Management Jeremy Rifkin – Die empathische Zivilisation

Ade, Homo oeconomicus, willkommen, Homo empathicus: Ab jetzt regiert das Mitgefühl. Die Menschen hätten verstanden, dass die Zukunft nicht mehr kalten Machtmenschen gehöre, sondern den Einfühlsamen, sagt der US-Soziologe Jeremy Rifkin

Welche Eigenschaft sollte jemand
haben, der amerikanischer Präsident
werden will? Diese Frage
wurde 2008 den Wählern der US-Demokraten
gestellt. Obamas Anhänger trafen
eine überraschende Wahl: Die Mehrheit
entschied sich nicht dafür, primär den
Kandidaten „mit den besten Chancen“
ins Rennen zu schicken. Für sie war eine
andere Qualität wichtiger – Empathie.
Wer der mächtigste Mann der Welt werden
wolle, müsse heutzutage vor allem
mitfühlend sein, forderten sie.

Für Jeremy Rifkin zeigt sich darin ein
Umbruch: Die Menschen hätten verstanden,
dass die Zukunft nicht mehr kalten
Machtmenschen gehöre, sondern den
Einfühlsamen. Das behauptet der US-Soziologe,
Ökonom und Gründer der Foundation
on Economic Trends in seinem
neuen Buch „Die empathische Zivilisation“.
Darin stellt er nicht weniger als die
zentrale These der Wirtschaftswissenschaften
infrage – die Annahme, der
Mensch verfolge letztendlich nur seine
eigenen Interessen. Laut Rifkin sterbe
der nutzenmaximierende Homo oeconomicus
aus. An seine Stelle trete der
Homo empathicus, eine mitfühlende Version
2.0, die ihre „Sucht nach Glück
durch Reichtum“ überwunden habe.

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Für seine Beweisführung nimmt sich
der Autor, durch Bücher wie „Das Ende
der Arbeit und ihre Zukunft“ weltweit bekannt
geworden, viel Zeit. Auf über 300
Seiten spannt er den Bogen von den Sumerern
über Newton und Freud bis zum
Tod von Prinzessin Diana. Er schildert,
wie der Fortschritt es dem Menschen ermöglichte,
sich als das mitfühlende Wesen
zu outen, das er ist. Jetzt habe diese
Entwicklung – zumindest im Westen –
die Massen erreicht: „Wir fühlen mit Eisbären
und Pinguinen, denen (…) das Eis
unter den Füßen wegschmilzt.“

Und was bedeutet das für die Wirtschaft?
Viel. Rifkin fordert eine neue industrielle
Revolution: Die Menschheit
müsse sich vom Öl verabschieden und
den CO2-Ausstoß stoppen. Eltern sollten
Kindern nichtmaterialistische Werte vermitteln,
Schulen Lehrpläne aufstellen,
die „zu global-emotionalen Beziehungen“
verhelfen. Ein wahrer Rundumschlag:
Mal doziert er über kindliche
Entwicklungspsychologie,
mal über Untergangsszenarien.

Zweifellos stecken in den 460 Seiten
viele Denkanstöße und Ideen. Doch wer
das wirklich Neue sucht, wird enttäuscht
sein. In dieser Hinsicht bietet die Konkurrenz
– von Don Tapscott über Jeff Jarvis
bis Tom Peters – mehr. Rifkin beschränkt
sich darauf, bekannte Zukunftsprognosen
zu recyclen. Seine Fans werden das
Buch dennoch lieben, denn Rifkins Guru-
Bonus überstrahlt die kleinen Mängel
seiner Arbeit.

Daten zum Buch
Titel: Die empathische Zivilisation – Wege zu einem globalen Bewusstsein
Autor: Jeremy Rifkin
Verlag: Campus
Preis: 26,90 Euro

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