Management Exporte – Wo deutsche Firmen noch wachsen

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Containerfrachter im Hamburger Hafen.

Containerfrachter im Hamburger Hafen. © Jan Schuler - Fotolia.com

Für Mittelständler ist in Europa nicht mehr viel zu holen. Mit Selbstbewusstsein drängen sie auf entfernte Märkte. „Made in Germany“ ist dabei nicht der einzige Wettbewerbsvorteil, zeigt eine Studie.

Und da heißt es immer, in Berlin gebe es keine Industrie mehr. Mitten in der Hauptstadt, zwischen Tiergarten und Charlottenburg, steht eine kleine Fabrik, die das Gegenteil beweist. „Kurt Menzel Elektromotoren“ – der große, etwas verblasste Schriftzug auf dem alten Backsteingebäude erinnert an den Firmengründer, der einst mit der Entwicklung von Antriebstechnik etwas ganz Neues wagte. Das war 1927. Heute läuft sein Enkel Mathis Menzel mit einem Telefon am Ohr durch die Firma und steuert das globale Geschäft mit den Gleichstrom-, Hochspannungs- und Schleifringläufermotoren.

Als Menzel 2007 nach Elektrotechnik­studium und ersten Jobs im Ausland in die Geschäftsführung des Familienunternehmens einsteigt, gibt es Lehman Brothers noch, boomt die europäische Wirtschaft und ist der Euro das hell leuchtende Symbol einer neuen Zeit. Sechs Jahre später ist alles anders. Krisen sind es, die den Takt des Wirtschaftslebens bestimmen: erst die Finanz- und dann die Schuldenkrise. „Wir merken das jeden Tag“, sagt Menzel. „In Deutschland wird sehr verhalten bestellt, so wie in der ganzen EU.“

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Wachstum im Rest der Welt

Und trotzdem wächst das Unternehmen. Seit 2007 haben sie in der Berliner Fabrik eine neue Montagereihe, zwei neue Krananlagen und ­eine neue Lackiererei in Betrieb genommen. „Für unsere Produkte gibt es überall auf der Welt einen Markt“, sagt Menzel. Früher gingen fast alle Motoren an Kunden in Westeuropa. Heute verlässt ein Drittel die EU. Auf der Kundenliste stehen Abnehmer in Russland, Argentinien, Chile und sogar im Sudan.

Wie Mathis Menzel geht es vielen Mittelständlern. 81 Prozent rechnen infolge der Schuldenkrise mittelfristig mit einer schwachen Konjunktur im Euro-Raum, 88 Prozent stellen sich zudem langfristig auf Grenzen des Wachstums in ihrer Heimatregion ein. Folglich müsse der Außenhandel jenseits der Euro-Zone ausgebaut werden, so die große Mehrheit der Unternehmer.

Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Studie der Commerzbank. Für die wurden 4000 mittelständische Unternehmen befragt und die aktuellen Einschätzungen mit der Stimmung im Jahr 2007 verglichen. „Unternehmen, die bereits international tätig sind, wagen sich mit Erfolg weiter in neue Märkte vor und ­weiten ihre Aktivitäten im Ausland aus“, heißt es in der Untersuchung. „Ein Zurückfahren der deutschen Exportüberschüsse ist für die wenigsten Befragten eine Option.“

Der Vergleich mit 2007 zeigt aber auch, dass sich in den letzten Jahren kaum Unternehmen neu ins Ausland gewagt haben. Für den ersten Schritt auf fremdes Terrain sind die Zeiten den meisten wohl zu unsicher. „Unternehmer und Manager zögern vor allem aufgrund der unabsehbaren Folgen der Euro-Krise“, so die Studie. „Das europäische Ausland ist als Absatzmarkt derzeit wenig attraktiv, die übliche Establishment Chain der Internationalisierung – erst Erfahrungen in Europa sammeln, dann in der Welt – ist daher unterbrochen.“

2007 – das war auch das Jahr, in dem Christian Springub zum Unternehmer wurde. Mit zwei Freunden gründete der Hamburger die Jimdo GmbH. Wer sich im Internet eine eigene Homepage bauen will, tut das häufig mit Software von Jimdo. Die Firma bietet Pakete für Laien und für Profis an, mehr als sieben Millionen Websites sind so bereits entstanden. Die Zentrale verteilt sich auf mehrere Etagen eines Hinterhofhauses in Hamburg-Altona. In den modernen Großraumbüros stehen die Fahrräder der Mitarbeiter und Kisten voller Red-Bull-Dosen.

Von hier aus wird in erster Linie das ­Europa-Geschäft gesteuert, in China, Japan und den USA gibt es eigene Niederlassungen. Eine Gruppe von Country Managern kümmert sich um die Expansion. Jimdo schreibt längst schwarze Zahlen, wächst aus eigener Kraft und beschäftigt 140 Mitarbeiter rund um den Globus. „Wir sind die Internationalisierung ohne Kompromisse angegangen“, erzählt Springub. Dabei setzt Jimdo auf eigene Büros und Kooperationen. In Japan etwa haben sich die Norddeutschen mit einem der größten Telefon­anbieter zusammengetan und profitieren von der Bekanntheit des Partners. Eine Strategie, die viele Mittelständler verfolgen.

Das klassische Exportmodell hat ausgedient

„Die Unternehmer vernetzen sich vor Ort stärker, es gibt deutlich mehr langfristige Kooperationen im Ausland“, stellt ­die Commerzbank-Studie fest. „Jedes dritte mit­telstän­dische Unternehmen hat sich vertraglich an ausländische Partner gebunden.“ Das reine Exportmodell – in Deutschland produzieren und ins Ausland verkaufen – hat offenbar ausgedient. Die Produktion in Deutschland ist den in der Studie befragten Unternehmen zufolge wichtig, aber nicht mehr das einzige Kriterium für die Wertschätzung deutscher Produkte im Ausland. ­

„Internationale Kunden legen vor allem Wert darauf, dass ein deutsches Unternehmen die Qualität garantiert und den Produktions­prozess steuert. ‚Made in Germany‘ wird durch ‚Managed in Germany‘ erweitert.“ Demnach machen 79 Prozent der Firmen mit Auslandsumsätzen die Erfahrung, dass ihre internationalen Kunden zuerst darauf achten, dass ein deutsches Unternehmen den Produktionsprozess verantwortet. Erst dann kommt mit 63 Prozent die tatsächliche Herstellung der Produkte oder Dienstleistungen in Deutschland.

Auch Jimdo punktet in seinem wichtigen Wachstumsmarkt Japan mit dem Label „German Engineering“, berichtet Christian Springub. „Das ist ein Qualitätsmerkmal, das die japanischen Konsumenten schätzen.“ Der Vorteil ist zugleich Verpflichtung: Die Kunden erwarten dann eben auch premium. Für Mathis Menzel bedeutet das, dass seine Lieferanten genauso gute Arbeit abliefern müssen wie ­seine eigenen Leute. Die je nach Produkt zwischen zehn und 30 Zulieferer sind genauso ­international wie der Kundenstamm: Bauteile kommen aus Südkorea, China, Taiwan, Italien, Spanien oder Polen. Auch das liegt im Trend: Knapp die Hälfte aller mittelständischen Unternehmen kaufen Produkte oder Dienst­leistungen im Ausland ein. So nutzen sie die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung.

Das Fazit der Studie: Der Mittelstand fühlt sich auf seinen Auslandsmärkten gestärkt und wettbewerbsfähig. 83 Prozent der Unternehmen glauben, dass die Qualität ihrer Produkte höher ist als die der internationalen Wettbewerber – das sind fast zehn Prozent mehr als vor sechs Jahren. Etwas kritischer fällt die Selbsteinschätzung aus, wenn es um Marketing und Vertrieb geht. Die Hälfte der Befragten findet die Vermarktung von Produkten und Dienstleistungen nur durchschnittlich gut. „Die besten Maschinen nützen nichts, wenn man sie nicht verkauft bekommt“, sagt auch Mathis Menzel. Deshalb gründet er Tochter­gesellschaften im Ausland, um die Betreuung der Kunden zu verbessern. Und deshalb fährt der Chef selbst nach Südamerika, wenn es um Aufträge geht. Dafür hat er schließlich Spanisch gelernt.

 

cover_110 Aus dem impulse-Magazin 05/2013
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