Management Modernes Büro, uralte Regeln: Warum Unternehmer koschere Arbeitsplätze in Tel Aviv bieten

Ultra-orthodoxe Jüdinnen dürfen nur arbeiten, was ihnen ihr Mann erlaubt - Kontakt zu anderen Männern ist verboten, Kinder und Familie gehen vor. In Tel Aviv bekommen sie dennoch eine Chance.

Die drei Frauen lächeln erst, erschrecken dann, huschen um die Ecke und aus dem Blickwinkel der Kamera. Sie arbeiten mitten im modernen Leben, in einem der Glastürme Tel Avivs, aber sie folgen uralten Regeln – und sie wollen auf keinen Fall auf ein Foto, das fremde Menschen sehen können. Die drei jungen Frauen sind Haredim: ultra-orthodoxe Jüdinnen. Dass sie hier, einige Kilometer von Familie und Ehemann entfernt Geld verdienen können, ist ungewöhnlich.

Nili Davidovitz hat es möglich gemacht. Die 47-Jährige beschäftigt in ihrer Firma DAAT fast nur Frauen, alle sind Haredim wie sie selbst. Doch Davidovitz ist relativ modern, hat studiert und Karriere gemacht. „Meine Freundinnen konnten nicht tun, was ich tat, obwohl sie Talent hatten“, erinnert sie sich, „das fand ich ungerecht“ So gründete sie DAAT. 36 Frauen arbeiten bei ihr. Sie entwickeln Webseiten, haben Informatik studiert, tragen Kopftuch und haben bis zu sechs Kinder.

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Wo Frauen in anderen Ländern die Balance zwischen Arbeit und Familie zu finden versuchen, müssen ultra-orthodoxe Jüdinnen auch noch die moderne Welt und ihre Religion in Einklang bringen. Bei den Haredim ist der Mann mit dem Studium des Talmuds beschäftigt. Die Frauen bekommen Kinder und ernähren die Familie. Doch nur fünfzig Prozent der Haredim-Frauen arbeiten, und sie verdienen rund ein Drittel weniger als nicht-religiöse Frauen. Die strengen Glaubensregeln machen es ihnen schwer, Arbeit zu finden.

Männer haben selten Zutritt

Bei DAAT können sie sich an diese strengen Regeln halten. Hier wirkt zwar alles wie in jedem anderen Großraumbüro auch: Auf den Schreibtischen stehen Computer, auf manchem eine Flasche Saft, auf einem anderen liegt ein Block mit bunt markierten Notizen. Doch der Kartenleser an der Tür zu den Büroräumen der Firma lässt nur wenige Menschen durch. Männer haben selten Zutritt. Die Mikrowellen in der Küche sind ganz koscher nach Fleisch- und Milchgerichten getrennt.

Und: „Wenn sich eine Frau bei einer Aufgabe unwohl fühlt, muss sie es nicht tun“, betont Davidovitz. So arbeitet DAAT an dem Webauftritt eines Einkaufszentrums. Die Webseite soll geschmückt werden mit Bildern attraktiver Menschen. Das bedeutet: knappe Röcke, tiefe Ausschnitte, lachende Pärchen. Manche der Frauen bei DAAT wollen so etwas nicht sehen.
„Dann ersetzen wir die Bilder durch Blumenmotive“, sagt Davidovitz, „die werden dann zum Schluss von weniger strenggläubigen Frauen wieder ausgetauscht.“

Auf keinen Fall aber würde DAAT pornografische Webseiten erstellen, auch für McDonald’s arbeiten sie nicht, denn die bieten unkoscheres Essen an. „Wir machen nichts, das den jüdischen Gesetzen widerspricht“, betont Davidovitz. Und wenn sie sich bei einem Auftraggeber mal nicht sicher ist, fragt sie ihren Rabbi.

Firmen wie DAAT werden immer wichtiger für Israel

Doch bevor sie vor vier Jahren die ersten Haredim-Frauen einstellen konnte, kamen die Ehemänner und Väter. Sie schauten sich das Büro an, wollten sicher gehen, dass ihre Frauen und Töchter hier nicht mit fremden Männern in Kontakt kommen. „Doch“, widersprach Davidovitz, „aber sie werden nur über die Arbeit reden.“ Immer wieder rufen nun Männer an, die nach einem Job für ihre Frau oder Tochter fragen. Bei Davidovitz – das wissen sie – ist alles koscher. „Ich verstehe diese Leute“, sagt sie selbst.

Firmen wie DAAT könnten immer wichtiger für Israel werden. Knapp zehn Prozent der israelischen Bevölkerung sind Haredim. Sie bekommen die meisten Kinder, ihr Anteil wächst. Firmen wie DAAT integrieren die oft abgeschotteten Gemeinschaften in die moderne Welt des Hightech-Landes Israel. Davidovitz ist auch das wichtig: „Die Menschen sehen die Haredim arbeiten, lachen, sie sehen, die sind ganz normal.“

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