Management „In Russland wird eine stärkere Führung durch den Chef erwartet“

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Eine Baustelle in Russland.

Eine Baustelle in Russland. © Pavel Losevsky - Fotolia.com

Ulf Schneider lebt seit 13 Jahren in Russland und kennt aus eigener Erfahrung die landestypischen Gepflogenheiten, wenn es ums Geschäftemachen geht. Im Interview erklärt er, auf was sich deutsche Unternehmer einstellen sollten - und warum sie viel Geduld mitbringen müssen.

Herr Schneider, Sie leben seit 13 Jahren in Russland. Können Sie verstehen, dass der deutsche Bundespräsident dem Land nicht mal einen kurzen Besuch abstatten will?

Für mich ist das unverständlich. Ich finde es zwar auch nicht gut, wie das Thema Minderheitenschutz in Russland gehandhabt wird. Aber dass man zu den olympischen Spielen nicht hingeht, wird die Lage nicht verbessern. Nicht miteinander zu sprechen, ist immer die schlechteste Lösung, wenn man etwas verändern will.

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Wie reagieren Ihre russischen Mitarbeiter auf die Absage?

Der russischen Bevölkerung ist es egal, ob Herr Gauck kommt, die haben das nicht mitbekommen. Für die deutsche Wirtschaft ist es aber enttäuschend, dass er sich nicht anschauen will, was in Sotschi auch mit deutscher Technologie geschaffen wurde.

Trotz der sportlichen Großereignisse geht der russischen Wirtschaft die Puste aus. Das Wachstum liegt nahe null. Können deutsche Firmen hier noch auf Geschäfte hoffen?

Den deutschen Unternehmen, die hier Produktionen aufbauen, geht es nicht darum, dass man hier günstiger produzieren kann. Das kann man häufig auch nicht. Es geht darum Transportkosten und Importzölle zu sparen. Letztere fallen nun durch den Beitritt Russlands zur WTO zum Teil weg. Das heißt: Russland muss sehr viel unternehmen, um ein attraktiver Standort zu sein. Und genau dabei können deutsche Firmen helfen. Etwa bei der Prozessoptimierung – die russische Wirtschaft ist sehr ineffizient. Oder bei den Bildungssystemen. Denn da hat Russland ein echtes Problem. Deutschland ist geradezu prädestiniert dazu, hier die Initiative zu ergreifen.
Viele scheuen die Korruption und die berüchtigte Bürokratie. Das Thema Korruption hat extrem an Dramatik verloren, da sind sich eigentlich alle Experten hier einig – bis auf die westlichen Journalisten.

Wer die Presseberichterstattung verfolgt, bekommt, einen anderen Eindruck.

Ich verfolge die Berichterstattung in Deutschland. Ich finde sie interessant, aber sie hat nichts mit meinem Alltag zu tun, sie spiegelt eher die Lage wider wie sie vor zwölf Jahren war, als ich hierhergekommen bin. Da war das größte Problem tatsächlich die Korruption. Es war zum Beispiel völlig unmöglich eine Mehrwertsteuerrückerstattung zu bekommen. Wenn man die beantragt hat, bekam man schnell vom Finanzbeamten den Hinweis: Ist durchaus möglich, aber dann bekomme ich zehn Prozent in cash. Das war ein Standard.

Wie sind deutsche Unternehmen damit umgegangen?

Es gab schon mehrere, die sich auf irgendwelche Deals eingelassen haben. Aber das sollte man nicht machen. Denn erstens ist Bestechung eine Straftat, auch in Russland. Und zweitens steigen diese Prozente natürlich. Das ist ein Fass ohne Boden.

Wie habe Sie auf solche Angebote reagiert?

Ich war schon verunsichert. Man muss compliant bleiben, aber trotzdem sein Ziel erreichen. Mit der Frage der Mehrwertsteuerrückerstattung war ich vor zehn Jahren, als ich Russia Consulting gegründet habe, selber konfrontiert. Das Finanzamt hatte uns zu Unrecht zu viel abgebucht. Da musste ich Methoden anwenden, die ich in Deutschland nicht anwenden würde.

Welche?

Ich bin zu dem Finanzbeamten gegangen und habe gesagt: „Ich bin jetzt hier und will heute mein Geld zurück. Ich habe mein Notebook dabei und ein Lunchpaket. Ich habe zwei Tage Zeit. Ich gehe hier erst weg, wenn ich das Geld sehe.“

Hat das geklappt?

Nach fünf Stunden. Ihm blieb ja auch nur noch die Möglichkeit, die Polizei zu rufen. Man muss standfest sein. Dabei war ich mir gar nicht 100prozentig sicher, was passieren würde. Ich hatte schon die Befürchtung, vielleicht ins Gefängnis gesperrt zu werden.

Werden Sie heute gar nicht mehr mit Bestechung konfrontiert?

Korruption ist nicht mehr das größte Problem, aber sie ist natürlich noch eins. Daher wäre auch mein Tipp an deutsche Unternehmen, die ein Russlandgeschäft aufbauen, ihre Leute regelmäßig zu überprüfen. Denn wenn ein Deutscher, der sich in Deutschland compliant verhält, nach Russland kommt, dann heißt das nicht, dass er unbestechlich bleibt. Durch ein anderes Umfeld wird ein Mensch viel schneller verbogen als man glaubt. Dennoch: Es ist heute in fast allen Bereichen möglich, vollständig rechtmäßig zu arbeiten. Ein gutes Beispiel sind die Steuerbehörden. Da könnte Deutschland sogar von Russland lernen.

Inwiefern?

Das Steuerwesen ist vom Gesetzgeber sehr strukturiert angegangen worden mit Steuersätzen, die leicht zu verstehen sind. Der Einkommenssteuersatz zum Beispiel ist 13 Prozent – ohne viele Ausnahmen.

Trotzdem beschweren sich viele Unternehmer, dass sie Lasterweise Unterlagen zum Finanzamt karren müssen.

Es gibt durchaus schon viel Hightech. In Deutschland ist es neu, dass man eine elektronische Bilanz einreicht. Das ist in Russland seit Jahren Standard. Und es funktioniert perfekt. Was allerdings stimmt ist, dass man automatisch eine Steuerprüfung bekommt, wenn man zu viel gezahlte Mehrwertsteuer zurückfordert. Der Prozess ist sehr kompliziert. Am Schluss bekommt man aber in 90 Prozent aller Fälle eine Auszahlung.

Ihre Kunden sind zum Großteil deutsche Unternehmen, die in Russland einen Standort haben. Was sind die größten Fehler, die sie machen können?

Man muss sich gut überlegen, wen man nach Russland schickt. Es muss jemand sein, der zum einen bereit ist, ein paar Worte Russisch sofort zu lernen. Und der hier zum anderen akzeptiert wird. Letzteres ist gar nicht so schwer. Deutsche haben einen guten Ruf. Wichtig ist, den auch zu erfüllen.

Was meinen Sie damit?

Man muss sich fest vornehmen, das, was wir als deutsche Tugenden bezeichnen, auch zu leben. Das beginnt mit einfacher Pünktlichkeit. Russen sind nicht dafür bekannt, besonders pünktlich zu sein. Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass ein Deutscher diese russischen Eigenschaften annimmt. Er wird dann nicht mehr als deutsch empfunden. Dann ist es mit der Hochachtung vorbei.

Welche russische Eigenschaft sollte man auf jeden Fall kennen?

Man muss sich hier mehr Zeit lassen. Ein typisches Beispiel ist, dass ein Deutsche hier landet und genau 24 Stunden Zeit für drei Meetings hat. Er ist der Meinung, alle Verträge unterschriftsreif verhandelt zu haben, steigt wieder ins Flugzeug und denkt: Alles weitere funktioniert automatisch. Denkfehler: Gar nichts geschieht automatisch, der Vertrag wird nie unterschrieben.

Warum nicht?

Der russische Vertragspartner findet es verwunderlich, dass der Deutsche nach der Verhandlung noch nicht mal mehr ein, zwei Stunden Zeit hat, mit ihm Essen zu gehen, dass er gar kein Interesse zeigt. Zur Effizienz gehört manchmal auch, dass man sich Zeit nimmt.

Andere deutsche Unternehmer erzählen, dass man sich auch für russische Mitarbeiter sehr viel Zeit nehmen muss.

Russische Mitarbeiter sind häufig kompliziert, das stimmt. Aber sie sind auch sehr motiviert zu lernen. Worüber man sich klar sein muss, ist, dass viele zwar einerseits den kooperativen Führungsstil in westlichen Unternehmen mögen, andererseits wird aber in Russland eine stärkere Führung durch den Chef erwartet. Das ist nicht nur in Unternehmen so, das gilt auch für die Politik.

Wie gelingt es Ihnen, diese Erwartung zu erfüllen?

Ich glaube, ich passe hier ganz gut rein.

 

Ulf Schneider

Ulf Schneider, 46, kam vor dreizehn Jahren als Finanzdirektor einer Versicherung nach Moskau. Zwei Jahre später gründete er Russia Consulting. Aus einem Zwei-Mann-Betrieb ist heute eine Gesellschaft mit 400 Mitarbeitern an acht Standorten geworden. Anfangs unterstützte die Beratungsfirma ausländische Unternehmen bei der Buchführung, die in Russland extrem kompliziert ist. Heute übernimmt sie das komplette Backoffice, von der IT bis zur Steuerberatung.

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