Management Innovationen: So finden Sie unkonventionelle Ideen

© WFB/Brennerei next generation lab

Innovationen lassen sich oft nur schwer aus der Arbeitsroutine heraus entwickeln, sagt Unternehmerin und impulse-Bloggerin Antje Hinz. Wie ein außergewöhnliches Projekt frische Ideen in Unternehmen bringt.


Wovon viele Unternehmen träumen, ist der Onlyglass GmbH aus dem niedersächsischen Verden gelungen. Das Familienunternehmen hat sich auf Glasveredelung spezialisiert. Mit Blick auf den internationalen Markt suchte Geschäftsführer Reinhard Cordes vor einigen Jahren gezielt nach einem Alleinstellungsmerkmal. Bei einer Reise nach New York fielen ihm auf dem Times Square die riesigen Reklametafeln auf, die die historischen Fassaden verdecken. Eine Alternative aus Glas wäre viel besser, dachte Cordes damals, zumal Glasfassaden im Städtebau im Trend liegen.

Seine Idee ließ ihn nicht mehr los. Über vier Jahre entwickelte Onlyglass gemeinsam mit Partnern aus Hochschulen in Braunschweig, Hamburg und Aachen/Jülich eine neue Medienfassade mit LED-Technik. Senkrecht angeordnete Leuchtdioden werden dabei in den Zwischenraum von Isolierglasscheiben integriert. Der große Vorteil: Die Medienfassaden sind transparent, der Blick aus dem Fenster wird nicht getrübt. Das Zusammenspiel der bunten LEDs reguliert ein Computer.

Think Tank für Unternehmen
Onlyglass forscht nicht nur nach neuen Technologien. In einem Think Tank der Wirtschaftsförderung Bremen finden die Glasexperten kreative Vordenker. Im Rahmen des Stipendiatenprogramms „Brennerei next generation lab“ tüfteln acht sorgsam von einer Jury ausgewählte Absolventen künstlerisch-kreativer Studiengänge an einer konkreten unternehmerischen Fragestellung. Sechs Monate dauert eine Projektphase. Für Onlyglass ermitteln die jungen Kreativen alternative Einsatzmöglichkeiten ihrer Produkte: Welcher erweiterte Markt lässt sich mit den neuen Medienfassaden erschließen?

Die Umgangssprache unter den Stipendiaten ist Englisch, sie stammen aus der ganzen Welt. Die meisten haben Kommunikations- und Design-Studiengänge absolviert und stellen sich hoch motiviert der doppelten Herausforderung: einerseits in einem interdisziplinären Umfeld zu arbeiten, andererseits reale Szenarien aus der Wirtschaft zu berücksichtigen. Unter Anleitung von Mentoren und Experten und im Dialog mit den Auftraggebern von Onlyglass erarbeiten die jungen Absolventen innovative Lösungsvorschläge.

Die Wurzeln
Vorgänger des interdisziplinären Stipendiatenprogramms ist das Designlabor Bremerhaven, angetreten im Jahr 2000, um Nachwuchskräfte aus designorientierten Disziplinen zu professionalisieren und gleichzeitig innovative Impulse in die Wirtschaft zu tragen. Seit 2012 wird dieses Vorhaben nun vom „Brennerei next generation lab“ realisiert, aktuell arbeiten die Stipendiaten am sechsten und siebten Kooperationsprojekt.

Die aktuellen Stipendiaten des „Brennerei next generation lab“© WFB/BRENNEREI next generation lab

Von der Initiative der Wirtschaftsförderung Bremen profitieren alle Partner. Unternehmen zahlen an den Think Tank einmalig 12.500 Euro und erhalten für wenig Geld innovative Impulse für neue unternehmerische Ansätze. An die Stipendiaten fließt ein monatliches Honorar von 1580 Euro brutto, angelehnt an den Mindestlohn. Der eigentliche Gewinn für die jungen Kreativen liegt im Zugewinn an Erkenntnissen. Sie sammeln Erfahrungen im Team, im Prozess- und Projektmanagement, in der Konzeptentwicklung und der Kommunikation.

Praxisnahes, branchenübergreifendes Arbeiten
Andreas Heyer, Vorsitzender Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Bremen, erklärt den großen Erfolg des Programms mit dessen besonderer Konzeption: „Normalerweise holen sich die Unternehmen ihre Beratung und Begleitung von außen – also immer nach einem bestimmten Muster und aus einer typischen Branche. Im Rahmen unseres Stipendiatenprogramms stellen wir bewusst interdisziplinäre Teams aus branchenfernen Fachrichtungen zusammen. Unsere Absolventen eröffnen Sichtweisen und Blickwinkel, die in der Unternehmenslandschaft bisher gar nicht vorhanden waren. Ein Absolvent aus der Kulturwirtschaft sieht die IT-Branche aus einem ganz anderen Blickwinkel als eine IT-spezifische Beratungsagentur. Das ist der große Mehrwert, dass hier andere Denkmuster zum Tragen kommen.“


Nachwuchs sichern
Die unkonventionellen Ideen der jungen Kreativen haben viele Unternehmer überrascht. Vor allem deren unbändige Energie empfinden sie als sehr inspirierend und nehmen die besondere Atmosphäre gern in die Unternehmen mit. Hinzu kommt ein weiterer Mehrwert, betont Heyer: „In einem praxisnahen Umfeld treten die Firmen sehr früh in den Dialog mit jungen Absolventen ein und können sich langfristig geeigneten Nachwuchs sichern. Für die jungen Absolventen ist das Programm ein Anreiz, ihre berufliche Zukunft in Bremen zu planen.“

Kreative Methoden und Vermittlung
Forschen, Analysieren, Experimentieren, Entwickeln, Präsentieren. Etwa 60 Stunden innerhalb des Programms sind für den fachlichen Input von Mentoren vorgesehen. „Wir diskutieren sehr intensiv über mögliche Ideen, wir visualisieren sie in Form von Grafiken oder 3D-Modellen und präsentieren sie unseren Wirtschaftspartnern“, erklärt die Projektleiterin und Innovationsmanagerin Andrea Kuhfuß die Arbeitsweise im Think Tank. Der halbjährige Prozess läuft ergebnisoffen ab. Kreativität braucht Freiraum. Manchmal stellt sich heraus, dass die anfangs formulierte Fragestellung nicht zum gewünschten Ziel führt. Um eine praktikable Lösung zu finden, muss dann ein anderer Weg eingeschlagen werden.

Markterweiterung durch Perspektivwechsel
Für Onlyglass entwickelten die Stipendiaten eine Broschüre als Werbemittel für potentielle Kunden. Darin wird exemplarisch dargestellt, dass Medienfassaden nicht nur als Reklamefläche genutzt werden können, sondern darüber hinaus als innovative Fassadenbeleuchtung und urbanes Kommunikationsmittel – von Architekten, Stadtplanern, Fotografen, Filmemachern und Künstlern. „Die Stipendiaten haben bei uns im Unternehmen einen Perspektivwechsel angeregt – im Hinblick auf die Vermarktungsvielfalt unserer Medienfassaden“, sagt Onlyglass-Product-Manager Ralf Krüßel.

Die Erkenntnis, dass sie als innovative Beleuchtung und als urbanes Kommunikationsmittel genutzt werden können, mündete indirekt in den Auftrag „Klubhaus St. Pauli“. Onlyglass lässt gerade in das sechsstöckige Klubhaus in Hamburg seine neue Medienfassade einbauen. Zum Reeperbahnfestival Ende September 2015 soll sie mit Videoinstallationen bespielt werden.

Logistik, IT, Digitalisierung, Industrie 4.0 *
Auch das aktuelle Stipendiatenprogramm fokussiert das Thema Kommunikation: In Zusammenarbeit mit „Bremen digitalmedia“ wird die Frage geklärt, wie sich der Kontakt zwischen der IT und Logistik intensivieren lässt. Die jungen Kreativen brüten derzeit an einem innovativen Veranstaltungsformat, das Akteure aus der Logistik, IT, Wissenschaft und Gestaltung in einen fruchtbaren Austausch bringt. Die Ergebnisse der beiden aktuellen Think Tanks werden am 24. September 2015 in der BRENNEREI präsentiert.

Im kreativen Milieu der ehemaligen “Alten Schnapsfabrik“ in Bremen lädt die Wirtschaftsförderung Bremen regelmäßig zu Innovationsforen und Innovationswerkstätten ein. Dabei kommen zwischen sechs und zehn Unternehmensvertreter aus verschiedenen, Branchen in kleinen Workshop-Formaten zusammen – oft zu Clusterthemen, wie Luft- und Raumfahrt, Maritime Wirtschaft und Logistik, Windenergie. Es geht um Wissens- und Technologietransfer mit Blick auf die Megatrends demografischer Wandel, Globalisierung, Digitalisierung.*

Auszeichnung und Zukunftspläne
„Brennerei next generation lab“ ist ein Labor für interdisziplinäre Entwicklungsprozesse.
Das europaweit einmalige Projekt wurde 2014 in der Kategorie „Investitionen in Unternehmenskompetenzen“ mit dem Europäischen Unternehmensförderpreis ausgezeichnet. Ausgelobt in den 28 Mitgliedstaaten der EU sowie in Island, Norwegen, Serbien und der Türkei, würdigt der Award Projekte, die sich für Unternehmergeist und Unternehmertum verdient gemacht haben. Seit 2006 haben sich europaweit mehr als 2.000 Projekte und Initiativen beteiligt.

Andreas Heyer und Andrea Kuhfuß wollen das Programm weiterführen. Das setzt bei den Unternehmen das Bewusstsein voraus, dass sie den (Mehr-)Wert von interdisziplinären Teams anerkennen und vergleichbare Preise dafür zahlen wie für eine Personal- oder Unternehmensberatung. Heyer ist optimistisch und setzt auf Empfehlungsmarketing: „Je deutlicher wir die Erfolge am Markt zeigen, umso mehr Unternehmen lassen sich zum Mitmachen motivieren. Reden über Beispiele und Erfolge – das ist der richtige Weg!“


Inspirationstipps:

Donnerstag, 17. September von 10 bis 18 Uhr
*Transportale – eintägiger interaktiver Workshop über die digitale Zukunft der Logistik.
Kooperation mit Bremen digitalmedia, Future Lab IT und Logistik; Interessenten aus den Bereichen IT, Logistik, Wissenschaft und Gestaltung entwickeln nach zwei Impulsvorträgen in interaktiven Workshops neue Geschäftsideen auf der Grundlage von Business-, Technologie- und sozialen Trends. Impulsvorträge von Prof. Rolf Drechsler (DFKI, Bremen) und Stephan Hürholz (The Exponentials, London): www.transportale.de

Anmeldungen bis zum 9. September unter info@brennerei-lab.de
Ort: Weser Tower, 21. OG, Am Weser-Terminal 1, 28217 Bremen

Donnerstag, 24. September 2015, 18 Uhr
Abschluspräsentation der interdisziplinären Stipendiatenprojekte 2015
– Bremen digitalmedia: Wie kann der Kontakt zwischen IT und Logistik intensiviert werden?
– Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt: Welchen Nutzen hat die Raumfahrt für den Bürger?
Ort: Alte Schnapsfabrik (Karton und Brennerei), Osterstraße 28 – 29, 28199 Bremen

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