Management Georgien – Im Osten was Neues

Keine Korruption, kaum Bürokratie und Rundumservice für Unternehmer - Georgien hat in den vergangenen Jahren so viele Reformen umgesetzt wie kein anderes Land. Das lockt Firmen an.

Georgiens Mittelständler des Jahres heißt Burkhard Schuchmann. Der war mal Vorstandschef von Vossloh. Vor vier Jahren verließ der Westfale die Welt der Weichen und Lokomotiven, um Winzer zu werden. Im georgischen Kisiskhevi. Und das so erfolgreich, dass Schuchmann Wines 2011 vom Wirtschaftsministerium zum „Besten mittelständischen Unternehmen“ gekürt wurde.

Von seinem Château blickt Schuchmann auf die mächtigen Gipfel des Kaukasus. Und erzählt: „Georgien ist die Wiege der Weinkultur.“ Nicht allein deshalb zog es ihn hierher. „Ich kenne keinen Platz auf der Welt, wo es für Mittelständler noch einfacher wäre zu investieren.“ Keine Korruption, kaum Bürokratie und ein Rundumservice für Unternehmer.

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Tatsächlich kann weltweit kein Land größere Erfolge beim Abbau von Hürden für Firmen vorweisen. Im Doing-Business-Ranking der Weltbank kletterte Georgien seit 2004 fast 100 Plätze nach oben. Der Index zeigt, wie leicht es in einem Land ist, Geschäfte zu machen. Inzwischen steht Georgien weltweit auf Rang 16, zwei Plätze vor Deutschland.

Was für eine Entwicklung. Noch in den 90er-Jahren tobte in Georgien Bürgerkrieg, die frühere Sowjetrepublik versank im Chaos. In der Hauptstadt Tiflis gab es keinen Strom, keine Heizung, kaum etwas zu essen. Dann kam der Frieden und 2003 die unblutige sogenannte Rosenrevolution.

Buhlen um Investoren

Seitdem wandelt sich Georgien rasant. In Tiflis sind die Straßenzüge saniert, entstehen überall neue Hotels und Bürohäuser, Kunstgalerien und Nachtklubs. „Wir haben keine Rohstoffe, um die Investoren zu locken“, sagt Keti Bochorischwili, Leiterin der Nationalen Investitionsagentur GNIA. „Wir müssen also bessere Rahmenbedingungen bieten als alle anderen Länder der Region, um einen Wettbewerbsvorteil zu haben.“ Die 29-Jährige gehört zur Generation junger georgischer Politiker, die wissen, wie die westliche Marktwirtschaft funktioniert. Wie die meisten vom Präsidenten Michail Saakaschwili eingesetzten georgischen Minister und Topbeamten hat auch Bochorischwili jahrelang im Ausland studiert und gearbeitet. „Wir wollen dieses Land modernisieren“, sagt die GNIA-Chefin. „Das geht nur, wenn wir ausländisches Know-how nach Georgien holen.“ Den Investoren wird deswegen der rote Teppich ausgerollt.

So etwas spricht sich herum. Erst langsam, nun immer schneller. Als Uta Beyer 2009 die Leitung der Deutschen Wirtschaftsvereinigung Georgien (DWVG) in Tiflis übernahm, „da wollte sich vielleicht ein deutsches Unternehmen im Monat über das Land informieren“. Jetzt bekommt sie eine Anfrage pro Tag. Die deutschen Exporte nach Georgien legten 2011 im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent zu.

Von der Dachterrasse seines Büros blickt Michael Hampel auf die Dächer von Tiflis. Überall sind Kräne und Baugruben zu sehen. Auf dem anderen Ufer des Mtkvari, der mitten durch die Millionenmetropole fließt, ragt die gläserne Kuppel des neuen Präsidentenpalasts in den Himmel. Das Bauwerk erinnert an das Berliner Reichstagsgebäude. Hampel freut sich über den Bauboom. Er ist der Geschäftsführer von Heidelberg Cement, hat 200 Mio. Euro in Georgien investiert. Mit drei Zementwerken ist der Konzern der größte ausländische Investor im Land. In diesem Jahr hoffen die Deutschen, ihre Kapazitäten von 1,8 Millionen Tonnen Zement pro Jahr voll auslasten zu können.

„Ich war nicht mal vier Wochen im Land, da hat mich das Büro des Ministerpräsidenten angerufen, um sich über meine Fortschritte zu informieren“, sagt Hampel. In etwa anderthalb Jahren habe er vier- bis fünfmal den Assistenten des Ministerpräsidenten getroffen, der für die Betreuung ausländischer Firmen zuständig ist. „Wer Probleme hat, kann innerhalb einer Woche beim Ministerpräsidenten vorsprechen.“

Für die Baustoffbranche ist Georgien das gelobte Land. Die Regierung treibt den Bau von Autobahnen und Eisenbahnstrecken, Hafenanlagen und Flughäfen an. Georgien soll zur Logistikdrehscheibe der ganzen Region ausgebaut werden. Außerdem will Tiflis ein Dutzend neuer Wasserkraftwerke bauen, um den Strom zu exportieren. Auch nach Europa.

„Besonders im Baustoffsektor gibt es für deutsche Unternehmen großartige Wachstumschancen“, bestätigt Uta Beyer von der DWVG. Auch Logistik, Tourismus, Textil- und Nahrungsmittelproduktion boomen. Die Regierung hat am Schwarzen Meer Touristiksonderzonen eingerichtet, in denen Investoren auf Jahre von jeglichen Abgaben befreit sind. Und es gibt weitere Vorteile: „Die Löhne sind niedrig, niedriger als in der Türkei. Die Leute sind relativ gut ausgebildet, zuverlässig und leistungsbereit, sie arbeiten, wenn nötig, auch am Samstag. Und man kann sie auch problemlos entlassen.“

Russland taut auf

Sogar in der Dauerfehde mit dem übermächtigen Nachbarn Russland, der 2008 mit Panzern bis ins Landeszentrum vorstieß, stehen die Zeichen auf Entspannung. Georgien stimmte dem WTO-Beitritt Russlands zu und schaffte Einreisevisa für russische Besucher ab. Nun ist die russische Seite am Zug. Hebt Moskau die Importverbote für georgische Produkte auf, die seit 2007 gelten, dürfte Georgien einen weiteren Wachstumsschub erleben.

Was Georgien so viel besser als andere Länder macht, lässt sich in Rustavi erleben, einer Bezirkshauptstadt 30 Kilometer südöstlich von Tiflis. Zwischen hässlichen Plattenbauten stehen drei gläserne Kuben, in einem befindet sich die neu eröffnete Public Service Hall. Das Markenzeichen des Dienstzentrums sind freundlich lächelnde Empfangsdamen, die die Kunden an die richtigen Mitarbeiter weiterleiten. Ein deutscher Unternehmer kann es kaum glauben: „Früher waren die Leute Bittsteller, den Launen der Angestellten ausgeliefert. Heute sind die Angestellten da, um uns zu dienen.“

Bis 2014 soll es im Land 14 solche Dienstzentren geben, für simple Angelegenheiten ist sogar ein Drive-through-Schalter geplant, wie bei McDonald’s. „Wir bieten 250 verschiedene Leistungen an einem Platz, die früher über verschiedene Behörden und Ministerien verteilt waren“, sagt Givi Chanukvadse, Leiter des öffentlichen Dienstzentrums. Die Bürger können hier Unternehmen gründen und ins Handelsregister eintragen, Immobilien veräußern und ins Grundbuch schreiben lassen, Geburts- oder Heiratsurkunden erhalten. Innerhalb von wenigen Minuten werden die Dokumente ausgestellt. Für einen Pass muss man eine Stunde warten, eine Firmengründung samt Eintragung ins Handelsregister kann binnen zwei Stunden erledigt sein.

Die staatliche Bürokratie wurde entschlossen ausgemistet – rund 70 Prozent der Lizenzen und 90 Prozent der Genehmigungen sind abgeschafft – und es wurde für Transparenz gesorgt. „Alle öffentlichen Ausschreibungen kann ich online abrufen“, berichtet ein Unternehmer. Außerdem gibt es heute nur noch sechs Steuerarten, die Steuerbelastung ist die siebtkleinste weltweit. Die Unternehmenssteuer liegt bei 15 Prozent. „Wir haben eine Mitarbeiterin, die sich um die Steuer kümmert“, sagt Michael Hampel vom Baustoffhersteller Heidelberg Cement, der 1100 Menschen beschäftigt. „In Deutschland bräuchte man dafür eine ganze Abteilung.“

Die einst notorische Korruption gehört in Georgien der Vergangenheit an. Präsident Saakaschwili hat 2004 rund 40.000 Polizeibeamte fristlos entlassen, die Gesetzeshüter galten als besonders korrupt. Dann stellte er junge Leute ein, die von US-Experten ausgebildet wurden, und erhöhte deren Gehalt. Sie mussten in neue, voll verglaste Gebäude umziehen, die staatliche Transparenz symbolisieren sollen. Der Erfolg hat selbst die internationalen Experten überrascht: 84 Prozent der Georgier vertrauen heute der Polizei, vor sieben Jahren waren es gerade zehn Prozent. Nur noch in Finnland gelten die Beamten als weniger korrupt.

Die neue Polizei nahm sofort den Kampf gegen die organisierte Kriminalität auf. Mafiabosse wurden vor Gericht gestellt, einige flohen nach Russland. In fünf Jahren ist die Zahl der bewaffneten Raubüberfälle um 80 Prozent gesunken. „Tiflis ist sicherer als Heidelberg oder Mannheim“, sagt Hampel. „Hier kann man das Auto abstellen, ohne es abzuschließen.“

Drehscheibe im Kaukasus

All das macht es leichter, Mitarbeiter nach Georgien zu entsenden. Der Elektrogerätekonzern Bosch eröffnete neulich ein Regionalbüro für den gesamten Südkaukasus in Tiflis. Und die Commerzbank hat ihren Sitz von Aserbaidschan nach Georgien verlegt. „Wegen seiner Lage kann Georgien als Standort für den ganzen Südkaukasus dienen“, sagt Boris Gamrekeli.

Chemie-Ingenieur Gamrekeli ist Geschäftsführer von Caparol. Der Farbenhersteller hat 1998 die ersten Farben nach Georgien verkauft. 2008 eröffnete das Unternehmen aus Ober-Ramstadt ein vollautomatisches Werk neben dem Flughafen von Tiflis, in dem derzeit 3000 Tonnen Farbe pro Jahr produziert werden. „Wir hätten diese Menge allein in Georgien nicht verkaufen können“, sagt Gamrekeli. Doch das ist gar nicht nötig. „Mit georgischen Ursprungszertifikaten können wir unsere Farben sowohl nach Aserbaidschan als auch nach Armenien zollfrei exportieren.“

Wegen des Konflikts zwischen Armenien und Aserbaidschan um Bergkarabach ist die Grenze zwischen den beiden Staaten geschlossen. Georgien fungiert für beide als Vermittler und Zwischenhändler und profitiert davon, dass es einen Zugang zum Schwarzen Meer hat.

Trotz aller Fortschritte: Georgien ist immer noch ein Land im Umbruch. Die Infrastruktur mutet Geschäftsreisenden viel zu. Der Abbau der Armut, vor allem auf dem Land, kommt in manchen Regionen kaum voran. Und Defizite bei Demokratie und Meinungsfreiheit sorgen immer wieder für Kritik. „Aber die Richtung, die das Land eingeschlagen hat, die stimmt“, sagt Archil Jvania.

Der Georgien-Chef des Babynahrungsherstellers Hipp ist auch in Deutschland aufgewachsen, wohin sein Vater ins Asyl geflohen war. „In den 90er-Jahren sind die besten Leute vor dem Krieg ins Ausland geflüchtet“, sagt Jvania. „Nun kommen einige wieder zurück, um die neuen Chancen zu Hause zu ergreifen.“

Das Land profitiert von den Erfahrungen, die die Rückkehrer im Ausland gesammelt haben. Und die sorgen so dafür, dass es in Georgien keine Rückkehr zu den alten Verhältnissen geben wird. „Egal wer künftig an die Macht kommt: Das Volk will Demokratie des westlichen Typs“, sagt Jvania. „Es ist erstaunlich, dass sich das Land nach 90 Jahren Sowjetherrschaft so schnell so tief greifend verändert hat.“

Noch viel weiter in die Vergangenheit zurück geht Burkhard Schuchmann, der westfälische Winzer in Kisiskhevi. 250.000 Flaschen füllt er jedes Jahr ab. Einen Teil davon stellt er nach einer uralten Methode her, bei der er riesige Tonamphoren einsetzt. „Die Qvevri-Weine sind etwas ganz Besonderes“, sagt er. Die Amphoren, die zwischen 500 und 3300 Liter fassen, sind bis zum Hals in der Erde eingegraben.

Die Unesco erwägt, die Produktionsmethode als Kulturerbe der Menschheit anzuerkennen. „Das dürfte den georgischen Wein weltweit bekannt machen“, schwärmt Schuchmann.

Besuch vom Präsidenten

Letztens, als Schuchmann ein neues Château eröffnete, das neben acht Hotelzimmern auch ein Restaurant beherbergt, kam Georgiens Präsident Michail Saakaschwili. Dem hat Schuchmann gleich zum Wandel in seinem Land gratuliert. Besonders eine von dessen neuen Regeln hat es Schuchmann angetan: „Wenn Sie etwas beantragt haben, aber innerhalb von vier Wochen keinen Bescheid bekommen, gilt das als genehmigt.“

Handbuch für Georgien
Wo gibt es Informationen für Unternehmer? Wer hilft beim Markteintritt? Welche Messen lohnen sich? impulse beantwortet die wichtigsten Fragen
Visa Für einen Aufenthalt in Georgien brauchen deutsche Staatsangehörige kein Visum. Erst nach 360 Tagen im Land muss es beantragt werden. Mit dem eigenen Auto darf man allerdings höchstens 20 Tage in Georgien bleiben. Weitere Infos bei der georgischen Botschaft in Deutschland. www.germany.mfa.gov.ge
Organisationen und Netzwerke Die Deutsche Wirtschaftsvereinigung Georgien besteht aus 60 deutschen und georgischen Unternehmen. www.dwvg.geDie Investmentagentur Georgian National Investment Agency unterstützt beim Markteintritt. www.investingeorgia.org

Der Ost- und Mitteleuropa Verein informiert über die Region und organisiert regelmäßig Unternehmerreisen. www.o-m-v.org

EU-Georgia Business Council Die nicht staatliche Organisation mit Sitz in Brüssel unterstützt Firmen aus der EU beim Markteintritt. www.eugbc.net

Weitere Ansprechpartner finden sich auf der Plattform www.investmentguide.ge

Messen und Kongresse Die bedeutende Baumesse Caucasus Build findet vom 16. bis 19. Mai in Tiflis statt. www.expogeorgia.geVom 16. bis 21. Mai finden „Deutsche Tage“ in Tiflis statt mit einer Expo deutscher Unternehmen am 16. Mai, organisiert von der DWVG und der Botschaft. www.dwvg.ge

Ein Überblick über weitere wichtige Messen in Georgien findet sich auf der Seite www.expogeorgia.ge

Die IHK Aschaffenburg veranstaltet einen Wirtschaftstag Georgien am 19. Juni. www.aschaffenburg.ihk.de

Zoll Teppiche und Antiquitäten dürfen nicht ohne Genehmigung aus Georgien mitgenommen werden. Infos auch beim Auswärtigen Amt. www.auswaertiges-amt.de

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