Management Ein griechisches Dorf sucht Antworten

Sieben Jahre Wartezeit für einen Telefonanschluss - der Alltag von Fritz Bläuel zeigt, was schiefläuft in Griechenland. Dennoch verteidigt der Unternehmer seine Wahlheimat. Mit ungewöhnlichen Argumenten.

Fritz Bläuel steht auf seiner Terrasse und schaut auf das reisekatalogblaue Meer. In den Olivenbäumen zirpen ­Zikaden, die Luft riecht nach Kräutern. Auf Mani, der mittleren der drei Halbinseln des Peloponnes, ist die Wirtschaftskrise kaum zu spüren. Entspannte Idylle – auf den ersten Blick. Doch die hübschen neuen Steinhäuser, die in Pyrgos aus den Olivenhainen ragen, sind größtenteils unfertig und unbewohnt. „Früher hat man hier ständig Kompressoren gehört, in den Hängen fuhren überall Baufahrzeuge herum“, sagt Bläuel. Für das nahe gelegene Bio-Erholungshotel seiner Frau Burgi wären der Bauboom und der damit verbundene Lärm fast zum Problem geworden. Aber vor zwei Jahren wurde es plötzlich still. Der Anfang einer neuen Zeit.

Seitdem bewegt sich Griechenland immer weiter auf den Abgrund zu. 30 Prozent aller Einwohner sind arbeitslos, die Renten werden um fast ein Drittel gekürzt, Krankenversicherungen stellen ihre Zahlungen ein. In der Provinzhauptstadt Kalamata hängt in vielen Schaufenstern das gleiche Schild: „Enoikiazetai“ – zu vermieten. Auch in Pyrgos steht infrage, was so lange Alltag war: die Schmiergelder, die Schwarzarbeit, die abgehobenen Ideen des Bürgermeisters.

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Bläuel ist einer der wenigen in der Region, der noch Arbeitsplätze schafft. Er zog vor 34 Jahren von Österreich ans Mittelmeer, exportierte als Erster griechisches Olivenöl in Bio­qualität. Umsatz und Gewinn wuchsen von Jahr zu Jahr – auch das Dorf um ihn herum prosperierte. Seine Nachbarn kauften Häuser, Kühlschränke, Fernseher. Nun beobachtet der 59-jährige Unternehmer, wie jeder dem anderen die Schuld zuschiebt: die Politiker den Bürgern, die jahrelang ihre Steuern nicht gezahlt und ihr Geld ins Ausland geschafft haben. Die Bürger wiederum finden, die Politiker hätten es verbockt. Keiner will sich bewegen. Für Firmen ist es schwer, in diesem Klima zu überleben.

Jeden Tag steht ein neuer Aufreger in der Zeitung, der leidenschaftlich diskutiert wird. Nikos Mavroidis fühlt sich hinters Licht geführt. Er arbeitet in der Qualitätssicherung von Bläuels Olivenölfabrik, ein erfahrener Mann mit grauem Bart und großer Brille. Gerade sei herausgekommen, dass die Website der griechischen Regierung 1 Mio. Euro gekostet haben soll, erzählt Mavroidis. „Der Auftrag ging bestimmt an den Freund eines Politikers!“ Der Chemiker zählt zu den Glücklichen, die noch einen Job haben. Trotzdem macht er sich als Alleinverdiener einer vierköpfigen Familie Sorgen. „11,5 Mrd. Euro will die Regierung in den kommenden zwei Jahren sparen. Oder vielmehr: müssen wir Bürger für sie einsparen.“ Das wären 1000 Euro pro Einwohner, rechnet Mavroidis vor, 4000 für seine Familie. „Woher nehmen?!“, ruft er und unterstreicht seine Worte mit großen Gesten.

Ein 80-Jähriger im Kaufrausch

In Neochori, einem Örtchen auf dem Weg zu Bläuels Fabrik, sind die Fensterläden verriegelt und die Straßen leer. Nur im Café am Kirchplatz drängeln sich Kinder um den klobigen Bildschirm eines alten Computers. Hinten, im Dunkel des Lokals, schweigen alte Männer. Besitzer Giorgos Ekonomeas springt auf und begrüßt seinen alten Freund Fritz mit zwei Wangenküssen. Sie gehen hinaus in den Garten, ein einziger Tourist sitzt dort im Schatten eines Baumes, nippt an seinem Eiskaffee. Kaum Umsatz für Ekonomeas. „Das Fatale an dieser Krise ist, dass sie die Griechen so kalt erwischt hat“, sagt er. Der Abstieg kam schlagartig, gerade, als alle dachten, es ginge ihnen richtig gut. „Die letzten Jahre waren verrückt, hier gab es plötzlich alles.“

Schnell hätten sich die Griechen an diesen Wohlstand gewöhnt. „Ich bin ein einfacher Mann, 80 Jahre alt, und selbst ich habe ernsthaft darüber nachgedacht, mir ein zweites Auto zu kaufen.“ So saftig war seine Rente als Olivenbauer, Viehzüchter und Wirt, und so günstig waren Kleinwagen auf Kredit zu haben. Dann sagt Ekonomeas, was die meisten Griechen sagen, wenn sie über die fetten Jahre sprechen: „Wer konnte auch ahnen, dass dieses Geld nur geliehen war?“ Dass die Regierung sich grenzenlos verschuldete, während sie wahnwitzige Sozialbeiträge auszahlte, habe das Volk nicht gewusst. „60 bis 80 Prozent aller Griechen halten das, was gerade passiert, für ein Missverständnis“, sagt Bläuel.

Aber die Krise ist kein Irrtum. Schon vor Jahren gab es Situationen, da erahnte der Österreicher zwar keinen Absturz dieses Ausmaßes, aber er dachte, so kann Wirtschaft doch nicht funktionieren. Etwa als der konservative Präsident Kostas Karamanlis 2004 das Volk in einer Fernsehansprache anflehte, vernünftiger mit Kreditkarten umzugehen. „Griechen sind gefühlsbetonte Menschen, die wahnsinnig gern großzügig sind und einladen“, versucht Bläuel zu erklären. „Die konnten mit diesem Plastikgeld nicht umgehen.“ Er erinnert sich noch an den Eintritt des Landes in die Europäische Gemeinschaft 1979. Plötzlich gab es alles aus dem schönen Westen. Margarine, Chips, Privatfernsehen. „Fernsehvergewaltigung“ nennt es Burgi Bläuel.

Es ist nicht ohne Ironie, dass gerade ihr Ehemann heute einer der erfolgreichsten Unternehmer auf der Halbinsel Mani ist. Die Bläuels kamen einst als Aussteiger, die den Kapitalismus ablehnten, sich im sonnigen Süden mit Yoga und Meditation selbst finden wollten. Ihre Freunde gingen irgendwann zurück nach Österreich, Fritz Bläuel gründete sein Unternehmen. Er wollte Ideale umsetzen, sein Bioöl energiesparend herstellen und den Bauern ­faire Preise anbieten. Spätestens nach der Geburt seiner beiden Kinder nahm er die neue Auf­gabe richtig ernst, ackerte für seinen Traum. 40 Angestellte arbeiten inzwischen in der Abfüllung, 500 Landwirte beliefern ihn mit Öl und Oliven. Sogar am Strand wird Bläuel von Fremden angesprochen, ob er Arbeit hat für sie oder den Cousin aus Kalamata.

Jeder weiß, bei ihm läuft es noch gut. In der Halle seiner Fabrik stehen riesige Stahltanks, randvoll mit unterschiedlichen Arten von Olivenöl. Pro Jahr verkauft Bläuel rund 700 Tonnen. Tendenz steigend. „Ich bin zu 99 Prozent von der Konjunktur des Auslands abhängig, nicht von der griechischen Wirtschaft“, sagt er. Seine Produkte gehen nach Deutschland, Österreich und in die USA – während viele andere griechische Anbieter ihr Öl noch immer billig nach Italien ver­kaufen, wo es toskanischem Olivenöl beigemischt wird. „Was Marketing und Branding angeht, haben die griechischen Hersteller gerade im Vergleich zu den Ita­lienern einiges aufzuholen“, sagt Bläuel.

Die Krise tut ihr Übriges, den Ruf und die Marktposition der Unternehmen weiter zu verschlechtern. Gerade veröffentlichte das Marktforschungs­institut Ipsos eine Studie, der zufolge lediglich 65 Prozent aller griechischen Firmen pünktlich ihre Rechnungen bezahlen. Das ist der ­schlechteste Wert in ganz Europa. Der Staat schuldet ausländischen und griechischen Lieferanten rund 6 Mrd. Euro. Überall auf der Welt bereiten sich Regierungen und Unternehmen auf den Austritt des Landes aus dem Euro vor, viele Firmen verlangen von griechischen Partnern Vorkasse. Auch Bläuel erlebt das hin und wieder. „Die Lieferanten sagen, selbst wenn sie uns als verlässlich kennen, müssten sie das bei Kunden aus Griechenland machen. Und irgendwie kann ich sie verstehen.“

Dabei begleicht er seine Rechnungen stets pünktlich und versteuert den gesamten Umsatz von 6 Mio. Euro. Nur Fakelaki, den üblichen Umschlag mit Barem für einen Gefallen oder ­eine Dienstleistung, zahlt er nicht. Aus Prinzip. Deshalb mussten seine Frau und er eineinhalb Jahre auf eine Exportlizenz und sieben Jahre auf ihren Telefonanschluss warten. Sein regelmäßiges Meditationstraining habe ihm damals geholfen, sagt Bläuel und lacht. „Geklappt hat es letztlich wahrscheinlich nur deshalb, weil die von den Behörden uns süß fanden, dass wir so naiv sind und es ohne Schmiergeld versuchen.“ Er hat sich längst damit abgefunden, dass es in Griechenland für jede Dienstleistung zwei Preise gibt. Sein jüngstes Beispiel ist der Einbau einer Heizung für den Oliventrester: 2500 Euro ohne, 3000 Euro mit Rechnung. Wenn ihn ­wieder mal ein griechischer Freund bittet, ein Konto für ihn in Österreich zu eröffnen, sagt Bläuel Nein, egal welche Gegenleistung dieser ihm als Dank in Aussicht stellt.

Der Bürgermeister und die Sonnenhüte

Dennoch: Bläuel verteidigt seine Nachbarn, viele Europäer verstünden nicht, was die Menschen bewegt, wie anders dieses Land noch funktioniere. „Ein Grieche findet es beschämend, einem Arzt, der ihm Gutes getan hat, kein Trinkgeld zukommen zu lassen.“ Alle wüssten, dass die Mediziner völlig unterbezahlt und auf diesen Bonus angewiesen seien. „Fakelaki hat das marode Sozialsystem ersetzt.“ Bläuel erklärt mit sanfter Stimme, versucht, die Krise zu sezieren, zu vermitteln. „Der Staat war hier die längste Zeit ein Feind des Volkes.“ Erst herrschten die Römer, dann die Osmanen, später wechselten sich Briten, Amerikaner und schließlich eine Militärjunta ab. „Deshalb denken viele Griechen immer noch in Clans“, sagt er. „Der Clan ist die größte Solidargemeinschaft und kann sich als Fußballmannschaft, Fraktion in einer politischen Partei oder als Loyalität zu einer der mächtigen Familien des Landes ausdrücken. Die Einheit darunter ist die Familie.“ Entsprechend dieser Logik würden viele Griechen Steuern schlicht als Diebstahl empfinden. Und Politiker als Tagediebe.

Der wichtigste Politiker von West Mani, Bürgermeister Dimitrios Giannimaras, ist ein freundlicher Mann mit goldener Halskette und Poloshirt. Neben seinem Schreibtisch stehen eine griechische Fahne und ein Olivenbaum aus Plastik. Seit acht Monaten hat er keinen Lohn erhalten. Eine komplizierte Geschichte, erklärt er, die damit zu tun habe, dass im Zuge des ­ersten Sparprogramms Gemeinden zusammen­gelegt wurden. In dem daraus entstandenen Chaos sei sein Salär stecken geblieben. Bläuel steigt bei der Übersetzung der Irrungen irgendwann aus und kürzt schmunzelnd ab: „Hier scheint ein griechischer Beamter seiner eigenen Bürokratie zum Opfer gefallen zu sein.“

Giannimaras bietet einen Ouzo an, als Bläuel ablehnt, dreht er die Flasche ein wenig enttäuscht wieder zu. Dann räuspert er sich, als würde er gleich eine Rede vor großem Publikum halten, und zählt seine Ideen auf für neue Geschäftsmodelle in der Region. Man könne Kräuter verkaufen, die in den Bergen wachsen. Oder Schafskäse. Und Sonnenhüte. Ein Piratenfestival veranstalten. „Wir brauchen einfach mehr Initiative, besonders bei den jungen Leuten.“ Geld für Gründer könne er leider nicht bieten. „Aber ich würde sie beraten, bei welcher EU-Stelle sie sich um Fördergelder bewerben können.“ Das Problem sei, dass ohnehin nie ­einer komme, um zu gründen. „Den Leuten in Mani fehlt es an Unternehmergeist.“

Bläuel überlegt lange, bevor er die Ideen kommentiert. Er will keinen verletzen, und der Bürgermeister sei ja auch sehr engagiert. Aber der Unternehmer kennt niemanden in der Gegend, der Schafskäse im großen Stil produzieren könnte. Als er vor einigen Jahren versuchte, sein Angebot um Feta zu erweitern, fand er keine Partner. „Und Sonnenhüte, Piratenfeste?“ Bläuel lässt die Frage im Raum stehen. Der Bürgermeister sei mit seinen Ideen eben typisch griechisch. „Vielen hier fällt es schwer, die Position anderer einzunehmen, der Kunden etwa. Zugleich sind die Griechen ungemein stolz auf Traditionen und Heimat – und voller Leidenschaft.“ Ob es für Käse oder Sonnenhüte einen Markt gebe, sei bei ihren Überlegungen eher nachrangig.

Wegzuziehen – das kommt für Bläuel trotzdem nicht infrage. Egal was noch kommt. Sein Unternehmen und seine Familie sind längst in Mani verwurzelt, sein Sohn führt bereits mit ihm die Firma. „Und die jungen Griechen machen mir Hoffnung“, sagt Bläuel. Etwa sein Bekannter Nikos Thomeas, ein Reiseunternehmer aus Stoupa, der im Ausland studiert hat, wie viele Griechen seiner Generation.

Der 30-Jährige ist mit seiner Freundin zu ­Besuch gekommen. Er geht als Erstes auf die Hantelbank zu, die in einer Ecke auf Bläuels Terrasse steht. „Wie oft ich die gestemmt habe!“ Das Fitnessstudio ist pleite. Bläuel hat den Besitzern Geräte abgekauft. Wieder ein Unternehmer, der aufgeben musste. Thomeas will sich nicht bremsen lassen von solchen Nachrichten. Er plant, mit seiner Lebensgefährtin ein neues ­Fitnessstudio zu eröffnen. Den Stillstand und die ewigen Schuldzuweisungen sei er leid. „Wir haben die Krise alle zusammen verursacht und sollten versuchen, geläutert und gestärkt aus ihr herauszutreten.“ Fast täglich diskutiert er über die Situation in seiner Heimat – im Internet. Mit seinen Eltern oder den Leuten im Dorf kann der junge Unternehmer nicht reden. „Leider“, sagt er. „Die Mehrheit der Griechen möchte, dass alles bleibt, wie es ist.“

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