Management Eine Frage der Einstellung – Wie hätten Sie geantwortet?

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Gehen oder bleiben? Jeden Tag treffen Unternehmer in Schwellenländern schwierige Entwscheidungen

Gehen oder bleiben? Jeden Tag treffen Unternehmer in Schwellenländern schwierige Entwscheidungen

Jeden Tag treffen Unternehmer in Schwellenländern schwierige Entscheidungen. Es fängt bei der Bestechung von Verkehrspolizisten an und endet bei der Frage: Gehen oder bleiben? Testen Sie sich selbst: Wie hätten Sie entschieden?

Geschäfte verschweigen? – Ein bisschen raus aus dem Iran

Vorstandschef eines Automobilzulieferers:

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„Öffentlich über den Iran zu sprechen wäre ­geschäftsschädigend, auch wenn wir nicht so im Rampenlicht wie die Konzerne stehen. Wir ­haben sogar unseren Standort im Iran von der Firmenwebsite genommen. Es wäre fatal für uns, wenn zum Beispiel amerikanische Kunden erfahren würden, dass wir im Iran noch immer Geschäfte machen. Dann würden wir wirklich wichtige Aufträge verlieren. Das ist es nicht wert. Früher war der Iran ein lohnender Markt, es gab sogar eine eigene Automobilindustrie. Doch die ist um 50 Prozent eingebrochen, seit sich die Sanktionsschlinge immer weiter ­zugezogen hat. Aus einem Gemeinschafts­unternehmen sind wir komplett ausgestiegen, ein anderes Joint Venture lassen wir schleifen.

Politische Gründe für unseren Ausstieg gibt es eigentlich nicht, unsere Entscheidung ist rein wirtschaftlich getrieben. Die Geschäfte fallen schlicht in sich zusammen, je schwerer es wird, Handel zu treiben oder Geld grenzübergreifend zu transferieren. Es gibt keine Ersatzteile für Maschinen. So wird der Iran zu einer in sich ­geschlossenen Volkswirtschaft.“

Arbeiter ausbeuten? – Myanmar, ein Land auf Bewährung

Antje von Dewitz führt den Outdoorausrüster Vaude in zweiter Generation:

„Wir produzieren seit acht Jahren Kleidung in Myanmar, dem ehemaligen Burma. Die Fabrik ist SA-8000-zertifiziert und auf einem wirklich guten Stand. Mit unserem Produzenten vor Ort arbeiten wir schon sehr lang zuverlässig zusammen, auch an anderen Orten. 2010 haben wir entschieden, unsere weltweite Produktion nach dem unabhängigen Sozialstandard Fair Wear zertifizieren zu lassen. Es geht dabei um faire und menschenwürdige Arbeitsbedingungen. So stellen wir über unsere eigenen Maßnahmen hinaus sicher, dass Kleidung ohne Kinderarbeit entsteht, faire Löhne gezahlt werden und die Arbeits­zeiten angemessen sind.

Da Myanmar lange keine Kontrolleure von internationalen Organisationen zuließ, die diese Arbeitsbedingungen überprüfen sollten, haben wir uns schrittweise aus der Produktion dort zurückgezogen. Doch dann leitete die Regierung Reformen ein. In Abstimmung mit der Fair Wear Foundation lassen wir nun in kleineren Stückzahlen in Myanmar weiterproduzieren und beobachten die künftige Entwicklung. Sollte die offenere und demokratischere Linie der Regierung von Myanmar im nächsten Jahr zu weiteren Fortschritten führen – und dazu zählt auch die unabhängige Prüfung der Produktionsstätten durch Dritte -, dann bleiben wir. Fair Wear wird die Produktionsstätte dann auditieren. Sollte das alles aber nicht der Fall sein, dann ziehen wir uns wie geplant ganz zurück.“

Vetternwirtschaft zulassen? – Indisches Family-Business

Dietmar Kusch ist Mitgründer von EAC Consulting und begleitet Mittelständler beim Markteintritt in asiatische Schwellenländer:

„Ein deutscher Zulieferer für Autositze wollte mit einem indischen Nutzfahrzeugbauer ins Geschäft kommen. Der indische Chefeinkäufer drängte auf ein Joint Venture. Der Haken: Seinen Wunschpartner lieferte er gleich mit, es war die Firma eines Verwandten. Die Verlockung war groß, das Geschäft hätte sich gelohnt. Aber wir haben uns dazu durchgerungen zu sagen: ,Bloß die Finger weg!‘ Ein Jahr später wurde der indische Chefeinkäufer gefeuert. Das deutsche Unternehmen gründete dann eine Tochtergesellschaft in Indien und beliefert seither den Nutzfahrzeughersteller. Die Geschäfte laufen prächtig.“

Embargo brechen? – Nicht mal auf Umwegen

Vorstand eines Maschinenbauers:

„Vor ein paar Jahren bekamen wir ein Kaufangebot für eine Maschine. Es ging ­sowohl an uns in Deutschland als auch an unsere Tochtergesellschaft in China. Das Land, aus dem es stammte, unterlag zu der Zeit einem Handelsembargo seitens Deutschlands. Ein Export kam für uns also nicht infrage. Aber was war mit der chinesischen Tochter? Einer der Vertriebsmit­arbeiter dort schlug vor, wir könnten die Maschine an ihn liefern, er wiederum könnte sie weiterverkaufen. Schließlich hatte China kein Embargo erlassen.

Bei dem Kollegen herrschte ein ganz anderes Unrechtsbewusstsein. Dabei gilt für alle unsere ausländischen Niederlassungen bei Vertriebs-, Kunden-, Mitarbeiter- und Partnerbeziehungen das deutsche Recht. Ich schrieb dem chinesischen Mitarbeiter und allen Niederlassungsleitern einen Brief, in dem ich betonte, dass ein solches Vorgehen nicht akzeptabel sei. So etwas kommt ­überhaupt nicht in die Tüte.“

Marc-Peter Zander Gründer von XCom Africa:

„Ein nigerianischer Geschäftsfreund sagte mir einmal: ,Für Deutschland ein Visum zu bekommen ist wie Lotto spielen. Die Chance, eins zu bekommen, ist ähnlich hoch, nur dass die Botschaft in Lagos die Kugeln zieht.‘ Es ist tatsächlich sehr schwer. Ich habe erlebt, dass Direktoren von Banken keins bekamen und Personen aus der Regierung. Ein häufiger Umweg ist dann die Heirat, manchmal auch der Versuch, über Frankreich ein Visum zu bekommen, das zur Einreise nach Deutschland berechtigt. Oder man macht es wie mein Geschäftsfreund: Man fragt einen Deutschen. Denn als Unternehmer kann man seine ­Geschäftspartner einladen.

Mir stellte sich also die Frage: Spreche ich eine Einladung als Firma aus, obwohl es sich um einen Freundschaftsdienst handelt? Ich habe mich dafür entschieden, das Visum wurde erteilt, und die Person hatte die Chance, nach Deutschland zu reisen. Während der Reise war ich sehr besorgt,

da ich das komplette Risiko trug. Es ging aber gut: Der Freund hat nichts ­Illegales gemacht und ist wieder nach Nigeria ­gereist. Es war zwar kein Lottogewinn, aber eine Erfahrung, die mich zum Nachdenken gebracht hat.“

Bestechungsgeld zahlen? – Brasilianisches Verkehrshindernis

Niederlassungsleiter eines Wirtschaftsprüfers:

„Wir waren fast am Ziel. Von den 100 Kilometern zwischen São Paulo und Campinas hatten wir den Großteil hinter uns. Der Leiter meiner Buchhaltung fuhr, es war sein Auto. Da winkte uns ein Polizist raus. Mein Kollege zeigte seine Papiere. Fehlerhaft, lautete das Urteil. Die Zahlung der Kfz-Steuer war im Computer als ausstehend markiert, obwohl sie entrichtet war. Es gab eine lange Diskussion, mein Kollege verschwand mit dem Polizisten in der Dienststelle. Es half nichts, er musste seine Frau anrufen und sie bitten, die Steuer nochmals zu überweisen, um die Doppelzahlung später zurückzufordern. Seine Frau fuhr in São Paulo zur Bank und zahlte das Geld ein. Daraufhin tauchte die Zahlung im Polizeirechner auf, der Polizist aber wollte auch noch den Einzahlungsbeleg sehen. Da standen wir schon eineinhalb Stunden vor dem Revier.

Mein Kollege hat sich gegen den brasilianischen Weg entschieden – er hat keinen Geldschein in die Autopapiere gelegt. Das war ein sehr emotionaler Moment. Letztlich sind wir von der Polizei ausgeraubt worden. Denn wenn wir auch kein Geld abdrücken mussten – den Einzahlungsbeleg wollte der Polizist partout sehen. Wir mussten das Auto stehen lassen und die restlichen Kilometer zum Kunden im Taxi zurücklegen. Ein Kollege holte uns abends ab und fuhr unseren Buchhalter am nächsten Tag erneut zur Polizeistation, wo er den Einzahlungsbeleg vorzeigte und sein Auto wieder mitnehmen durfte.“

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