechs Wochen. Angesichts dieses Mammut-Programms achtet der 51-Jährige wie viele andere Profi-Karnevalisten darauf, wenig Alkohol zu trinken. Seine Firma Hardy Remagen führen während der heißen Phase vor allem die Mitarbeiter. Ein ehemaliger Prinz erzählt, dass er sich vor dem Auftritt oft noch schnell die Unterschriftenmappe reinreichen ließ.

Heute ein Prinz

„Einmal Prinz zu sein“, so heißt eines der bekanntesten Karnevalslieder, davon träumt in Köln eben jeder Junge. Auch wenn das bedeutet, während der Amtszeit sieben Tage die Woche mit einem eigenen Fuhrpark – seit mehr

als 60 Jahren vom örtlichen Autobauer Ford gestellt – von Termin zu Termin zu hasten und rund 350 Auftritte zu absolvieren. Auf eigene Kosten, denn wie alle ehrenamtlichen Karnevalisten zahlt das Dreigestirn aus Prinz, Bauer und Jungfrau den Spaß aus eigener Tasche. Niemand nennt offizielle Zahlen, aber für die historischen Ornate, Wurfmaterial und Orden soll dem Vernehmen nach schnell eine fünfstellige Summe zusammenkommen. Kenner sagen: Der Gegenwert eines guten Mittelklassewagens ist der Mindesteinsatz pro Mitglied im Trifolium.

Markus Zehnpfennig, Mitglied der Karnevalsgesellschaft „Große Braunsfelder“, bereut seine Regentschaft als „Prinz Markus I.“ vor drei Jahren dennoch nicht. „Ein einmaliges Erlebnis“, sagt er. Und nützlich noch dazu. Der 41-Jährige besitzt 14 Brauhäuser, Restaurants und Kneipen in der Domstadt und ist Chef von 200 Mitarbeitern. In seinem Metier, das gibt Zehnpfennig offen zu, profitiere er enorm davon, im Karneval gut vernetzt zu sein. „Es gibt kaum eine Einladung zu einer Karnevalsgesellschaft, von der ich nicht mindestens eine große Reservierung mitbringe.“ Dass man sich im Verein engagiere, sich großzügig zeige und auch finanziell helfe, würden die Kameraden einem nicht vergessen. „Sobald der Verein eine Veranstaltung plant, und einer ist Gastronom, bucht man natürlich bei diesem Mitglied.“ Ähnlich läuft es bei Großmetzger Remagen, der Wurst und Fleisch für Großveranstaltungen in Festsälen liefert. Dennoch betont er: „Wir suchen niemanden, der nur Visitenkarten verteilen möchte.“ Wer mitklüngeln will, muss ernsthaft mitarbeiten – das Brauchtum pflegen und Gutes tun, etwa bei Spendenaktionen helfen, die das ganze Jahr laufen. Die Ehrengarde hält auch das Hahnentor in Schuss, eine Torburg der historischen Kölner Stadtmauer.

„Wenn ich so in den Kalender schaue, wird das fast zum zweiten Beruf“, sagt Heinz-Günther Hunold über seinen Job als Präsident und Kommandant der traditionsreichen „Roten Funken“ von 1823. Mit seinem Wissen als Steuerberater hilft er Karnevalsvereinen, ihre Kassen ordentlich zu führen – gegen Honorar, versteht sich. Die Nachfrage ist groß. Die Roten Funken sind bereits nach der QM-Norm ISO 9001 zertifiziert.

Im Berufsleben stets korrekt gekleidet, tanzt Hunold, Seni­orpartner einer Kanzlei mit 80 Mitarbeitern, während des Fastelovends das berühmte „Stippeföttche“ auf Kölner Bühnen. Rücken an Rücken steht er dann neben dem nächsten Gardisten und reibt sein Hinterteil an ihm. „Wibbeln“ nennen das die Kölner. Und als sei es das Normalste der Welt, kommen danach andere Unternehmer auf Hunold zu, plaudern – und werden nicht selten Mandanten.

„Wir können hier in Köln mit einer beson­deren Leichtigkeit zusammen feiern und singen“, sagt Hunold. Die Menschen kämen einfach schneller zusammen – vor allem im Karneval. „So verstanden ist Klüngel einfach nur etwas Tolles.“

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