Management Ein Stammesbruder für schwierige Existenzen

Eine Kreuzberger Gang will eine Firma für Wärmekissen gründen? Nun, das ist ein Fall für Norbert Kunz. Er ist Business-Angel und Unternehmensberater für Außenseiter und Migranten. Das Geschäft läuft gut, für die Gründer - und für ihn.

Manchmal, wenn Norbert Kunz an früher denkt, muss er grinsen. Einmal, da stürmten diese zehn Jugendlichen in sein Büro in Kreuzberg, sie stellten sich vor als „Kazikenstamm“, der Name ihrer Gang. Sie wollten Business machen, hatten fünf, sechs Ideen. „Alles ging durcheinander. Da musste man sich erst mal reindenken“, erzählt Kunz.

Heute sitzt ihm ein Teil des „Kazikenstamms“ gegenüber und schaut so, als ob der Vater gerade Babyfotos herumzeigen würde. „Wir waren ein ziemlich wilder Haufen“, sagt einer von ihnen, Sven-Oliver Nerger. „Kazik sagt man im Türkischen, wenn was blöd läuft. Ein türkisches ‚Shit happens‘.“ Zwei der Jungs hatten türkische Wurzeln, es passte zu ihrer Einstellung. Doch damit allein wären die heutigen Unternehmer nicht weit gekommen. Ein „Shit happens“ ist nun mal kein Businessplan. Bei Norbert Kunz reichte es.

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Der 52-Jährige ist ein Businessengel für harte Fälle. Mit seiner Firma IQ Consult hilft er Menschen bei Existenzgründungen, denen niemand zutraut, Unternehmer zu werden: Kunz berät junge Arbeitslose ohne Schulabschluss oder Berufsausbildung, häufig mit Migrationshintergrund. Seine Idee ist das, was er als „Empowerment“ bezeichnet. Jeder, der sich selbstständig machen will, soll eine Chance bekommen. Einzige Voraussetzung: „Der Gründer muss es wirklich, wirklich wollen.“ Das doppelte „Wirklich“ ist Kunz wichtig.

Sein Beratungskonzept hat er aus England übernommen und damit in Deutschland Pionierarbeit geleistet. „Hier hat man immer noch dieses Bild, wie ein Unternehmer aussehen soll. Männlich, gut ausgebildet, Anfang 40, mit eigenem Kapital und Sicherheiten.“ Hilfen für solche Gründer gibt es viel, Handelskammern und Banken legen seit Jahren Förder- und Kreditprogramme auf. „Nur wird dieser Gründertyp immer seltener.“

Mit seinem Geschäftskonzept deckt Kunz diese Nische ab. Er erkannte früh, dass Benachteiligte andere Hilfe brauchen, um den Sprung in die Selbstständigkeit zu schaffen. Er und seine rund 30 Mitarbeiter sind Berater, Motivationscoaches, Therapeuten, Betriebswirte und Finanzexperten in einem. Sie stellen den Willen der Gründer auf die Probe, arbeiten mit ihnen die Geschäftskonzepte aus, suchen nach einer Finanzierung. Den „Kaziken“ hat Kunz zu einem Unternehmen verholfen, das unter dem Markennamen Leschi Wärmekissen mit Körnerfüllung verkauft – und das recht erfolgreich.

Mehr als 2000 junge Menschen haben sich mit Kunz‘ Hilfe selbstständig gemacht, 70 Prozent davon sind es heute noch. Für sein Engagement und die Umsetzung seiner Empowerment-Vision hat Kunz jetzt den Preis „Social Entrepreneur des Jahres 2010“ erhalten, den die Schwab Foundation mit der Unternehmensberatung Boston Consulting Group und der Financial Times Deutschland vergibt.

„Ich sehe mich selbst als Lernarchitekt“

Kunz arbeitet an einer wichtigen Schnittstelle. Mehr sozial benachteiligte Menschen in die Selbstständigkeit zu führen und damit zu einer beruflichen Existenz – das hat auch die Europäische Union in ihrem Reformpaket „Europa 2020“ als großes Ziel formuliert. In Deutschland, wo es nach Studien des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) eh zu wenig Gründer gibt, ist der Bedarf besonders groß. Mehr als die Hälfte aller Existenzgründungen sind mittlerweile ein Versuch, aus der Arbeitslosigkeit zu entkommen. Und der Anteil der Gründer mit ausländischer Staatsangehörigkeit nimmt stetig zu. Dabei, das zeigen die IAB-Studien, geben gering qualifizierte Gründer schneller auf als andere.

„Gerade benachteiligte Gruppen sind bei der Existenzgründung oft auf besonders spezialisierte, gewerbliche Beratungsangebote angewiesen“, sagt Udo Brixy vom IAB. „Die kennen ihre Zielgruppe und die Situation vor Ort und können sich auf die Bedürfnisse dieser Menschen entsprechend einstellen.“ Die Arbeitsagenturen haben weder die Möglichkeiten noch die Aufgabe, Gründern zu helfen, die Handelskammern bieten meist nur Standardseminare an.

Diese Lücke hat Kunz erkannt. „Ich sehe mich selbst als Lernarchitekt“, sagt er. „Ich will den Leuten zeigen, wie sie sich mit ihren Fähigkeiten selbst weiterentwickeln können.“ Was er aufbaue, müsse am Ende auch allein stehen können.

Nach diesen Grundsätzen hat Kunz sein eigenes Geschäftsmodell ausgerichtet. IQ Consult finanziert er aus öffentlichen Geldern, vor allem Länder und Arbeitsagenturen zahlen Fördermittel, um Arbeitslose zu integrieren. Die Kunden zahlen keine Honorare. Um die Kosten zu decken, ist IQ Consult nebenher eine ganz normale Politik- und Unternehmensberatung. Mit den Überschüssen dort wird die Gründerberatung subventioniert.

Kunz stammt aus dem Taunus, doch in Kreuzberg fühlte er sich zu Hause. In seinem Kiez entwickelte er seine Idee. Jahrelang engagierte er sich politisch, arbeitete für die Grünen, war Geschäftsführer eines Kulturforums. In dem Gebäude arbeitet er bis heute. Auf den Etagen, die er und seine Freunde einst mit gepumptem Kapital gemietet hatten, befinden sich die Büroräume von IQ Consult. Der Dramatiker Heiner Müller bewohnte früher die Etage über ihnen, tagsüber fuhren deswegen häufig Touristenbusse vorbei. Eine schulterhohe Fotografie des Autors steht noch heute in Kunz‘ Büro, in dem sich sonst allerlei Papiere stapeln.

Als er 1994 die Firma IQ Consult gründete, wollte er in einem Modellversuch Jugendliche, die keinen Berufsabschluss hatten, so schulen, dass sie am Ende die Prüfung bei der Industrie- und Handelskammer schafften. Das gelang ihm zwar, aber die Jugendlichen blieben trotz bestandener Prüfung größtenteils ohne Job. Kunz war frustriert. Eine bessere Lösung musste her: die Gründerberatung.

Probleme mit der Anschubfinanzierung

Doch er stieß auf Skepsis. Warum, bitte schön, sollten unausgebildete Jugendliche das Risiko eingehen und Unternehmer werden? „Man hat uns Vorwürfe gemacht, dass wir zu hohe Erwartungen wecken und die jungen Leute dazu bringen, sich übermäßig zu verschulden“, sagt Kunz. Erst als eine Mitarbeiterin im Jugendministerium in Brandenburg ihm ein kleines Büro gab, konnte er loslegen. „In den ersten Jahren reisten die Jugendlichen zum Teil drei Stunden mit dem Zug an, nur um sich von uns beraten zu lassen“, erinnert sich Kunz.

Kunz ist keiner, der kategorisch Nein zu Ideen sagt. Trotzdem ist er bei der Förderung sehr wählerisch: Nur 20 Prozent der Menschen, die für eine erste Beratung zu ihm kommen, gründen am Ende tatsächlich ein Unternehmen.

Eines der großen Probleme war von Anfang an die Finanzierung. Natürlich hatten die meisten Gründer keine Sicherheiten, um bei einer Bank einen Kredit zu bekommen. Also musste Kunz sich etwas einfallen lassen: Der gelernte Bankkaufmann entwickelte ein Mikrofinanzinstrument, ein Modell, das die GLS Bank und das Deutsche Mikrofinanzinstitut übernahmen.

Auch IQ Consult selbst vergibt Kredite bis 10.000 Euro. Dafür verlangt das Unternehmen sogar etwas mehr als den Marktzins, doch eine Geschäftsidee dürfe nicht an 30 Euro Zinsdifferenz im Jahr scheitern, findet Kunz. „Wir sind vorsichtig mit diesen Krediten, es ist ja unser Geld“, sagt er. Auch sie prüfen Schufa-Einträge. Und sie beraten Kreditnehmer so lange, bis sie alles zurückgezahlt haben. Die Ausfallquote liegt unter vier Prozent.

Kunz will sein Beratungsprogramm nun noch weiter ausdehnen. Seit 2004 berät er Menschen mit Schwerbehinderung zur Existenzgründung. Und in Kreuzberg vermietet er in einem Hinterhaus Büroflächen an Gründer. „Ich kann mich nicht langweilen“, sagt er. Die Beratungen selbst machen heute allerdings meist andere, er bastelt lieber an neuen Ideen, die Menschen in die Selbstständigkeit führen sollen. „Am Anfang freut man sich über jeden, der es geschafft hat“, sagt er. „Doch irgendwann hat man in dem Geschäft jedes Problem schon mal gehört.“

Dann müssten neue Berater mit einem frischen Blick ran. Deshalb arbeitet er mittlerweile mit Partnerorganisationen in Berlin und den neuen Bundesländern zusammen, die nach seinem Konzept Gründer unterstützen – Social Franchising nennt sich dieses Prinzip.

Der Kazikenstamm gehört bis heute zu seinem eigenen Kundenstamm. Manchmal hört Kunz ein Jahr gar nichts von den Leschi-Unternehmern, doch dann kommen sie doch wieder mit Fragen zu ihm. Mittlerweile geht es um Zeitmanagement und Veränderungen in der Gesellschaftsform. Viel weiter sind die Gründer als am Anfang, als Kunz ihnen erst mal erklären musste, wie eine Kostenrechnung funktioniert oder eine Bilanz.

Er hat trotzdem an sie geglaubt. „Man muss sich die Leute angucken und sie fragen, warum sie jetzt gerade eigentlich hier sind.“ Zwei Dinge, sagt er, verlangt er von seinen Existenzgründern: „Willen“ und eine „Idee“. Auf der anderen Seite des Tischs nickt Sven-Oliver Nerger vom Kazikenstamm und sagt: „Mal ehrlich: In dem Augenblick hat man ja auch nichts anderes.“

Social Entrepreneur
Der Preis Die Schwab Foundation zeichnet in 30 Ländern Unternehmer aus, die soziales Engagement mit Geschäftsgeist verbinden. In Deutschland wird der Preis gemeinsam mit der Boston Consulting Group und der Financial Times Deutschland vergeben.
Die Kriterien Ausgezeichnet werden die Chefs von Organisationen, die innovativ sind, gemeinnützige Ziele verfolgen und ihre Arbeit nicht allein über Spenden finanzieren. Bewertungskriterien sind unter anderem der Vorbildcharakter, Nachhaltigkeit, die soziale Wirkung und die Reichweite.
Der Gewinner An Norbert Kunz‘ Unternehmen IQ Consult überzeugte die Jury vor allem die soziale Wirkung. Der deutsche Arbeitsmarkt ist von Unsicherheit geprägt. Kunz leiste in dieser Situation vor allem Hilfe zur Selbsthilfe und fördere bei benachteiligten Menschen die Eigeninitiative.

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