Management Karl-Heinz Paqué: Die Bilanz

20 Jahre nach dem Fall der Mauer ist Einheits-Bashing out. Zumindest bei Autoren.

„Wiedervereinigung ungültig – Kohl war gedopt“. Mit dieser Schlagzeile sorgt das Satireblatt „Titanic“ 1992 für Lacher – nicht zuletzt, weil sich viele Deutschen damals wünschten, sie wäre wahr. Statt in blühende Landschaften hatte sich der Osten offenbar in ein Subventionsgrab verwandelt, und viele Deutsche hielten den Aufbau für gescheitert. Eine bis heute populäre Einschätzung. Doch pünktlich zum 20. Jahrestag weht ein neuer „Wind of Change“, zumindest durch die Buchläden: Einheits-Bashing ist out, immer mehr Autoren ziehen ein positives Fazit der Wiedervereinigung.

Karl-Heinz Paqué zum Beispiel. „Nicht das Erreichte ist enttäuschend, sondern die Aufgabe war extrem schwierig“, schreibt der ehemalige Finanzminister von Sachsen-Anhalt in „Die Bilanz“. Der Wirtschaftsprofessor versucht die Frage zu klären: Wie steht der Osten nach zwei Dekaden Einheit und 500 Milliarden Euro Transferzahlungen da? Paqué gibt sich Mühe, ein ausgewogenes Bild zu zeichnen, selbst beim Reizthema Treuhand. Deren Bilanz sieht auf den ersten Blick ziemlich traurig aus: Statt mit der Ostindustrie 600 Milliarden D-Mark zu erlösen, machten die Privatisierer 200 Milliarden D-Mark Minus. Dass es so kam, führt Paqué auf den „Werkstor-Kapitalismus“ der Treuhand-Manager zurück, die nur Bauten und Maschinen eines Betriebs betrachtet hätten, als sie den Verkaufspreis festlegten. Doch letztendlich ließen sich vor allem Ostunternehmen mit klingendem Markennamen und solidem Kundenstamm gut verkaufen – etwa die Brauereien.

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Als Ladenhüter dagegen entpuppte sich jede Art von Hardware: Leuna, Buna, Eko Stahl. Dennoch beurteilt Paqué die Arbeit der Treuhand insgesamt positiv: „Dass sie einigermaßen geordnet ablief,“ schreibt er, „ist nicht hoch genug einzuschätzen.“ Ähnlich milde fällt seine Gesamtbilanz aus: Zum einen sei in den neuen Ländern eine funktionsfähige Marktwirtschaft installiert worden, die zumindest den Vergleich mit anderen Ostblockländern nicht scheuen müsse. Zum anderen sei es gelungen, eine massenhafte Abwanderung zu verhindern. Für ihn ist das Glas offenbar eher halb voll – selbst, wenn einige Landstriche im Osten mittlerweile schon halb leer sind.

Solche Punkte sind Ansichtssache. Unbestritten dagegen sind Paqués Qualitäten als Autor: Er gehört zur raren Spezies des deutschen Professors, der auch gut schreiben kann. Das Buch liest sich flüssig, nur ab und zu scheint der Politiker durch, etwa wenn er den Leser mit Monstern wie „Sonderbedarfsbundesergänzungszuweisungen“ erschreckt. Aber so war die Einheit nun mal: monströs (ein ausführliches Interview mit dem Minister a. D. lesen Sie auf impulse.de) Ins selbe Horn wie Paqué stößt Gerhard Ritter in seinem Buch „Wir sind das Volk! Wir sind ein Volk!“. Die deutsche Vereinigung war „eine Sternstunde der an solchen nicht gerade reichen deutschen Geschichte“, schreibt der Historiker in seinem Einheitsfazit. Kohl & Co. hätten in den meisten Punkten keine Alternativen gehabt – vom Währungsumtausch im Verhältnis von eins zu eins bis zum Export des westdeutschen Sozialsystems. Fehler seien nur im Detail gemacht worden, befindet Ritter.

„Wir sind das Volk!“ punktet, wie zu erwarten, vor allem mit historischer Detailfülle. Wer etwa kann sich noch daran erinnern, dass ein gewisser Oskar Lafontaine die gemeinsame Staatsbürgerschaft von Ost- und Westdeutschen infrage stellte? Oder dass Gorbatschow nicht ausschloss, das vereinte Deutschland in den Warschauer Pakt aufzunehmen? Richters Einschätzung fällt knapp aus. Deutschland stand vor einer Mission Impossible – und hat das Beste daraus gemacht.

Kreative Fördermittelabstauber

Ganz persönliche Einheitsgeschichten beschreibt „Zukunft erfinden – Kreative Projekte in Ostdeutschland“. Christoph Links und Kristina Volke präsentieren findige Menschen, die den Aufbau Ost gemeistert haben – abseits der „hoch subventionierten Wirtschaftsansiedlungen“. Zum Beispiel die Bürger von Bad Schlema. Als Ende 2005 der letzte Supermarkt in dem sächsischen Ort dichtmachte, gründeten rund 200 Schlemaer eine Genossenschaft und legten 32.500 Euro zusammen – genug für Regale, Miete und Mitarbeiter. Schon fünf Monate später eröffnete der ortseigene Frischemarkt.

„Zukunft erfinden“ ist ein Potpourri von inspirierenden Geschichten – die allerdings einen Mangel haben. Bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass viele Ideen letztlich sehr wohl mit Staatsgeld auf den Weg gebracht wurden. Das stört eigentlich nicht weiter – würden es die Autoren nicht als Tugend verklären. So wird ein Projektbeteiligter stolz mit dem Satz zitiert: „Das ist unsere Stärke. Wir kennen die Probleme, wissen (…), welche Fördermöglichkeiten es gibt.“ Sollte hier wirklich die im Untertitel des Buchs versprochene „Kreativität“ Ostdeutschlands liegen, dürfte das so manchem Leser und Solizahler sauer aufstoßen.

Die Bilanz – eine
wirtschaftliche Analyse der deutschen Einheit,

Autor: Karl-Heinz Paqué

Verlag: Hanser, 309 Seiten

Preis: 19,90 Euro

Zukunft erfinden – Kreative Projekte in Ostdeutschland,

Autor: Christoph Links

Verlag: Ch. Links, 240 Seiten,

Preis: 16,90 Euro

Wir sind das Volk! Wir sind
ein Volk! – Geschichte der deutschen Einigung,

Autor: Gerhard Ritter

Verlag: Beck, 190 Seiten

Preis: 12,95 Euro

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