Management Erst Wales und dann die ganze Insel

Deutsche Unternehmen lassen sich gern im Westen der britischen Hauptinsel nieder. Hier genießen sie vielfältige Förderung und der Standort liegt ideal, um das ganze Land zu erschließen.

„Es ist mein Vaterland – und mein Vater kann es auch gerne behalten“, sagte der walisische Nationalpoet Dylan Thomas einst. Er kehrte Wales früh den Rücken, ging nach London und New York, wo er 1953 starb. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein galt die Region am Westrand der britischen Insel als karg und trostlos. Doch Wales ist heute, nicht zuletzt Dank zehn Jahren Unabhängigkeit von der Londoner Zentralregierung, einer der wendigsten Wirtschaftsstandorte in Großbritannien. Auf den gut 20.000 Quadratkilometern haben sich zahlreiche ausländische Unternehmen niedergelassen.

Allein 83 deutsche Firmen betreiben in dem Landstrich Produktions- und Vertriebsstätten, über die Hälfte davon sind Mittelständler. Zwischen den großen Standortinvestoren – etwa EADS, BASF Coatings, Linde, Siemens und Zurich Financial Services – stehen klassische deutsche Familienunternehmen, die für den Weltmarkt produzieren. Firmen wie der Kunststoffspezialist Ensinger aus Nufringen, der Nürnberger Bürowarenhersteller Staedtler Mars oder der Dämmungsproduzent Knauf aus dem bayerischen Simbach haben sich schon früh für Wales entschieden.

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Fördergeld für Investoren

„Von Deutschland aus gesehen liegt Wales ideal, um den britischen und den irischen Markt in einem Aufwasch zu bedienen. Rund ein Drittel der deutschen Besucher am Flughafen Cardiff sind Geschäftsreisende“, sagt Malcolm Davies. Er arbeitet bei der Waliser Regierung und unterstützt deutsche Unternehmen bei der Ansiedlung. Davies betont, wie gut die Waliser Geschäftszentren zu erreichen sind. Die größeren Städte, Cardiff, Swansea und Newport, sind allesamt über ausgebaute Autobahnen zu erreichen. Es gibt zahlreiche Fähr- und Flugverbindungen nach Irland, und London liegt nur zwei Zugstunden entfernt.

Das allein reicht natürlich nicht, um die Wirtschaft am Leben zu erhalten. Wales stellt mittlerweile eine breite Palette an Anschubhilfen bereit. Zum Beispiel einen zentralen Ansiedlungsfonds mit insgesamt 214 Millionen Pfund. Wer in der Region ein Unternehmen gründen oder ausbauen will, kann bis zu 50 Prozent der Abwicklungskosten aus diesem Fonds finanzieren. Im ersten Jahr dürfen Unternehmer 40 Prozent der Investitionen in Maschinen und Hallen mit der Steuer verrechnen. Außerdem gibt es Subventionen, die sich aus dem EU-Entwicklungstopf für ärmere Gegenden der Europäischen Union speisen. Auch die weichen Standortfaktoren haben die Waliser Wirtschaftsförderer im Visier. Sie helfen selbst bei der Suche nach geeigneten Häusern, Schulen und Steuerberatern.

Die Unternehmer sind denn auch zufrieden. „Die Unterstützung durch die Welsh Development Agency war professionell“, sagt Wilfried Ensinger. Er hat bereits 1987 im südwalisischen Llantrisant das Tochterunternehmen Ensinger Limited gegründet, gemeinsam mit dem ersten
Geschäftsführer John Speirs, der schon vor Ort war. „Der Aufbau der Infrastruktur lief wie am Schnürchen: Ob Straßenbau, Wasserleitungen oder Stromanschlüsse – alle Zusagen wurden eingehalten. Außerdem hat uns die WDA geholfen, qualifizierte Arbeitskräfte zu finden.“ Heute beschäftigt das Kunststoff-Unternehmen aus Schwaben 200 Mitarbeiter in ganz Großbritannien. Von Wales aus werden Produktion und Vertrieb auf der Insel gesteuert.

Im Wettbewerb mit Osteuropa

Doch Wales ist nicht die einzige Region, die Unternehmer mit Fördergeldern lockt. Der Wettbewerb gewinnt deutlich an Schärfe. Auch die englischen Midlands und South-West oder das gleichfalls randständige, aber mit mächtigen Anreizfonds ausgestattete, Schottland locken ausländische Investoren. Osteuropa ist im Zuge der Globalisierung ebenfalls zum harten Rivalen aufgestiegen. So hat etwa der deutsche Autozulieferer Bosch gerade entschieden, sein Werk in Vale of Glamorgan mit rund 900 Arbeitsplätzen nach Ungarn zu verlagern. Linde Heavy Trucks dagegen will bleiben. Das Unternehmen, das vom deutschen Linde-Konzern inzwischen unabhängig ist, baut schwere Gabelstapler in Merthyr Tydfil. „Wir sind historisch dort verwurzelt, obwohl man heute vielleicht einen neuen Standort näher am Einsatzort der Maschinen wählen würde, also etwa an den großen Häfen“, sagt ein Sprecher.

Fragt man Malcolm Davies, sind es längt nicht mehr die Arbeitskosten, die für den Produktionsstandort Wales sprechen. „Osteuropa ist ein harter Wettbewerber. Aber für wenig mehr Aufwand kann Wales ein ganz anderes Niveau an Knowhow und Ausbildung bieten“, sagt er. Zumindest für eine spezialisierte Firma wie Ensinger, die hochwertige Kunststoffe fertigt, ist dies entscheidend. Sie setzt auf die kompetenten Mitarbeiter vor Ort. „Die meisten von ihnen haben eine Berufsausbildung und sind sehr motiviert“, sagt Klaus Ensinger, einer der Geschäftsführer der Firmengruppe.

Viel Knowhow für wenig Geld

Technisches und wirtschaftliches Knowhow erwerben die Waliser vor allem an den Universitäten Cardiff und Swansea. Letztere hat gemeinsam mit Privatfirmen den Forschungszweig Life-Sciences aufgebaut, um den herum mittlerweile ein Cluster von rund 250 Biotech-Firmen gewachsen ist. Ein anderer akademischer Schwerpunkt, von dem auch das produzierende Gewerbe profitiert, sind die Materialwissenschaften.

Gemessen an der Qualität der Ausbildung sind die Personalkosten in Wales günstig – zumindest im Vergleich zur näheren Umgebung. So liegt ein durchschnittliches Bruttogehalt in Cardiff bei wöchentlich rund 550 Pfund, in London zahlen Arbeitgeber für die vergleichbare Leistung 760 Pfund. Und auch die Mieten für Büros und Industrieflächen liegen in Wales deutlich niedriger als selbst in den konkurrierenden mittelgroßen Ballungszentren Liverpool oder Glasgow.

Waliser Töchter deutscher Unternehmen

Unternehmen Standort Branche Mutterunternehmen
Addis Housewares Ltd. Bridgend Haushaltswaren Emsa Holding GmbH
AKG UK Ltd. Porth Thermotechnik AKG Thermotechnik International GmbH & Co. KG
Aldi Cardiff Lebensmittel-
discounter
Aldi Group
Argent Independent Steel Newport Stahlverarbeitung Thyssenkrupp AG
Avonride Ltd. Maesteg Bremstechnik Knott, Valentin
Avox Ltd. Wrexham Finanzdienstleistung Deutsche Börse AG
BASF Coatings Ltd. Deeside Lacke und Farben Basf AG
BOS Automotive Products UK LP Wrexham Fahrzeugzubehör BOS GmbH & Co. KG
Böttcher UK Ltd. Ebbw Vale Drucktechnik Felix Böttcher GmbH & Co KG
Carl Kammerling International Ltd. Pwllheli Werkzeug Ceka GmbH & Co KG
Castle Cement Ltd. Mold Zement Heidelberg Cement Group
DBK Technitherm Ltd. Llantrisant Thermotechnik DBK David+Baader GmbH
Design Environmental Ltd Ebbw Vale Umwelttechnik Weiss Umwelttechnick GmbH / Schunk
DHL Express (UK) Ltd. Pontypridd Logistik Deutsche Post AG
DHL Sameday Newport Logistik DHL International
Ensinger Ltd. Tonyrefail Spezialkunststoffe Ensinger GmbH
Faun Municipal Vehicles Ltd. Llangefni Abfallfahrzeuge Faun Umwelttechnik GmbH
First Legal Protection Ltd. Caerphilly Rechtsschutz-
versicherung
Das Uk Holdings Ltd.
G C Hahn & Co Ltd. Mold Nahrungsmittel- Stabilisatoren G C Hahn & Co. Stabilisierungstechnik GmbH
Hanson Aggregates Ltd. Aberdare Baustoffe Spohn Cement GmbH
Isringhausen (GB) Ltd. Wrexham Fahrzeugzubehör Isringhausen GmbH
Klöckner Pentaplast Ltd. Crumlin Spezialkunststoffe Klöckner Pentaplast GmbH & Co. KG
Knauf Insulation (Glass Mineral Wool plant) Cwmbran Isoliermaterial Knauf
Knauf Insulation Rock Mineral Wool plant Queensferry Isoliermaterial Knauf
Krupp Camford Pressings Ltd. Llanelli Stahlverarbeitung Thyssenkrupp Body Stampings Ltd.
Lidl Bridgend Lebensmittel-
discounter
Lidl & Schwarz Stiftung & Co. KG
Linde Heavy Truck Division Ltd. Merthyr Tydfil Gabelstapler Linde Material Handling GmbH & Co. KG
Linde Severnside Ltd. Bridgend Gabelstapler Linde Material Handling (Uk) Ltd.
Mollertech UK Ltd. Caerphilly Fahrzeugzubehör Moller Group KG
Pedus Ltd. Newport Gebäudemanagement Peter Dussmann GmbH Munchen
Phoenix Healthcare Wrexham Sanitätsprodukte Phoenix Pharmahandel Aktiengesellschaft & Co.
Record Industrial Brushes Ltd. Llandovery Industriebürsten KULLEN GmbH & Co. KG
Rehau Ltd. (Site 1) Blaenau Ffestiniog Kunststoff- Oberflächen Rehau AG & Co.
Rehau Ltd. (Site 2) Amlwch Kunststoff- Oberflächen Rehau AG & Co.
S L Baskind Ltd. Wrexham Pharmagroßhandel Phoenix Pharmahandel AG & Co. KG
Schaeffler (UK) Ltd. Llanelli Auto- und Maschinenbau-
zulieferer
Schaeffler Group
Siemens Medical Solutions Diagnostics Ltd. Caernarfon Medizintechnik Siemens Medical Solutions Diagnostics
Siemens Security Products Ltd. – Bewator UK Cwmbran Gebäudesicherheit Benator Ab
Simbec Research Ltd. Merthyr Tydfil Pharmaforschung E Merck
Staedtler (UK) Ltd. Pontyclun Bürobedarf Staedtler Mars GmbH & Co. KG
Symonds Hydroclean Ltd. Newport Einkaufswagen Wanzl GmbH & Co. Holding KG
T-Mobile (UK) Ltd. (One to One) Merthyr Tydfil Telekommunikation Deutsche Telekom AG
Total Engine Support Ltd. Mountain Ash Triebwerkswartung DZ Bank AG
Waldon (UK) Ltd. Tonyrefail Spezialkunststoffe Walter Söhner GmbH & Co.
ZF Steering Systems Nacam (UK) Ltd. Ebbw Vale Lenksysteme ZF Lenksysteme GmbH

(Auswahl; Quelle: Swansea University Research 2008, International Business Wales)

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