Management Keine Angst vor klaren Worten

Der offene Umgang mit Finanzdaten baut Vertrauen bei den Banken auf. Diese Transparenz wird belohnt - gerade, wenn's hart auf hart kommt.

Wenn die Banken wissen, dass es in der Branche kriselt, bleiben sie hellhörig, auch wenn die Bilanz gut aussieht und üppige Prämien und Tantiemen ausgeschüttet werden. So wie beim Straßenbauer Gebr. von der Wettern. Doch 2004 erwischt die Rezession im Bau auch das Kölner Unternehmen. Die Banken kürzen die Kreditlinien und nötigen der Firma einen neuen Geschäftsführer auf. Der trimmt sie auf Verkauf. Verzweifelte Versuche der Eigentümer­familie, die Firma in eigener Regie weiterzu­führen, torpedieren die Banken. 2007 wird das Unternehmen Gebr. von der Wettern verkauft.

Die bösen Banken tragen die Schuld. Sagt die Familie von der Wettern. Sagen viele Unter­nehmer, sobald die Bank zickt. Weil sie neue Kredite ablehnt, die bestehenden Kreditlinien kürzt, plötzlich unverschämte Fragen stellt.

Anzeige

Das ist der Blickwinkel der Unternehmen. Die Sicht der Banken: Wir wollen unser Geld wiedersehen. Wo Risiko droht, leuchten Warnlampen auf. Es besteht die Gefahr, verliehenes Geld komplett zu verlieren.

In dieser Situation verändern sich die Rollen. Der Unternehmer, lange hofiert, wird ins Kreuzverhör genommen wie ein armer Sünder. Leute von der Bank kommen und wollen ihm sagen – mehr noch: diktieren! -, wie er seinen ­Laden zu führen hat. „Macht wandelt sich in Abhängigkeit“, sagt Dietmar Reeh, Leiter Restrukturierung bei der IKB Deutsche Industriebank. „Das ist schwer zu akzeptieren“, häufig genug wird es als Missachtung gewertet.

Das Vertrauensverhältnis jedenfalls ist zerstört, auf beiden Seiten. Die Bank weiß ja nicht, wie lange sich der Firmenchef gesträubt hat, die Notlage anzuerkennen, wie lange er auf bessere Zeiten gehofft hat. Die Bank sieht: Wichtige Informationen wurden ihr vorenthalten – und unterstellt Absicht. Wäre der Unternehmer bloß früher gekommen.

Aber er kommt nicht. Nur jede siebte Firma bemüht sich um eine „offensivere, proaktive ­Finanzkommunikation“. Das belegt eine Umfrage des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) unter 1500 Mittelständlern. Diese Minderheit ist allerdings auf dem richtigen Weg, wie Stephan Paul, Professor am Institut für Kredit- und Finanzwirtschaft der Ruhr-Universität Bochum, herausgefunden hat. Er führte Interviews mit 30 Mittelständlern, die mit ­ihren Kapitalgebern seit Jahren offen und transparent umgehen. Nahezu einhellig berichteten die Manager, dass sie dadurch eine Reputation aufgebaut hätten, die ihnen in kritischen Phasen hilft. Paul: „Aktive Finanzkommunikation spannt einen Schutzschirm über die Unternehmen, der auf Vertrauen basiert.“

Wie wichtig dieses Vertrauensverhältnis ist, wissen die Gewinner des Wettbewerbs „Beste ­Finanz-Kommunikation im Mittelstand“. Der Preis wird in diesem Jahr zum fünften Mal ausgeschrieben. Vergeben wird er vom Kreditver­sicherer Euler Hermes gemeinsam mit der Commerzbank, dem Bundeswirtschaftsministerium, dem BDI, impulse und der Financial Times Deutschland, und zwar in drei Kategorien: ­Kleiner, Mittlerer und Großer Mittelstand.

Ständig im Dialog

Den Preis für die Großen (Umsatz mehr als 100 Mio. Euro) gewann im vergangenen Jahr der Autozulieferer Hirschvogel Holding. Dessen Umsatz war im ersten Quartal 2009 um fast die Hälfte eingebrochen, weil die Autokonzerne ihre Aufträge rigoros zusammengestrichen hatten. Das Gros der fast 3000 Beschäftigten in den sechs Hirschvogel-Werken musste kurz­arbeiten. Finanzchef und Geschäftsführer ­Josef Baumeister brütete über finsteren Zahlen. Doch als er zu den Banken ging, um die Kreditlinien zu verlängern und auszuweiten, bekam er das Geld. Problemlos „und zu kaum schlechteren Konditionen als vor der Krise“.

Baumeister erklärt den Erfolg mit dem Dialog, den er mit allen Kapitalgebern pflegt. Alle drei Monate bekommen Banken, Kreditver­sicherer und Halter stiller Anteile aktuelle ­Geschäftsdaten. Zusätzlich zur Jahresbilanz erhalten sie mittlerweile auch eine Dreijahresplanung. Und einmal im Jahr lädt Hirschvogel die Finanzierungspartner zu einer „Bankenrunde“ ein, in der die jüngsten Zahlen erläutert und diskutiert werden.

Der Wettbewerb
Zum fünften Mal werden Preise für die „Beste Finanz-Kommunikation im Mittelstand“ vergeben.
Die drei Kategorien Die teilnehmenden Unternehmen werden nach Umsatz eingeteilt: bis 5 Mio. Euro, 5 bis 100 Mio. Euro und mehr als 100 Mio. Euro. Die Gewinner erhalten jeweils 10.000 Euro Preisgeld.
Die Bewerbungen Bewerbungen können bis zum 15. Juli eingereicht werden. Eine Jury ermittelt anschließend die Gewinner. Die Preise werden am 18. Oktober verliehen. Mehr Informationen und die Bewerbungsunterlagen unter: www.fikomm.de

„Finanzkommunikation“, sagt Baumeister, „ist die Basis für eine starke Position in den Verhandlungen mit Banken.“ Das kann Paul-Gerhard Schmidt bestätigen. Er ist kaufmännischer Leiter bei Acrolyne Construction + Kunststoff Design, vergangenes Jahr Gewinner bei den „Kleinen“ (Umsatz unter 5 Mio. Euro). Die Firma aus dem siegerländischen Freudenberg stellt Tische, Stühle und andere Accessoires aus Acryl und Plexiglas für Messen her. 2008 brach dieses Geschäft ein. Schmidt entwickelte daraufhin ein „Finanzportal“, das alle Geld- und ­Warenströme darstellte, heruntergebrochen auf jeden einzelnen Auftrag. Acrolyne öffnete dieses Portal bald darauf seinen Finanzierungspartnern. Die bedankten sich für diese Transparenz, indem sie die Kontokorrentlinien fast verdoppelten, den Zins senkten und sogar langfristige Darlehen für neue Maschinen vergaben. Und das, obwohl der Acrolyne-Umsatz 2009 um 30 Prozent einbrach.

Den dritten Gewinnerpreis erhielt Hotelbad­ausstatter Aliseo. Das Unternehmen aus Wolfach versorgt Hausbanken und Kreditversicherer monatlich mit einem „Management Summary Newsletter“ und gibt darüber hinaus den Kapitalgebern Zugriff auf die sensiblen ­Finanzdaten im Intranet. „Die Banken sollen genau wissen, was bei uns läuft“, sagt Juniorchef Jan Hellfritz. Eine Ausnahme, aber eine vorbildliche, sagt Martin Fischedick, Bereichs­vorstand Corporate Banking bei der Commerzbank: „Bei Aliseo sollen die Kapitalgeber mit den Augen des Managements sehen können.“

Diese Aussage gelte umgekehrt natürlich ­genauso, sagt Finanzexperte Paul von der Ruhr-Universität: „Finanzkommunikation muss – wie beim Absatz – vom Kunden her, also vom Kapital­geber gedacht werden.“ Banker sind Zahlenmenschen, aber nur im Kontext des ­Wofür erschließt sich der Sinn dieser Zahlen. Nur wenn die Banken verstehen, warum Unternehmen so handeln, wie sie handeln, werden sie den Weg überzeugt mitgehen.

Wenn sich Banken trotz offener Kommunikation zögerlich zeigen oder sich sogar sperren, sollten Unternehmen selbstkritisch die eigene Strategie hinterfragen – jeder Blick von außen ist hilfreich. Stimmt aber die Strategie, hapert es vielleicht bei der Wahl der Bank. Kluge Unternehmer entwickeln Raster, um festzustellen, ob ein Kapitalgeber überhaupt zu ihm passt. Paul: „Jedes Unternehmen muss auf diesem Feld seinen individuellen Weg finden.“

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...