Management Ein Platz zum Überleben – Familienunternehmen ringen um ihre Nische

Das Duravit Design Center.

Das Duravit Design Center. © Duravit

Es ist ein ständiger Kampf von David gegen Goliath. Mittelständische Firmen müssen immer wieder aufs Neue eine Nische in der Branche finden. Wer das nicht schafft, wird gefressen - wer zu erfolgreich ist, aber häufig auch.

Normalerweise sprechen Firmenchefs davon, dass sie jetzt richtig Gas geben und durchstarten wollen. Magura-Chef Siegfried Knüpfer redet vom Bremsen. Er erklärt, wie man Fahrräder schnell und sicher zum Stehen bringt und welche Anforderungen neue Elektrofahrräder mit ihren schweren Motoren an die Bremsen stellen.

Vor ein paar Jahren war der Fahrradkomponentenhersteller aus Bad Urach noch Weltmarktführer für hydraulische Fahrradbremsen – doch dann lockte der Erfolg die milliardenschwere Konkurrenz an und das Familienunternehmen wurde nach und nach an den Rand gedrängt. Es ist eine Geschichte aus dem Mittelstand, wie sie häufiger passiert. Denn der Kampf um eine kleine Nische, in der die Großen der Branche einen in Ruhe lassen, ist für viele Firmen überlebenswichtig. Und es ist nicht untypisch, dass diese Suche wie jetzt bei Magura immer wieder von vorne beginnt.

Anzeige

Weltmarktführer auf sehr speziellen Märkten

Der Badausstatter Duravit mit Sitz in Hornberg beispielsweise wandelte sich vom Hersteller von Steingutgeschirr über die Herstellung von Toilettenschüsseln zum Design-Experten. Ebm-papst mit Sitz in Mulfingen begann als Nischen-Anbieter für Ventilatoren und entwickelte sich inzwischen zum Autozulieferer.

In Baden-Württemberg gibt es unzählige solcher Hidden Champions – also Weltmarktführer auf einem kleinen, sehr speziellen Markt. Viele sind noch immer in Familienbesitz. „98 Prozent aller Märkte sind kleine oder kleinste Nischen, in denen der Weltmarkt teilweise nur ein Volumen von ein paar Millionen Euro hat“, sagt Wirtschaftsprofessor und Unternehmensberater Hermann Simon. „Diese Nischen sind die natürliche Heimat von Mittelständlern.“ Für große Konzerne ist es schlicht nicht lukrativ genug, dort mitzumischen.

Opfer des eigenen Erfolgs

Als Magura 1987 anfing, die Technik der hydraulischen Bremsen von Motorrädern auf Fahrräder zu übertragen, da entstand ein solcher kleiner aber feiner Markt. Vor allem an teuren Mountainbikes wurden die Magura-Bremsen verbaut. „Wir hatten 100 Prozent Marktanteil“, sagt Knüpfer.

Doch dann stieg die Nachfrage nach der neuen Bremstechnik immer weiter, und das Familienunternehmen wurde letztlich Opfer des eigenen Erfolgs: Milliardenschwere Fahrradkomponentenhersteller wie Shimano konnten die Nische der Hydraulik-Bremsen nicht länger ignorieren. Mit ihrer Preismacht drückten sie Magura an den Rand. Inzwischen schätzt Knüpfer den Magura-Anteil am Markt für hydraulische Bremsen noch auf 10 Prozent, das große Geld machen die anderen. Der Umsatz der Magura-Fahrradsparte mit ihren 500 Mitarbeitern dümpelt seit Jahren um die 60 Millionen-Euro-Marke.

Die nächste Nische suchen

„Ein Mittelständler muss da sehr wachsam sein. Es gibt keine Garantie, dass man in seiner Nische langfristig alleine bleibt“, sagt Michael Woywode, Professor für Mittelstandsforschung an der Universität Mannheim. Manchmal gelinge es Hidden Champions, ihre Nische mit hohen Innovationsanstrengungen, durch Patente oder die intensive Beziehungspflege zu Kunden und Lieferanten gegenüber übermächtigen Eindringlingen zu verteidigen. „Aber wenn das nicht klappt, dann sollte man schauen, ob man nicht die eine andere Nische findet, in der man erfolgreich sein kann.“

Genau das versucht Knüpfer jetzt, um seine Firma wieder in Schwung zu bringen. „Wir müssen raus aus dieser David gegen Goliath-Situation“, sagt er. Bei hydraulischen Bremsen mit Shimano oder bei Federgabeln mit Fox oder Rock Shox zu konkurrieren, sei letztlich nicht erfolgversprechend. „Was wir brauchen, ist eine Nische, in der wir wieder der Goliath sind – die aber trotzdem so klein ist, dass die Großen sagen: Lass den Magura mal laufen.“

Knüpfer hat nun vor, Magura als kleinen, exklusiven Komplettanbieter für alle sicherheitsrelevanten Teile rund ums Fahrrad zu positionieren – also Bremsen, Fahrwerk oder Licht. „Einen solchen Systemanbieter gibt es noch nicht. Und den Umsatz, den wir da machen wollen, den merken die Großen erstmal gar nicht.“

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...