Management „Extremisten gibt es überall“

Osama Saleh, Investitionsminister in Ägypten

Osama Saleh, Investitionsminister in Ägypten

In der Nacht zum Mittwoch sind in Ägypten erneut tausende Menschen auf die Straße gegangen. Das Militär warnt bereits vor einem Zusammenbruch des Staates. Die rund 80 deutschen Unternehmen im Land sehen einer ungewissen Zukunft entgegen. Bei einem Blitz-Besuch in Berlin warb Präsident Mursi um Vertrauen. Impulse sprach mit seinem mitgereisten Investitionsminister Osama Saleh über die Lage.

Berlin-Mitte am Mittwoch. Mehrere Polizeikolonnen mit ägyptischen Kabinettsmitgliedern rasen von Termin zu Termin. Nach den Krawallen am wirtschaftlich wichtigen Suez-Kanal verkürzte Präsident Mursi seinen Deutschland-Besuch und sagte eine Reise nach Paris ganz ab. Er wollte schnell zurück nach Ägypten, wo wieder Barrikaden brennen und die Opposition den Druck auf die Regierung erhöht. Kurz bevor Mursi im Kanzleramt Angela Merkel traf, stellte sich sein Investitionsminister Osama Saleh den Fragen von impulse. Der Minister bittet die deutschen Firmen um Geduld – die Revolution sei noch jung.

impulse: Herr Minister, Microsoft-Gründer Bill Gates hat kürzlich als Kopf einer Investorengruppe eine Milliarde Dollar in Ägyptens Wirtschaft investiert – eine seltene Ausnahme. Viele Unternehmer sind eher verunsichert, wie es angesichts des Ausnahmezustandes weitergeht und halten es für keine gute Idee in Ägypten zu investieren.

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Osama Saleh: Warum sagen Sie, das sei keine gute Idee? In Ägyptens langer Geschichte haben wir viele Umbrüche erlebt und sind stets gestärkt aus ihnen hervorgegangen. Die Revolution ist erst zwei Jahre alt und wir haben schon viele Meilensteine geschafft: der erste frei gewählte Präsident in der Geschichte, ein Mehrparteien-System, das Recht auf Meinungsäußerung. Die Leute nutzen das eben auch, wenn sie unzufrieden sind und demonstrieren. Die Leute hatten sehr, sehr hohe Erwartungen. Diese Träume waren nicht immer realistisch.

Die Revolution wurde von vielen jungen Menschen getragen, die teils sehr gut ausgebildet sind und trotzdem keine Arbeit fanden. Heute ist die Arbeitslosenquote höher als zu Zeiten Mubaraks. Viele Fachkräfte verlassen Ägypten und gehen in die Golfstaaten.

Nichts passiert über Nacht. Wir werben jetzt um Unternehmen und Touristen, damit beide zurückkommen. Außerdem haben wir eine Reihe von Programmen für lokale Kleinunternehmer und Gründer aufgelegt. Diese schaffen bereits neue Jobs. Wir fördern unsere Jugend, so dass sie eher selbst Jobs kreiert als nach Jobs sucht.

Wie sieht es mit den dringend notwendigen Investitionen in die Infrastruktur aus?

Allein in den Ausbau des Hafens East Port Said am Suezkanal fließen vier Milliarden Dollar. Dort entstehen 500 000 neue Jobs und eine der wichtigsten Handelsstationen des Mittelmeeres. Wir investieren auch in neue Straßen, moderne Kraft- und Wasserwerke.

Deutsche Manager sind häufig frustriert über die langsame Bürokratie und Korruption in Ägypten. Viele Behörden seien zurzeit nur an wenigen Stunden des Tages geöffnet. Das macht es Investoren nicht gerade leicht.

Also ich arbeite sieben Tage die Woche durch (lacht). Ich gebe Ihren Lesern einen Tipp: Der beste Ansprechpartner für jedes deutsche Unternehmen ist die Investitionsagentur Gafi. Die Mitarbeiter helfen bei allem. Und die Regierung verbessert die allgemeinen Investitionsbedingungen.

Trotzdem: Der Reformstau ist nach wie vor lang.

Ja, es gibt verschiedene Herausforderungen. Der Staatshaushalt, die gestiegene Arbeitslosigkeit, vor allem die Armut. Dafür arbeiten wir auch mit dem Internationalen Währungsfonds zusammen.

Viele deutsche Mittelständler sind in Ägypten mit Fabriken präsent. Beeinträchtigen die aktuellen Proteste die Produktion im Land?

Teils ja. Deshalb wachsen wir ja nicht so schnell wie wir wollen. Statt um sechs oder sieben Prozent, wie wir es müssten, um ausreichen neue Arbeitsplätze zu schaffen, sind es nur um die zwei Prozent. Darum sind die Leute ja auch unzufrieden. Wir bitten einfach die Bürger, aber auch die Investoren um etwas Geduld. Nach der Revolution in Ostdeutschland hat die Entwicklung auch einige Jahre gedauert.

Es gab Berichte, dass Teile der Muslim-Bruderschaft es Frauen verbieten wollen, einer Arbeit nachzugehen.

Wissen Sie, einzelne Extremisten gibt es überall auf der Welt, das hat nichts mit der Regierungspolitik zu tun und entspricht nicht der ägyptischen Kultur. Sehen Sie! (er deutet auf seine Pressesprecherin). Mehr als 60 Prozent der Arbeiter etwa in der Textilindustrie sind weiblich.

Tourismus ist weiterhin einer der wichtigsten Wirtschaftszweige. Jetzt sehen die Europäer die Bilder von den Krawallen in den Nachrichten…

…das ist genau das Problem! Sharm el Sheikh und Hurghada sind sehr weit weg von den aktuellen Ereignissen. Dort ist alles ruhig! Die Proteste beschränken sich auf einige wenige Straßen und Plätze in großen Städten.

Interview: Felix Wadewitz

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