Management Fluch und Segen des neuen Exportschlagers Strom

Stromkosten: Vor allem bei der Ökostrom-Umlage bestehen Kompromisschancen.

Stromkosten: Vor allem bei der Ökostrom-Umlage bestehen Kompromisschancen.© focus finder / fotolia

Der Atomausstieg produziert seltsame Effekte. Der Export von Strom klettert trotz acht abgeschalteten Atomkraftwerken so stark wie seit 2008 nicht mehr. Aber immer öfter muss Strom ins Ausland verschenkt werden - und die Bürger müssen durch den Effekt sogar mehr bezahlen.

Für Jochen Stay ist der Fall klar. „Deutschland hat massive Überkapazitäten in der Stromerzeugung. Deshalb fordern wir eine deutliche Beschleunigung beim Atomausstieg“, meint der Sprecher der Anti-Atombewegung „ausgestrahlt“. Auftrieb geben ihm Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Sie bestätigen: Die Energiewende macht Deutschland immer mehr zum Stromexport-Meister. Trotz der Stilllegung von acht Atomkraftwerken gibt es an vielen Tagen zu viel statt zu wenig Strom im Netz.

Deutschland hat 2012 netto so viel Strom in das Ausland verkauft wie zuletzt 2008, als noch 17 Atomkraftwerke liefen. Doch ganz so einfach, wie Stay es darstellt, ist der Fall nicht. Der Jubel bei den Energieversorgern hält sich jedenfalls in engen Grenzen. Obwohl Deutschland im vergangenen Jahr einen Strom-Handelsüberschuss von 1,4 Milliarden Euro erwirtschaftete, verbrennen sie wegen der schwer kalkulierbaren Erzeugung von Wind- und Solarstrom mit ihren Kraftwerken auch Geld.

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Plastisch ausgedrückt verkaufte Deutschland netto 2012 die Stromproduktion von über zwei großen Atommeilern an die Nachbarn, vor allem an die Niederlande, Österreich und die Schweiz. Zwar konnte die Stilllegung von acht Atomkraftwerken 2011 nach der Katastrophe im japanischen Fukushima aufgefangen werden; Warnungen vor Engpässen erweisen sich als unbegründet. Auch massenhafte Atomstromimporte aus Frankreich oder Tschechien sind an den meisten Tagen nicht notwendig. Aber der überraschend hohe Überschuss hat auch Schattenseiten.

Stromspeicher Hauptknackpunkt der Energiewende

Beispiel 24. März. Zum ersten Mal wurden an diesem Tag negative Preise „in signifikanter Höhe zur Mittagszeit beobachtet“, hat der Energieexperte Marco Nicolosi vom Beratungsunternehmen Ecofys in einer Studie für den Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) ermittelt. Das bedeutet, es mussten gegen 14 Uhr rund 50 Euro pro Megawattstunde von deutschen Versorgern drauf gezahlt werden, damit das Ausland den überschüssigen Strom abnahm – in der Spitze waren es sogar bis zu 200 Euro. Im Jahresverlauf 2012 registrierte die europäische Strombörse EPEX Spot an 15 Tagen solche negativen Strompreise – das Phänomen kann wegen des Ökostrom-Booms zunehmen. Ohne Stromspeicher droht hier ein Hauptknackpunkt der Energiewende.

„Es ist grundsätzlich zu erwarten, dass sich bei hohen Anteilen Solarenergie zur Mittagszeit negative Preise einstellen können, für das Jahr 2013 kommt dies jedoch überraschend“, betont Nicolosi mit Blick auf den 24. März, übrigens ein Sonntag. Generell gilt, dass bei einer hohen Einspeisung bei geringer Nachfrage negative Strompreise entstehen können. Für den 24. März gab es eine zu geringe Vortagsprognose zur Einspeisung erneuerbarer Energien – dadurch waren zu viele Kohle- und Atomkraftwerke am Netz, die in der Regel nicht einfach mal eben schnell heruntergefahren werden können.

An Solarenergie wurden für den 24. März laut Nicolosi 11 900 Megawatt (MW) vorhergesagt, tatsächlich waren es dann aber mittags 14 100. Für Windenergie ging man laut Wetterprognosen von 15 900 MW aus, es waren aber 16 900.

Die je nach Wetter stark schwankende Ökostromeinspeisung macht es immer komplizierter, die als Ergänzung notwendige konventionelle Kraftwerksproduktion abzuschätzen, moniert der BDEW. „Die schwankende Erzeugung aus erneuerbaren Energien führt viel früher zu solch negativen Effekten als bislang allgemein angenommen wurde“, sagt ein Sprecher. Es fehle ein Rezept zur bedarfsgerechten Einspeisung erneuerbarer Energien.

Gaskraftwerke immer unrentabler

Gerade die teureren Gaskraftwerke werden so immer unrentabler, Eon denkt laut über ein Aus für das hochmoderne Gaskraftwerk Irsching (Bayern) nach, wo erst 2010 ein 845-Megawatt-Block ans Netz ging. Doch genau diese Kraftwerke werden als Ersatz für die Atomkraftwerke bei wenig Sonne und Wind gebraucht. Sonst droht der Energiewende wegen vielen Kohlekraftwerken ein klimapolitisches Nullsummenspiel – die CO2-Emissionen könnten sogar dauerhaft steigen.

Und der Verbraucher hat von dem hohen Überschuss auch kaum etwas, eher im Gegenteil. Zwar senken die erneuerbaren Energien – der Ökostrom-Anteil lag 2012 bereits bei 23 Prozent – die Einkaufspreise deutlich für Strom. Aber so paradox es klingen mag: Genau durch diesen Effekt drohen den Bürgern weiter steigende Strompreise. Grund ist die Berechnungsgrundlage der Erneuerbare-Energien-Umlage, die allen Verbrauchern auf den Strompreis aufgeschlagen wird.

Gibt es negative Strompreise, wächst die Differenz zu den auf 20 Jahre garantierten Einspeisevergütungen deutlich – dadurch steigt die Umlage. Jetzt schon zahlt ein Drei- oder Vier-Personen-Haushalt mit einem Verbrauch von 3500 Kilowattstunden netto 185 Euro nur für die Ökostrom-Vergütungen. Fallen die Börsenstrompreise weiter – und sind an einzelnen Tagen sogar negativ – dürften die Ökostromkosten im kommenden Jahr die 200-Euro-Grenze pro Haushalt locker überschreiten.

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