Management „Es ist kein Hype“

Wieder fließt viel Geld in deutsche Internetfirmen. Wieder schwärmt die Welt von Berlin als Silicon Valley Europas. Der Boom erinnert an das Jahr 2000. Oder? Earlybird-Mitgründer Christian Nagel erklärt, warum heute alles anders ist.

Startup-Fabriken produzieren Firmen am Fließband. Internationale Investoren pumpen 50 Mio. Euro allein in die deutsche Musikplattform Soundcloud. Der Hollywood-Schauspieler Ashton Kutcher überschüttet Berliner Startups wie Amen und Gidsy mit Geld. Überhaupt: Alle rennen nach Berlin (wir auch). Das alles mag nach einem gewaltigen Hype, nach einer neuen Überhitzung klingen. Manch einer mahnt schon: Da wiederholt sich etwas.

Über den Autor
Christian Nagel hat als Mitgründer und Managing Partner von Earlybird zwei Jahrzehnte Erfahrung als Investor in schnell wachsende Startups. Er zieht gerade von Hamburg nach Berlin.

Ist es wie damals zur Jahrtausendwende, als allein in Deutschland 200 Internetinvestoren das Geld mit der Gießkanne verteilten, als jede Bank, jede Versicherung, jeder Konzern eine eigene Venture-Capital-Tochter hatte? Als Pixelpark und Intershop entstanden – und nach dem Platzen der Blase gleich wieder verschwanden, zusammen mit fast allen anderen 300 Startups, die damals an der Börse in Frankfurt notierten?

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Wiederholt sich der Hype? Nein. Ich bin sicher: Was wir heute erleben, ist gar kein Hype. Denn übertrieben ist das, was heute passiert, überhaupt nicht.

Wir hinken hinterher

Zunächst einmal: Es fließt nicht zu viel Geld in Gründungen; im internationalen Vergleich fließt immer noch viel zu wenig. Zweistellige Millionenbeträge gehören im Silicon Valley zum Grundrauschen. Deutschland hinkt auch Frankreich und Großbritannien hinterher, wenn es um die Finanzierung von Startups geht.

Im Jahr 2000 haben unerfahrene Gründer von unerfahrenen Investoren Geld bekommen, die dabei von unerfahrenen Bankern beraten wurden. Da gehörten Totalverluste zur Normalität. Heute sind sie selten geworden. Das hat mit Erfahrung zu tun: 60 Prozent der Unternehmer, die wir unterstützen, sind Wiederholungstäter. Die können Strukturen anpassen, wenn es nötig wird, und mit Ressourcen umgehen. Niemand bläst Millionen für das Marketing raus, bevor ein Konzept den Realitätstest bestanden hat. Da wird Stein auf Stein aufgebaut.

Diese Erfahrungen haben die Deutschen auch durch das massenhafte Kopieren internationaler Ideen gesammelt. Jetzt fangen sie an, etwas Eigenes zu kreieren, Originale zu schaffen.

Schauen Sie sich die deutschen Startups an, in die heute Geld fließt. Soundcloud, Crowdpark und die anderen haben eines gemeinsam: Die meisten stehen auf soliden Füßen. Ihre Ideen sind ausgereift. Sie haben Produkte, die funktionieren. In den meisten Fällen gibt es schon Kunden, die das Angebot nutzen und häufig auch bereit sind, dafür zu zahlen.

Ob Soundcloud oder 6 Wunderkinder das nächste Facebook werden, wissen wir nicht. Aber erstmals haben deutsche Startups einen Vorsprung und werden von anderen kopiert. Und in Berlin entsteht ein europäischer Cluster, der global in der ersten Liga mitspielen kann. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis das nächste Facebook oder Google aus Deutschland kommt.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 04/2012.

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