Management Ein Land auf dem Sprung

Wales blüht auf. Seit zehn Jahren genießt die Region ihre Unabhängigkeit von England. Die Wirtschaft aber braucht noch viel Unterstützung, um ordentlich zu brummen. Für Optimismus sorgt das Wachstum in der Hauptstadt Cardiff.

„Clever Country“, so möchten die Waliser sich künftig nennen: Ein Land mit klugen Köpfen, vielen Arbeitsplätzen in Zukunftsbranchen und einer modernen Infrastruktur. Was sie dazu brauchen sind eine ehrgeizige Wirtschaftsförderung und eine gute Portion Selbstbewusstsein. Für Wales keine Selbstverständlichkeit, denn lange haftete der Drei-Millionen-Einwohner-Region am Westrand Europas ein graues Image an: Kohle, Stahl und Schiefer, Nebel und Schafe. Doch die Minen im Süden und in den abgelegenen Bergen des Nordens sind längst stillgelegt, und das kräftige Wachstum in der quirligen Hauptstadt Cardiff macht Mut und soll nun im ganzen Land für Aufbruchstimmung sorgen.

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Ähnlich wie Schottland tritt auch Wales allmählich heraus aus dem Schatten des großen Nachbarn England. Seit 1999 besitzt es eine Assembly, eine Nationalversammlung, die zwar, anders als ein Parlament, keine Gesetzgebungsgewalt hat, aber immerhin ein Budget von 15 Milliarden Pfund, aus dem sie öffentliche Ausgaben bestreitet. Derzeit bildet die Labour-Partei gemeinsam mit der Nationalisten-Partei Plaid Cymru die Mehrheit. „Der Vorteil unserer Unabhängigkeit ist, dass wir flexibel geworden sind und neue Ideen sehr schnell umsetzen können“, sagt Ieuan Wyn Jones, stellvertretender Erster Minister. Dank seiner Selbstverwaltung besitzt Wales auch innerhalb der Europäischen Union ein eigenes Gewicht. Die Europäische Investitionsbank hat gerade ihre Unterstützung für einen Investment Fund in Höhe von 150 Millionen Pfund zugesagt.

Rezession schnell überwunden

Hilfe kann die walisische Wirtschaft gut gebrauchen. Als Erbe aus der Zeit der Kohleförderung ist der Anteil der Arbeitsplätze im produzierenden Gewerbe überdurchschnittlich hoch. Neue Firmen lassen sich noch zögerlich nieder. „Die Waliser haben mittlerweile jede Menge unterschiedlicher Durchgangsstadien erlebt. Zuerst kamen die Unterhaltungselektronikfirmen, dann die Autozuliefererindustrie“, sagt David Rosser vom Industrieverband CBI. Inzwischen haben viele ihre Produktion in Wales wieder geschlossen oder sind abgewandert. So wird der Autozulieferer Bosch eine Fabrik mit 900 Stellen dicht machen und die Produktion nach Ungarn verlegen.

Trotzdem haben die Waliser in den zehn Jahren ihrer Unabhängigkeit einige Erfolge vorzuweisen. Die Handelskammer von Südwales rechnete vor wenigen Wochen vor, dass mehr als drei Viertel der von ihr befragten Firmen keine Stellen mehr abbauen wollen. Wie es scheint, überwindet Wales die Rezession schneller als der Rest Großbritanniens. Vor allem die Hauptstadt Cardiff hat sich zur Boomtown entwickelt und zieht mit ihrer Architektur aus der viktorianischen Zeit nicht nur Touristen an, sondern gilt auch bei Arbeitskräften als lebenswerte Stadt.

Wirtschaftskraft im Süden

Der Wert aller in Wales produzierten Güter und Dienstleistungen liegt bei jährlich 46,5 Milliarden Pfund. Rund zwei Drittel davon erwirtschaften Cardiff, Swansea und Newport, die Städte im Süden des Landes. Speziell die Medienwirtschaft hat in Cardiff ein zweites, wichtiges Zentrum neben London gefunden. Die britische BBC ist schon deshalb stark in Wales vertreten, weil viele Einheimische walisisch sprechen und auf ein Fernseh- und Radioprogramm in ihrer Sprache Wert legen. Die Regierung will die Filmwirtschaft weiterhin fördern und auch unabhängige Filmproduktionsfirmen anlocken. „Dieses Cluster wird einmal eine entscheidende Rolle dabei spielen, langfristige und hochqualifizierte Arbeitsplätze zu sichern“, sagt Jones. Auch die Nachfrage nach erneuerbaren Energien wie der Windenergie lässt in Wales die Hoffnung auf Investoren keimen, Gesundheits- und Bildungswirtschaft gelten ebenfalls als zukunftsträchtig.

Wer sich in Wales ansiedelt, dürfte kaum Schwierigkeiten haben, Fachpersonal zu finden. Die Studenten vor Ort haben die Auswahl zwischen acht Universitäten. „Diese Universitäten suchen die Nähe zu den Firmen“, sagt Rosser vom Industrieverband CBI. Und die Wirtschaftsförderung der Regierung hat in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, dass viele Fachkräfte nicht entlassen wurden und wegzogen. „Der Ausbildungsstand der Menschen hier ist gut und ist sicher noch nicht ausgeschöpft“, sagt Rosser.

Schnelle Verbindung nach London

Zwar gibt es immer wieder Befürchtungen, das Waliser Verkehrsnetz sei nicht gut genug, um Firmen anzuziehen. Doch Rosser winkt gelassen ab: „Der große Teil der Bevölkerung lebt und arbeitet im Norden oder Süden des Landes.“ Von dort gebe es keine Probleme mit der Anbindung, und der Weg zu den wichtigen Absatzmärkten in Südengland sei nicht weit: „Mit dem Zug sind Sie in zwei Stunden in London.“

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