Management Hans Neuendorf: „Ich habe unterschätzt, wie langsam sich der Mensch umgewöhnt“

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Hans Neuendorf

Hans Neuendorf© Anette Hauschild für impulse

Hans Neuendorf, 75, Gründer der Kunstplattform Artnet, über die New-Economy-Zeit, als er Millionensummen verbrannte, weil er die Stärke von Gewohnheiten unterschätzte.

Es ist vor allem ein Satz, den ich nach meiner haarsträubenden Fehlentscheidung bis heute beherzige: „Don’t confuse a clear view with a short distance.“ Ein Ziel klar vor Augen zu haben bedeutet nicht, dass es nur noch ein kurzer Weg bis zum Ziel ist.

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In der Hochphase der Börsengänge, 1999 und 2000, als die große Internetblase entstand, war mir das keineswegs so klar. Damals begann ich, auf der Kunstplatt- form Artnet Online-Auktionen anzubieten – viel zu früh. Die Welt spielte damals verrückt: Es ging nur darum, Umsätze zu steigern, Gewinne spielten keine Rolle.

So kam es zu idiotischen Firmenbewertungen. Der Druck der Öffentlichkeit war extrem groß, auch auf uns. Wir brauchten dringend Geld. Mit dem Börsengang nahm Artnet 26 Millionen Euro ein, fast die Hälfte ging für die Auktionen drauf, allein eine Million für Werbung – obwohl Aol damals die einzige Plattform war, auf der man Anzeigen schalten konnte.

Die Idee war einfach: Wir wollten Werke schnell und kostengünstig ver-kaufen. Kunst krankt ja daran, dass man sie meist nicht kurzfristig zu Geld machen kann, die Transaktionskosten sind extrem hoch. Die Schwierigkeit des Wiederverkaufs ist eine starke Behinderung des Kunsthandels. Das wollten wir ändern.

Ich zweifelte nicht am Erfolg, doch das Publikum zog nicht mit, es war nicht bereit, sich auf diese neuen Auktionen einzustellen. Das Misstrauen war trotz offensichtlicher Vorteile nicht kurzfristig zu überwinden. Ich unterschätzte damals, wie langsam sich der Mensch umgewöhnt.

Nach zwei Jahren war der Traum vorbei, wir hatten einen Großteil des Geldes aus dem Börsengang verbrannt. Es dauerte Jahre, bis ich mich davon erholen konnte. Erst vor vier Jahren haben wir wieder mit Online-Auktionen angefangen. Jetzt werden sie angenommen und sind fast schon konventionell. Das ist wahrscheinlich auch eine Generationsfrage.

Aufgezeichnet von: Nikolaus Förster

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cover_110 Aus dem impulse-Magazin 03/2013
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