Management Jetzt geht’s los

Nikolaus Förster, Antonia Götsch, Jonas Hetzer (v. l.)

Nikolaus Förster, Antonia Götsch, Jonas Hetzer (v. l.)

In 71 Tagen bis zur Unterschrift: Wie Chefredakteur Nikolaus Förster den impulse-Kauf einfädelte und mit Vertrauten die Gründung der neuen Firma vorbereitete.

Als ich mich am Abend des 30. Oktober ins Auto setze, Kaltenkirchen ansteuere, ein kleines Städtchen zwischen Hamburg und Kiel, ist völlig offen, ob impulse eine Zukunft hat. Längst werden bei Gruner + Jahr alle Optionen durchgespielt. Aber lässt sich der Titel überhaupt aus dem Verlag ­herauslösen? Oder scheitert dies an arbeits- oder markenrechtlichen Fragen? Freunde haben mir spezialisierte Anwälte, außerhalb von Hamburg, empfohlen, die dies ausloten sollen. Immerhin, so die erste Einschätzung nach zwei Stunden: Es gibt eine Chance.

Zwei Tage später signalisiert mir G + J-Vorstand Julia Jäkel, sie könne sich einen Management-Buy-out (MBO) gut vorstellen, wenn es einen konkreten Plan gäbe. Von nun an führe ich ein Doppelleben. Tagsüber bin ich Chefredakteur, die restliche Zeit stecke ich in einem M&A-Prozess, als Käufer und Gründer zugleich. Businessplan schreiben, Finanzierung sichern, Kaufvertrag aushandeln, das Start-up vorbereiten – 71 Tage Ausnahmezustand. Nach einer ge­fühlten Ewigkeit – am 9. Januar, abends um 22.09 Uhr – ist es so weit. Ich unterschreibe.

Anzeige

Codename „Caption“

Mit einem Mal ist das Mittelstandsmagazin nicht mehr Teil eines Konzerns, sondern selbst Mittelständler. „Es lebe das Unternehmertum!“, schreibt ein Leser am nächsten Tag. Angesichts der Schließung der defizitären G + J-Wirtschafts­medien – vor allem die „Financial Times Deutschland“ riss die Gruppe ins Minus – war in der Öffentlichkeit auch über ein Aus von impulse spekuliert worden. Dabei hatte sich das Blatt selbst im Krisenjahr 2012 gut behauptet. Eile war geboten, um Leser, Kooperationspartner und Anzeigenkunden zu beruhigen. Und den Mitarbeitern eine Perspektive zu geben.

Binnen drei Wochen entsteht ein Businessplan, gespickt mit Controllingdaten und realen Kosten, die wir – inkognito – bei externen Dienstleistern recherchieren. Eingeweiht sind zunächst nur vier Personen: Ole Jendis aus dem Verlag macht erste Kalkulationen, der leitende Redakteur Jonas Hetzer kümmert sich um Rechtsformen und Fördermittel, Projektmanagerin Anita Krüger nimmt mit Maklern Kontakt auf – und meine Stellvertreterin Antonia Götsch wird im Urlaub in Australien per SMS auf dem Laufenden gehalten. Schnell werden mit ­Gruner + Jahr erste Eckpunkte festgezurrt. Und doch ist der Deal noch längst nicht in trockenen Tüchern, es gibt auch andere Interessenten. Gruner + Jahr schaltet die M&A-Beratung Angermann ein und lässt einen virtuellen Datenraum einrichten, Codename „Caption“. Bis Mitte Dezember sichten Investoren die internen Zahlen – und geben Gebote ab. Es sind quälende Wochen für die Mitarbeiter, die nicht wissen, ob der MBO gelingt. Als Glücksfall erweist sich in dieser Zeit der M&A-Spezialist Hauke Thilow von der Kanzlei Brock Müller Ziegenbein, der mich begleitet. Bis zu sechs Verhandlungs­gegner sitzen uns zeitweise gegenüber. Thilow weiß, an welchen Stellen es sich zu kämpfen lohnt.

Noch steht auch die Finanzierung nicht. Trotz hohen Cashflows fordert der Verlag einen Nachweis weiterer Liquidität, damit das Start-up krisensicher ist. Die impulse-Mitarbeiter, denen eine Stelle angeboten wird, sollen im Gegenzug auf ihre Abfindungen verzichten. Und ermöglichen so, dass der Kaufpreis reduziert wird. Sie werden künftig an den Gewinnen beteiligt.

Investoren zeigen großes Interesse: Ich spreche mit Unternehmern und Beteiligungsgesellschaften, schaue, wer welches Kapital und Know-how einbringen könnte. Auch Banken und die Bürgschaftsgemeinschaft Hamburg stehen bereit. Es gibt mehrere Optionen. Im Dezember ruft der Unternehmer Dirk Möhrle an, der in den Medien vom MBO erfahren hat. Die Chemie stimmt, wir kennen uns seit zwei Jahren, sind uns schnell über die strategischen Fragen einig – und die Rollenverteilung. Möhrle will Sparringspartner sein, als Minderheitsgesellschafter. Am 19. Dezember besiegeln wir die Partnerschaft, bei Burrito und Bier in Berlin.

Die Verhandlungen mit Gruner + Jahr laufen derweil weiter, bis der Vorstand nach Weihnachten endlich offiziell dem MBO zustimmt. Es dauert noch zehn Tage, bis sämtliche Details geklärt sind – fast zumindest. „Wenn wir heute nur lesen“, sagt Notar Til Bräutigam, als er mit der Beurkundung des Vertrags startet, „müssten wir um 17 Uhr durch sein – es sei denn, die Parteien wollen noch einmal verhandeln.“ Wollen sie – bis 22.09 Uhr.

„Chapeau!“, schreibt eine Unternehmerin am Tag drauf. „Ich wünsche Ihnen ein glückliches Händchen, motivierte Mitarbeiter, treue und zahlungswillige Leser und immer genügend Geld in der Kriegskasse!“

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...