Management Gerhard Cromme, der Strippenzieher bei ThyssenKrupp

Manche nennen ihn "Mister Teflon". Denn am mächtigen Aufsichtsratschef von ThyssenKrupp prallen viele Vorwürfe ab: Korruptionsvorwürfe gegen das Unternehmen und Kartellabsprachen fallen in seine Amtszeit. Crommes Macht wird durch die Kritik seiner Gegner nicht geschmälert.

Die Bilanz fällt ernüchternd aus: Bei ThyssenKrupp seien Seilschaften und blinde Loyalität oft wichtiger gewesen als unternehmerischer Erfolg, beklagt Heinrich Hiesinger. Der ThyssenKrupp-Chef selbst muss die Verantwortung für diese Entwicklung nicht übernehmen, er wechselte erst 2011 an die Spitze des größten deutschen Stahlkonzerns.

Zu der Zeit war ein Manager bereits seit zehn Jahren Aufsichtsratschef, der als einer der mächtigsten Strippenzieher in der deutschen Wirtschaft gilt, der im Auftrag der Bundesregierung Regeln für transparente Unternehmensführung ausarbeitete, der Konflikten nicht aus dem Weg geht – und der sich nun auch Fragen nach seinem Handeln bei ThyssenKrupp gefallen lassen muss: Gerhard Cromme.

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Der hochgewachsene, bald 70-jährige Manager, das graue Haar akkurat gescheitelt, mit randloser Brille und meist einem zweireihigen Anzug angetan, kontrolliert Konzerne, die die ökonomischen Geschicke der Republik prägen: Er sitzt im Aufsichtsrat des Springer-Konzerns, bei ThyssenKrupp und Siemens führt er das Kontrollgremium an.

Und von den Erfahrungen des Managers bei Siemens, sagen Anhänger Crommes, könne nun auch ThyssenKrupp profitieren. Auch Siemens wurde von zahlreichen Affären erschüttert. Cromme rückte 2007 als Nachfolger der Siemens-Ikone Heinrich von Pierer an die Spitze des Siemens-Aufsichtsrats, er installierte zudem Konzernchef Peter Löscher.

Danach brachte er Hiesinger zu ThyssenKrupp – und der Vorstandschef will nun Vertrauen und Glaubwürdigkeit „zurückverdienen“. Werte, die auch Cromme stets hochhält. Trotzdem wurde ThyssenKrupp von Kartellabsprachen, Korruptionsvorwürfen, Milliarden-Abschreibungen, Schadenersatzforderungen, einem Streit zwischen dem Aufsichtsrat und ehemaligen Managern sowie Vorwürfen um üppige Presse- und Privatreisen erschüttert. Cromme, so argumentieren Aktionärsschützer, habe von diesen Vorgängen wissen müssen. Habe er nicht darum gewusst, habe er Kontrollpflichten nicht erfüllt.

Cromme sieht das anders, er hat das frühere Management in die Verantwortung genommen. Der Aufsichtsrat schasste drei Vorstände – darunter Jürgen Claassen, einen engen Vertrauten Crommes.

Der bei ThyssenKrupp bestens verdrahtete Cromme selbst bleibt im Amt, die Vorwürfe prallen an „Mister Teflon“ ab, wie ihn Kritiker nennen. Cromme kann dabei auf die Unterstützung der Arbeitnehmer setzen. „Die von Herrn Dr. Cromme eingeleiteten Prüfungen und Untersuchungen sind richtig und notwendig“, befanden deren Vertreter im Aufsichtsrat. „Die vollständige Aufklärung der Sachverhalte und der konkreten Verantwortlichkeiten der ehemaligen Vorstandsmitglieder ist unabdingbar“, heißt es in einer Erklärung der Arbeitnehmervertreter weiter.

Von einer Verantwortung auch des Aufsichtsrats ist nicht die Rede. „Für Herrn Cromme hat es eine breite Unterstützung im Aufsichtsrat gegeben“, bilanziert auch Hiesinger. Cromme wird nun also weiter – wie bei Siemens – als Aufklärer antreten können.

Einfluss der mächtigen Krupp-Stiftung gewachsen

Doch das Wirken des 1943 in Vechta geborenen Cromme bei ThyssenKrupp war auch schon vor Jahren nicht nur mit Applaus bedacht worden. Vor allem Kleinaktionäre hatten moniert, dass ausgerechnet unter seiner Aufsicht der Einfluss der mächtigen Krupp-Stiftung, die als Bollwerk gegen eine feindliche Übernahme gilt, massiv ausgebaut wurde. „Ausgerechnet mit Unterstützung von Gerhard Cromme ist es gelungen, den Großaktionären Sondervorteile zuzuschanzen“, hatte die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger Cromme ins Stammbuch geschrieben. Doch die Stiftung könnte für Cromme auch weiter eine Rolle spielen.

Der Vorsitz der Stiftung könnte die Karriere des Niedersachsen zumindest im Ruhrgebiet krönen. Vor einem Jahr hatte Konzernlegende Berthold Beitz bei der Feier zum 200-jährigen Jubiläum des Krupp-Konzerns, der 1999 mit Thyssen fusioniert hatte, deutlich gemacht, dass er sich Cromme als Nachfolger an der Spitze der Stiftung wünscht.

Der Patriarch dankte Cromme mehrfach für bisherige Zusammenarbeit. Er wisse, dass dieser sich auch weiter dem Unternehmen verpflichtet fühle. Cromme entgegnete damals, es sei noch immer gelungen, „aus Fehlern zu lernen, Tiefs zu überwinden und neue Maßstäbe für die Zukunft zu setzen“.

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