Management „Eine zweite Chance gibt’s in Japan nicht“

Daisuke Nagayama hat einen großen Traum. Der Seriengründer will Japan in ein Land für Entrepreneure verwandeln. Ein weiter Weg, wie er selbst erzählt.

Der junge Mann ist auf die Minute pünktlich. Weicher Händedruck, ruhige Stimme, verlegener Blick. Der 28-Jährige schielt auf das Diktiergerät auf dem Tisch, schiebt seine Visitenkarten her über. Auf der ersten steht Nurienta. Nutex auf der zweiten. Dennoo auf der dritten. Und auf allen: Daisuke Nagayama, Gründer.

„Ich habe so viele verschiedene Visitenkarten. Das ist etwas albern. Nurienta ist mein erstes Startup, ein Übersetzungsdienst. Den habe ich gegründet, da war ich gerade erst 20 Jahre alt. 350 freiberufliche Dolmetscher übersetzen Dokumente für Unternehmen. Das fand ich wichtig für die japanischen Firmen, damit sie international mithalten können.

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Das lasse ich so weiterlaufen, aber meine ganze Aufmerksamkeit gilt jetzt Nutex. Angefangen haben wir vor fünf Jahren mit Spielen für Handys. Wir haben zum Beispiel gemeinsam mit Programmierern in Indien eine Simulation entwickelt, in der die Leute zu TV-Stars werden. Es gibt richtige Szenarien, was alles auf dem Weg nach oben passieren kann. Das ist sehr beliebt. Gerade bauen wir einen Onlinemarktplatz für Werbung. Das funktioniert ein wenig wie Google Adwords, nur nicht mit Texten, sondern mit Videos. Kleinere Unternehmen können so bewegte Werbung für sich machen. Wenn jemand in einer Suchmaschine nach bestimmten Schlüsselwörtern sucht, werden die Videoclips eingeblendet. Das ist eine der Ideen, an der wir basteln, es gibt aber noch viele andere.

„Meine Familie war absolut dagegen.“

Ich war gerade zehn Tage im Silicon Valley, um Venture-Capital-Leute zu treffen und zu überzeugen, in Nutex und Dennoo zu investieren. Dennoo ist ein ganz neues Startup, das wir ausgegründet haben. Da bin ich jetzt auch CEO. Darüber kann ich noch nicht viel sagen, aber es geht auch um Onlinewerbung. Wir wachsen, aktuell sind es 18 Festangestellte, unser Büro ist aber immer noch sehr klein. Wir sind ja mitten in der City von Tokio.“

Geboren in Kobe wächst Nagayama in Kalifornien auf und geht dort zur Schule. Nach der Highschool kehrt er zurück in seine Heimat, die er nicht immer versteht: Als sich Nagayama nach dem Studium begeistert ins Unternehmerleben stürzt, sind seine Eltern entsetzt.

„Meine Familie war absolut dagegen. Sie dachte, das wird nie ein Erfolg. In Japan gibt es nicht so etwas wie eine zweite Chance, wenn man scheitert. Es ist wie eine Schande für die ganze Familie. Im Silicon Valley hingegen ist scheitern okay, und eine Pleite ist nur eine Narbe, auf die man beinahe stolz ist. In Japan geht kaum einer das Risiko des Scheiterns ein. Alle Absolventen der Unis wollen in die traditionellen Konzerne. Wenn jemand an der University of Tokyo einen Abschluss macht, ist das wie die Garantie auf ein Leben in materieller Sicherheit. Selbstständigkeit gilt deshalb als unvernünftig. Ich habe mich also gegen meine Eltern gestellt. Der Wunsch zu gründen war einfach zu stark.

Dabei habe ich nie davon geträumt, Firmenchef zu sein. Es geht um etwas anderes. Mein Traum ist es, die japanische Gesellschaft zu verändern. Ich bin Entrepreneur und will alle unterstützen, die ebenfalls diesen Weg gehen wollen. Wir brauchen mehr Gründer!

Ich will verändern, wie die Wirtschaft tickt. Erst baue ich meine Firmen auf, damit ich etwas vorzeigen kann und finanziell unabhängig bin. Wenn es so weit ist, will ich in die Politik gehen. Ich will jemand sein, der als Entrepreneur gezeigt hat, was er kann, und nicht abhängig sein von den üblichen Spenden. Die Parteien denken nur an die Konzerne, die sie auch finanziell unterstützen. Junge Firmen haben wenig Unterstützung. Es gibt kaum Institutionen und Programme, die Startups in Japan fördern. Das will ich ändern.

Die nächsten Jahre sind sehr wichtig für meine Firmen, aber so in vier oder fünf Jahren könnte ich das erste Mal für das Parlament kandidieren. Die Premiere werde ich wohl verlieren. Also brauche ich genug eigenes Geld, um zwei Wahlen zu überstehen. Ich stecke daher das Geld, das ich als Unternehmer verdiene, in meine Politikerkarriere. Junge Menschen sind in der japanischen Politik eher selten. Die nachkommenden Generationen können aber nicht einfach nur warten, finde ich, bis ihre Zeit gekommen ist.

Ich war in Fukushima. Die Regierung macht keinen guten Job. Japaner wirken ja immer sehr ruhig. Das ist unsere Mentalität. Wir sind selten laut. Bei Demonstrationen im Regierungsviertel verläuft alles sehr organisiert, sehr ordentlich, alle stoppen an roten Ampeln. Aber die Leute sind wütend, es sind stille Schreie. Ich glaube, dass daraus etwas entstehen könnte. Viele junge Menschen engagieren sich jetzt freiwillig in Projekten, um den Opfern zu helfen. Das sind Graswurzelbewegungen. Leute entwickeln eigene Ideen. Vielleicht entstehen daraus ja neue Social-Enterprise-Firmen.

Ich spinne jetzt, aber vielleicht entwickeln wir ja so etwas wie unternehmerische Eigen initiative. Offenbar gibt es ja keine absolute Sicherheit. Dann können wir auch etwas riskieren. Und gründen.“

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 01/2012.

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