Management Rekrutieren in Spanien – „Die Bürokratie ist schon immens“

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Praxistest: Während des Assessment Centers in Leonberg mussten die Bewerber aus Madrid Gipskartonplatten bearbeiten.

Praxistest: Während des Assessment Centers in Leonberg mussten die Bewerber aus Madrid Gipskartonplatten bearbeiten.© Fachverband der Stuckateure für Ausbau und Fassade

18 Spanier beginnen im Herbst eine Ausbildung in Stuckateur-Unternehmen in Süddeutschland. Roland Falk, Bereichsleiter des Branchenverbands, erläutert wie die Firmen den Nachwuchs gefunden haben, was es kostet – und welche bürokratischen Hürden sie dabei nehmen mussten.

impulse.de: Sie haben über die Deutsche Außenhandelskammer in Spanien Auszubildende für ihre Mitgliedsunternehmen gefunden. Was hat sie konkret organisiert?

Roland Falk: Wir haben gemeinsam mit der Außenhandelskammer ein Konzept entwickelt, mit dem wir Nachwuchs in Südeuropa finden können. Die Kammer hat dann eine Stellenausschreibung in Spanien veröffentlicht, auch mit Annoncen über das Internet. Sie hat auch die ganze Bewerberauswahl übernommen.

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Wie viele junge Leute haben sich auf die Stellen beworben?

Auf die Stellenanzeigen haben sich 680 Leute gemeldet und Interesse gezeigt, tatsächlich beworben haben sich dann etwa 200. Die Kammer hat dann noch eine Vorauswahl gemacht. Wir haben anschließend ein Assessment Center in Baden-Württemberg organisiert und die Bewerber dazu eingeladen. Dafür hatten sich rund 70 Teilnehmer angemeldet, in den Bus nach Leonberg sind am Ende 35 Bewerber gestiegen. Einige hatten wohl noch kalte Füße bekommen.

Wie viel kostet es ein Unternehmen, über die Außenhandelskammer nach Mitarbeitern zu suchen?

Das hat uns und auch die Betriebe sehr viel Geld gekostet. Zunächst einmal für die Suche und das Auswahlverfahren, das sie gemacht haben. Das hat uns 3600 Euro gekostet. Wir haben den Betrag anteilig auf die Firmen umgelegt, die mitgemacht haben. Das waren 200 Euro pro Betrieb – dafür, dass er überhaupt einen Spanier bekommt für ein Praktikum vor der Ausbildung. Und wenn ein Ausbildungsvertrag unterschrieben wird, werden nochmal 750 Euro fällig. Also etwa 1000 Euro kostet das einen Unternehmer. Und er weiß ja nicht, ob der Azubi bei ihm bleibt oder nicht.

Sind Sie mit der Leistung der Außenhandelskammer zufrieden? Oder würden Sie es beim nächsten Mal anders organisieren?

Man braucht auf jeden Fall einen Ansprechpartner vor Ort, das ist ganz klar. Wenn man keinen Ansprechpartner vor Ort hat in dem jeweiligen Land, dann scheitert es sicherlich. Ich muss sagen, wir haben sehr gut mit der Außenhandelskammer zusammengearbeitet. Da kann ich nichts sagen. Sie haben auch selber dazugelernt im Laufe unseres Verfahrens. Für sie ist es ja auch teilweise Neuland –  auch in der Form, dass man es als größere Gruppe macht.

Auch auf Vorschläge von uns sind sie entsprechend eingegangen. Die Spanier, die von uns im Assessment Center eine Zusage für das Praktikum bekommen haben, haben nach dem Auswahlverfahren in Leonberg direkt einen zweimonatigen Sprachkurs in Madrid besucht. Währenddessen wollten wir sehr schnell den Kontakt zu den Praktikumsbetrieben herstellen. Die Spanier sollten einmal in der Woche aus dem Deutschkurs heraus an den Betrieb mailen, auf Deutsch. Das hat am Anfang nicht so funktioniert, aber mit der Zeit haben sie sich darum gekümmert. Mir ist es einfach wichtig, dass nach diesem ersten Treffen nicht zwei Monate Funkstille sind, sondern ein Dialog, eine Konversation stattfindet. Das ist für die Betriebe wichtig, aber auch für die Spanier.

Sie haben die Bewerber zu einem Assessment Center eingeladen. Wie haben die Spanier dabei abgeschnitten?

Die Bewerber mussten zuerst einen Test am PC machen, in dem wir zum Beispiel logisches Denken, Mathematik und räumliches Vorstellungsvermögen abgefragt haben. Den hatten wir vorher ins Spanische übersetzen lassen. Wir waren von der Qualität der Teilnehmer wirklich extrem überrascht. Im Vergleich zu den Bewerbern, die wir sonst haben, waren die Spanier überdurchschnittlich. Als nächstes haben wir in der Werkstatt ihr handwerkliches Geschick getestet. Dort mussten sie eine Gipskartonplatte bearbeiten und daraus ein Relief formen. Daran kann man gut sehen, welche Fingerfertigkeit die Bewerber haben. In der dritten Station wollten wir sehen, wie teamfähig sie sind. Und am Abend haben wir mit jedem Einzelnen ein kurzes Gespräch geführt. Den meisten haben wir – bis auf zwei – eine Zusage gegeben, dass sie, wenn sie wollen, ein Praktikum machen können.

Am nächsten Tag haben wir sie dann den entsprechenden Ausbildungsbetrieben zugeordnet und ein kleines Vorstellungsgespräch in lockerer Runde gemacht. Dann sind sie zurück nach Spanien gefahren und in der Woche darauf hat direkt der zweimonatige Intensivsprachkurs in Madrid begonnen. Anfang Juli starten dann 27 ein Praktikum in den Betrieben.

Welche Qualifikationen hatten die ausgewählten Bewerber?

Mindestens zwei Drittel der Bewerber war auf einer Bauschule in Spanien. Das ist eine rein theoretische Ausbildung, in der vom Bauschlosser bis zum Elektriker alles abgedeckt wird. Sie ist nicht so spezifisch, dass man sagen kann, der kann mit Farben oder Putz oder Wärmedämmung entsprechend umgehen. Aber die Betriebe, in denen die Spanier im Juli bereits einen Monat Praktikum gemacht haben, sind sehr zufrieden. Wir haben die Rückmeldung bekommen, dass sie gut mitarbeiten.

Wie viele Spanier haben bisher einen Ausbildungsvertrag unterschrieben?

Von den 27, die zum Praktikum gekommen sind, haben jetzt 18 einen Ausbildungsvertrag unterschrieben. Zwei haben sich noch nicht entscheiden, vielleicht werden es also noch zwei mehr. Wir wollen den Spaniern wirklich eine Chance geben. Und sie haben auch Aufstiegsmöglichkeiten, wenn sie sich gut entwickeln. Wir haben in den nächsten Jahren viele Betriebe, die keinen Nachfolger haben. Wenn sie gut sind, haben sie auch gute Chancen, sich selbständig zu machen und auch Betriebe zu übernehmen.

Wie lange ging das Praktikum?

Eigentlich sieht das ZAV-Programm zwei bis drei Monate Praktikum vor. Wir haben aber nur einen Monat Praktikum gemacht, weil alles zeitlich sehr gedrängt war und wir im September auf jeden Fall die Ausbildung beginnen wollen. Das war in dem Fall auch ausreichend, weil es einfach wichtig war, dass die Unternehmen die Jungs kennenlernen und die Jungs ihre Ausbildungsbetriebe.

Wer hat die Unterkunft für das Praktikum organisiert und die Kosten bezahlt?

Die Unterkunft haben die Betriebe organisiert. Der eine hatte gerade eine leer stehende Wohnung von seinem Sohn, in der Spanier wohnen konnten. Manche hatten ein Zimmer in einer Pension gebucht. Die Kosten für die Unterbringung trägt zum großen Teil die ZAV. Von ihr bekommen wir 600 Euro, 200 Euro erhalten die Spanier vom Betrieb im Praktikum.

Die Spanier haben also alle 200 Euro Praktikumsgeld bekommen und das wurde dann von der ZAV aufgestockt?

Exakt. Wir mussten dafür einen Praktikumsvertrag aufsetzen. Das war Grundvoraussetzung dafür, dass es die ZAV-Vergütung letztendlich nachher gibt.

Wie hat das geklappt?

Das ist das, was wir im Nachhinein als großen Hemmschuh gesehen haben. Die ZAV-Mühlen mahlen sehr langsam. Die Betriebe haben den Spaniern einen Vorschuss gegeben und zunächst mehr Geld bezahlt als die 200 Euro. Bis das Geld von der ZAV kommt, das dauert…

Ist das Geld etwa immer noch nicht da?

Nein, das ist immer noch nicht da.

Wenn die ZAV das Geld jetzt noch nicht überwiesen hat, müssen die Betriebe doch erheblich in Vorleistung gegangen sein. Denn 200 Euro reichen ja hinten und vorne nicht zum Leben.

Ja. Die Unternehmen haben eigentlich die kompletten 800 Euro aufgestockt und sind ordentlich in Vorleistung gegangen und haben auch einen entsprechenden Darlehensvertrag gemacht. Wenn die Spanier kommen und die Ausbildung machen, kann man das ja entsprechend mit der Ausbildungsvergütung verrechnen.

Und wer trägt die Kosten für die Anreise zum Vorstellungsgespräch und das Assessment Center?

Dafür sind wir als Verband in Vorleistung gegangen. Wir haben den Bus organisiert, Übernachtung und Essen bezahlt. Aber die Spanier und nicht wir bekommen von der ZAV 300 Euro für die Reisekosten überwiesen. Wir haben mit ihnen deshalb vereinbart, dass sie das Geld überweisen, wenn es da ist. Aber von den 35, die hier waren, kommen nachher nur 18 zur Ausbildung. Das heißt, ich habe nachher praktisch keinen Zugriff mehr auf das Geld. Ich kann ja schlecht nach Madrid runterfahren.

Das ist vom Ablauf her wirklich sehr schwierig. Ich kann nicht im Vorfeld von den Teilnehmern des Assessment Centers verlangen, dass sie uns die 300 Euro für die Busfahrt und für die Übernachtung zahlen, wenn sie kein Geld haben. Das ist einfach ein Fehler im System. Aber da hat die Bundesregierung wohl Angst, dass da vielleicht etwas ausgenutzt werden könnte. Aber das ist ein absolutes Hemmnis.

Die Bürokratie insgesamt ist schon extrem. Wie viele Anträge wir in den Händen hatten, seit die Spanier im Februar bei uns waren im Assessment Center. Und das obwohl es ja eigentlich immer die gleichen Leute sind. Aber jedes Mal braucht man wieder neu eine Unterschrift und Kontodaten, für den Antrag für die Reisekosten, für den Lebensunterhalt während des Praktikums… Da schlägt die deutsche Bürokratie schon extrem zu.

Die ZAV vermittelt ja auch Azubis und Fachkräfte an Unternehmen, bei Ihnen in Baden-Württemberg zum Beispiel unter der Federführung von ZAV-Teamleiter Ramiro Vera-Fluixá. Haben Sie auch mit ihm zusammengearbeitet?

Mit Herrn Vera-Fluixá sind wir schon in Kontakt. Aber er hat uns, weil wir eine Gruppe sind, gleich an die Zentrale nach Bonn weiterverwiesen. Für einzelne Unternehmen geht er ja auch nach Spanien und rekrutiert dort Mitarbeiter. Das hat er bei uns aber nicht gemacht, weil wir das über die Deutsche Handelskammer in Spanien organisiert haben.

Wie sind die Sprachkenntnisse der Spanier bisher? Kann man sich schon gut verständigen, oder ist es noch schwierig?

Schwierig, das ist wirklich schwer. Sie haben jetzt zwei Monate Intensivsprachkurs gehabt und wir dachten, dass sie danach schon mehr könnten. Aber selbst das Verstehen war sehr schwierig. Sie haben in Spanien auch meistens kein Englisch als Fremdsprache. Das geht jetzt erst los, dass sie Englisch und auch Deutsch lernen im Unterricht. Ich bin gespannt, wie schnell sie jetzt lernen. Der Sprachlehrer hat gesagt, dass es jetzt relativ schnell geht. Ich hoffe das, denn die Sprachbarriere ist das größte Problem.

Wie sehen das die Betriebe? Sind sie zuversichtlich, dass es funktioniert mit der Kommunikation, oder noch eher skeptisch?

Die Betriebe sind da sehr entgegenkommend. Sie hatten ja in den letzten Jahren schon viel Nachwuchs mit Migrationshintergrund – und auch da sind oft die Sprachkenntnisse nicht so wahnsinnig groß. Von daher sind sie es gewohnt, auch etwas mit Händen und Füßen zu erklären.

Und in der Berufsschule? Sie haben für die Spanier eine eigene Klasse eingerichtet. Wird dort ganz normal auf Deutsch unterrichtet?

Wir werden bewusst auf Deutsch unterrichten. Ganz klar: Sie sollen Deutsch lernen. Wir werden keinen Spanischunterricht machen. Wirtschaftskunde, Mathematik, das läuft alles auf Deutsch. Dadurch lernt man am schnellsten. Aber wir haben zwei Spanisch sprechende Lehrer, falls es irgendwo klemmt. Aber ganz klar ist auch: Wir werden am Anfang inhaltlich ein geringeres Lerntempo haben. Sie sind in der Gruppe ja homogen, deshalb kann man es langsamer angehen, und man kann natürlich bestimmte Sachen übersetzen. Aber eigentlich wird der Unterricht – ich hoffe das klappt dann auch – in deutscher Sprache abgehalten. Wir sind da sehr optimistisch, dass wir das hinkriegen.

Und in der praktischen Ausbildung?

In der Praxis wird ja viel vorgemacht: Sie kriegen die Arbeitsschritte gezeigt und müssen es nachmachen. Das geht relativ gut. Und wenn man dann die Werkzeuge anspricht, die Tätigkeiten und es dann auch in der Praxis umsetzt, dann ist es etwas anderes als Vokabeln zu lernen. Dann lernen sie die Wörter ganz automatisch nebenbei.

Wie lautet ihr bisheriges Fazit für das Pilotprojekt?

Das ganze Projekt war viel umfangreicher, als wir es uns zu Beginn gedacht haben. Wir haben das nur geschafft, weil alle Beteiligten an einem Strang gezogen haben. Aber wir planen weitere Projekte in dieser Richtung.

Roland Falk, Bereichsleiter des Stuckateur-Verbands in Baden-Württemberg

Roland Falk ist Bereichsleiter des Fachverbands der Stuckateure für Ausbau und Fassade in Baden-Württemberg und Leiter des vom Verband betriebenen Kompetenzzentrums in Leonberg bei Stuttgart.

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