Management Hochtechnologie statt sexy und cool

Berlin gilt als Gründerhauptstadt mit internationalem Flair. Doch der eigentliche Star liegt südlicher: Dresden. Eine einzigartige Forschungslandschaft und hemdsärmelige Förderpolitik machen die sächsische Landeshauptstadt zum stillen Helden der deutschen Gründerszene.

Dresden ist ein Dickicht, ein kaum durchschaubares Netz aus Kooperationen und Verflechtungen. Jeder kennt jeden, alle machen gemeinsame Sache. Und genau deshalb ist die Elbstadt so erfolgreich.

Berlin gilt inzwischen als Gründerhauptstadt mit internationalem Flair und Investoren wie Hollywoodstar Ashton Kutcher. Schnell, cool, sexy. Über Dresden würde das wohl niemand sagen. Ist auch nicht nötig, die sächsische Landeshauptstadt bietet stattdessen Hochtechnologie. Hier hat sich in den vergangenen Jahren der stärkste Mikroelektronikstandort Europas etabliert mit etwa 1500 Unternehmen in und um Dresden. Ständig kommen neue Startups dazu. Jeder zweite europäische Computerchip stammt aus „Silicon Saxony“. Ähnlich stark sind die Nano- und Biotechnologie vertreten. Beim Regionenranking des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung, das die Gründungsneigung misst, schneidet Dresden jedes Jahr mit Abstand als beste ostdeutsche Kommune ab. „Ich halte Dresden für eine noch nicht richtig entdeckte Perle“, sagt Paul-Josef Patt, Partner beim Risikokapitalgeber eCapital, der selbst an mehreren Dresdner Gründungen beteiligt ist.

Anzeige

Verknüpfungen statt Grenzen

In einem bescheidenen Büro mit nüchternen Aktenschränken und einem Blick auf den Hinterhof sitzt Jan Blochwitz-Nimoth und sagt: „Wir haben es dann eben einfach probiert.“ Klingt, als sei das keine große Sache gewesen, damals im September 2001. Als er zusammensaß mit seinem Kollegen Martin Pfeiffer und ihrem Chef Karl Leo. Rund vier Jahre hatten die zwei Doktoranden und ihr Professor an der Technischen Universität Dresden zu organischen Halbleitern geforscht. In jenem Spätsommer war klar, „dass wir da etwas Tolles in der Hand haben“, erinnert sich Blochwitz-Nimoth. Sie wagten es und gründeten ihre eigene kleine Firma: Novaled.

Heute beschäftigt dieses „kleine“ Unternehmen 130 Mitarbeiter, beliefert BASF, Samsung und ArcelorMittal mit organischen Halbleitern. 2011 schrieb die Hightechfirma 3,6 Mio. Euro Gewinn, beantragte im März dieses Jahres den Gang an die New Yorker Börse. Um das Büro von Gründer Blochwitz-Nimoth erstrecken sich fast 3000 Quadratmeter moderne Laborräume.

Die Selbstverständlichkeit, mit der die drei Wissenschaftler seinerzeit den Wechsel in die Wirtschaft wagten, ist typisch für Dresden. Die Region ist wirtschaftlich erfolgreich, weil sie Grenzen einreißt. Zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, zwischen Unis und Unternehmen, Professoren und Produzenten. Grundlage hierfür ist ein einmalig dichtes Netzwerk naturwissenschaftlicher Forschungseinrichtungen: die TU mit rund 36.000 Studenten, die Hochschule für Technik und Wirtschaft mit mehr als 5000 Studenten und etliche kleinere, teils private Hochschulen. Hinzu kommen zehn Fraunhofer-Institute, drei Einrichtungen der Leibniz-Forschungsgesellschaft, drei Max-Planck-Institute, ein riesiges Forschungszentrum der Helmholtz-Gesellschaft und eines der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Nach der Wende drängten die großen Forschungsgesellschaften nach Dresden und beflügelten den Aufschwung in der Region. „Aber eigentlich“, sagt Novaled-Gründer Blochwitz-Nimoth, „hat das alles schon viel früher begonnen, spätestens in der DDR.“

Damals war die Stadt, die sich bereits im 19. Jahrhundert einen Ruf als Werkzeug- und Maschinenbaumetropole erworben hatte, Sitz des Kombinats Robotron. Dieser volkseigene Betrieb war jahrzehntelang für die Entwicklung und Produktion von Großrechnern und Nachrichtentechnik verantwortlich, stellte aber auch Drucker, Fernseher und Schreibmaschinen her. Sachsen war eine Hochburg der Ingenieure und Naturwissenschaftler. Im letzten Geschäftsjahr 1989 beschäftigte Robotron 68.000 Menschen in 21 Einzelbetrieben. Mit der Wende zerfiel das Kombinat, aber die meisten der Ingenieure und Wissenschaftler waren noch da. Ebenso wie die Ausbildungsstrukturen, die Labore und die Techniktradition der Stadt. Statt künstliche Cluster zu züchten, konzentrierten sich Politiker, Unternehmer und Geldgeber stets auf die gewachsenen Strukturen. „So etwas kann man nicht von außen aufbauen, das formt sich von selbst“, sagt Gründer Blochwitz-Nimoth.

Unternehmerische Beamte

Das Fundament des heutigen Erfolgs war somit früh gelegt – es schlummerte nur unter der Decke der DDR-Planwirtschaft. Es waren die richtigen Ideen und Leute nötig, um Dresden wieder wach zu küssen. Peter Nothnagel selbst würde das natürlich nie so sagen, aber der heutige Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Sachsen war einer dieser Wachküsser. Er hatte als Ingenieur bei Robotron gearbeitet, nach der Wende ging er zum Forschungszentrum Jülich. Als Kurt Biedenkopf (CDU) 1990 erster sächsischer Ministerpräsident wurde, schrieb Nothnagel ihm: „Ich wende mich an Sie, da ich mich für eine Mitarbeit im Wissenschafts- beziehungsweise Forschungsministerium des Landes Sachsen interessiere.“ Biedenkopf stellte den selbstbewussten jungen Mann ein. Per Initiativbewerbung in die Landesregierung – so einfach ging das damals, schließlich mussten im gesamten Osten neue Verwaltungen aus dem Boden gestampft werden.

In den folgenden 20 Jahren bauten Nothnagel und seine Mitstreiter ein extrem effizientes Fördersystem auf, das von einem einfachen Grundsatz ausgeht: „Der Unternehmer ist schlauer als der Beamte.“ Das Land Sachsen unterstützt vor allem sogenannte Verbundprojekte, in denen Uniforscher und Chefs von Unternehmen zusammenarbeiten.

Solche Instrumente zwingen über den Hebel der Vergaberichtlinien beide Welten zusammen, Grundlagenarbeit und Praxis. So verschwinden in Dresden die Grenzen, so entsteht das Dresdner Dickicht, in dem Strukturen und bürokratische Prozesse ausgehebelt und verändert werden. Novaled zum Beispiel gibt es auch deshalb, weil die Unternehmer in der Frühphase weiter die teuren Labors der Universität nutzen durften, die sie sich selbst nie hätten leisten können. „Formal ist es schon ein Problem, wenn ein Externer mal an einem Unischreibtisch sitzt“, sagt Gründer Blochwitz-Nimoth, „deshalb braucht es bei solchen Kooperationen immer Leute, die das einfach mal zulassen, die unternehmerisch denken.“

Die Hochschule beteiligt sich auch direkt an den Firmen, die ihre Forscher gründen. Das Prinzip: Die Wissenschaftler dürfen die Technologie mitnehmen, dafür bekommt die TU Dresden AG Anteile. Gegründet im Jahr 2000, kommt sie mittlerweile auf ein Volumen von fast 34 Mio. Euro. Über einen Förderverein landet ein Teil des Gewinns – mehrere Hunderttausend Euro – wieder an der Uni, die so direkt vom wirtschaftlichen Erfolg ihrer Spin-offs profitiert.

So gründet es sich in Sachsen
Hightechgründer und andere Startups finden in Dresden und Umgebung hervorragende Bedingungen. Ein Überblick über die wichtigen Anlaufstellen
Technologiegründerfonds Sachsen Wagniskapitalgeber des Landes Sachsen und der EU. Der Fonds unterstützt Startups, die maximal fünf Jahre alt sind. Voraussetzungen: Tätigkeit im Hochtechnologiebereich sowie starkes Wachstumspotenzial. www.tgfs.de
Saxeed Netzwerk an den vier Partnerhochschulen in Chemnitz, Freiberg, Zwickau und Mittweida. Saxeed unterstützt bei der Gründung und bei der Verwertung von Forschungsergebnissen. www.saxeed.net
TU Dresden AG Die TU Dresden AG (TUDAG) hilft Wissenschaftlern, die gründen, bei der Buchhaltung, bei Rechtsfragen, im Personalwesen und Vertrieb. Sie beteiligt sich auch an Spin-offs. www.tudag.de
Dresden Exists Der Lehrstuhl für Entrepreneurship und Innovation der TU Dresden unterstützt Gründer seit über zehn Jahren. dresden-exists.de
Silicon Saxony In Sachsen hat sich ein einzigartiger Cluster entwickelt. Die sächsische Wirtschaftsförderung informiert im Internet über den Standort und Chancen. www.silicon-saxony.de
Future Sax Das Netzwerk verzahnt Wirtschaft und Wissenschaft branchenübergreifend. Veranstalter des Sächsischen Innovationsgipfels. www.futuresax.de
Invest in Saxony Die Investitionsagentur des Landes arbeitet unter dem Dach der Wirtschaftsförderung Sachsen. Auf der Website finden sich Ansprechpartner und Datenbanken. invest-in-saxony.net

Auch die Halbleiterschmiede Novaled wurde von der TU mitfinanziert. Während Blochwitz-Nimoth mit der Gründung Unternehmer wurde, blieb Karl Leo an seinem Platz. Ein Serientäter: Fünf Unternehmen hat der Professor in den vergangenen 20 Jahren mit Doktoranden und anderen Wissenschaftlern gestartet. „Zwei weitere konkrete Ideen sind noch in der Pipeline“, sagt er.

Leo ist ein hoch aufgeschossener, freundlicher Mann, dessen Augen ständig umherwandern. Er wirkt wie einer, der nur schlecht untätig sein kann. Mittlerweile leitet er neben seinem Lehrstuhl an der TU ein Fraunhofer-Institut und arbeitet mit weiteren Forschungseinrichtungen zusammen. Zudem trifft er sich regelmäßig mit Vertretern der Stadt, des Ministeriums oder sonstigen Personen aus dem Dresdner Dickicht. Den Wirtschaftsförderer Peter Nothnagel kennt er seit vielen Jahren, sie haben einst auf einer Dienstreise in Tokio über die Idee gesprochen, aus der später Novaled werden sollte.

Leo ist längst einer der wichtigsten Vermittler zwischen den verschiedenen Akteuren, ein Knotenpunkt im dichten Dresdner Netz. Von solchen Vermittlern gibt es in Dresden viele: Da ist beispielsweise Gerhard Fettweis, Professor für mobile Kommunikationssysteme. Oder der Werkstoffforscher Alexander Michaelis, der an der Uni lehrt und parallel am Fraunhofer-Institut anwendungsorientiert forscht. Sie alle haben verstanden: Wenn ihre Mitarbeiter sie mit ihren Ideen verlassen, um ein Unternehmen zu gründen, ist das richtig so. „Jemand, der Kinder kriegt, ist produktiv“, sagt Nothnagel. „So einfach ist das!“

Damit es weiter viele „Kinder“ gibt, lässt sich der Chef der sächsischen Wirtschaftsförderung auch schon mal scheinbar banale Dinge einfallen: Er mietete zum Beispiel Tische beim ersten Alumni-Ball der Uni, lud Gründer und Risikokapitalgeber ein, alles ganz ungezwungen. „Das kostet uns fast nichts, und nachher kennen sich die richtigen Leute.“

Strenge Auswahl bei der Förderung

Das Land hat eine eigene Beteiligungsgesellschaft gegründet. Der Technologiegründerfonds Sachsen hat sich darauf spezialisiert, Gründer in der Frühphase zu unterstützen, wenn sie noch zu klein sind für andere Investoren. „In Dresden können die Startups dank unterstützender Förderprogramme erst einmal reifen, bevor sie für Investoren interessant werden“, sagt Risikokapitalgeber Patt.

Allein hätte das Land all die Förderprogramme nie bezahlen können. Über den Europäischen Sozialfonds (ESF) und den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) sind seit Anfang der 90er-Jahre mehrere Milliarden Euro nach Dresden und Umgebung geflossen. Bei den Programmen gilt die Faustregel: 75 Prozent kommen von der EU, 25 Prozent vom Land. So ist Dresden auch ein Beispiel dafür, wie die Gelder aus Brüssel wirklich einmal da ankommen, wo sie hinsollen.

Damit die Finanzspritze nachhaltig wirkt, geht es von Beginn der Förderung an ums Entwöhnen. Die Gründer sollen Schritt für Schritt mit weniger staatlichem Geld auskommen. Nothnagel nennt das „Abtrainieren“ und spricht ganz offen von einer „darwinistischen Auswahl“. Wer es nicht schaffe, dem würden die Beamten ohne Skrupel die Lichter ausknipsen.

Wer dagegen Erfolg hat, wird in Dresden gefördert. 2010 flossen 60 Mio. Euro für Forschungs- und Technologieförderung in die Landeshauptstadt. Über die Hälfte der Gesamtsumme von 110 Mio. Euro, die in Sachsen in diesem Bereich an 374 Projekte vergeben wurde. „Wenn wir Geld für Technologieförderung haben wollten, mussten wir nicht lange auf den Landtag einreden“, sagt Nothnagel. Sein Vorteil: Im „Land der Erfinder und Ingenieure“, wie die Sachsen ihre Heimat nennen, sitzen überdurchschnittlich viele Naturwissenschaftler und Techniker im Parlament.

Nicht spektakulär, aber effektiv

In einem Waldstück gut 15 Kilometer östlich des Stadtzentrums, ein grauer DDR-Bau. Innen klebt Linoleum auf dem Boden, die Heizungsrohre laufen unverputzt an der Decke entlang. Zusammengewürfelte Schreibtische, darauf ein paar Laptops. Dies ist einer der vielen unscheinbaren Orte in Dresden, an denen junge Gründer die Geschichte von Novaled wiederholen wollen. Hier, im Keller des Helmholtz-Forschungszentrums Dresden-Rossendorf, arbeiten seit etwa einem halben Jahr die drei Gründer von Saxray.

Der Physiker Tilmann Leisegang und der Wirtschaftsingenieur Robert Schmid kennen sich von der Universität. Gemeinsam mit Ingenieur Marco Herrmann wollen sie die Röntgentechnik, wie sie in der Materialforschung und -prüfung eingesetzt wird, verbessern. „Unter anderem haben wir eine Art Autofokus-Funktion dafür entwickelt“, erklärt Leisegang. Am Markt befindliche Röntgenanalysatoren kosten etwa eine Viertelmillion Euro und sind sehr unhandlich. Das wollen die Gründer ändern.

Dabei wurden sie von Anfang an unterstützt: In der Frühphase entwickelten Dresdner BWL-Studenten für sie einen ersten Businessplan, später kamen die Beratung und das Stipendium von Dresden Exists hinzu. Dahinter verbirgt sich der TU-Lehrstuhl für Entrepreneurship und Innovation. Die Helmholtz-Gemeinschaft stellte den Gründern zwei erfahrene Unternehmer zur Seite, die aus Mitteln des Helmholtz Enterprise Fonds plus bezahlt werden. Hinzu kam ein Stipendium der Sächsischen Aufbaubank und das bundesweite Exist-Gründerstipendium. Schon nach den ersten Monaten kann Saxray ein paar vordere Plätze in Businessplan-Wettbewerben vorweisen und kooperiert mit drei Forschungsinstituten.

Fragt man, warum sie sich gerade für Dresden als Firmensitz entschieden haben, schauen die Gründer einen nur verdutzt an und sagen: „Hier haben wir doch alles, warum sollten wir woanders hin?“

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus impulse-Ausgabe 05/2012.

Abonnenten erhalten die neueste Ausgabe des Unternehmermagazins impulse jeden Monat frisch nach Hause geliefert. impulse gibt es auch zum Download als PDF sowie in einer mobilen Version für Tablets und Smartphones als impulse-App für Android und iOS.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...