Management Kolumbien – der Aufsteiger in Amerika

Drogenmafia, Guerillakrieg, Entführungen: Kaum ein Land in Südamerika hat einen so schlechten Ruf wie Kolumbien. Wahr ist aber auch: Kaum ein anderes Land der Region bietet zurzeit bessere Wachstumschancen. Das hat viele Gründe.

Ein Ufo ist gelandet am Flughafen von Bogotá. Der neue, geschwungene Glaspalast überragt die alte Wartehalle. Überall spurten Bauarbeiter mit Schutzhelmen auf und ab, gerade montieren einige die Fassadenverkleidung. Sie schuften in drei Schichten, rund um die Uhr, der neue Terminal soll möglichst noch in diesem Jahr in Betrieb gehen.

Auf keinem anderen Flughafen Südamerikas werden mehr Güter umgeschlagen als hier. Ein boomender Binnenmarkt sorgt für eine weiter steigende Nachfrage nach Produkten. Zudem steckt die kolumbianische Regierung Milliarden in den Ausbau von Straßen, Eisenbahnlinien und Häfen, auch Pipelines und Mobilfunknetze müssen neu gebaut oder modernisiert werden. Die ausländischen Direktinvestitionen stiegen allein in der ersten Jahreshälfte 2011 um rund 60 Prozent.

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Kolumbien hat beste Voraussetzungen, um eine wichtige Drehscheibe im Handel und Tourismus zu werden: Es hat einen direkten Zugang zu zwei Ozeanen, dem Pazifik und dem Atlantik. Und es liegt auf halbem Weg zwischen den Wirtschaftsmetropolen São Paulo, Rio de Janeiro, Buenos Aires und den Millionenstädten an der US-Ostküste. Daher bauen die Logistiker Kühne+Nagel und Hamburg Süd den Containerhafen von Cartagena im Norden des Landes zu ihrem regionalen Hub aus.

Was für ein Wandel. Drogenmafia und die Todesschwadronen, Guerillakrieg und Entführungen, ein Land im Griff der Farc-Rebellen – das ist das Klischee, das an Kolumbien haftet. Kaum ein Land in Lateinamerika hat einen so schlechten Ruf wie der Andenstaat. Da muss man schon verrückt sein, um dort sein Geld zu investieren. Oder?

„Es ist hier nicht so schlimm, wie alle in Europa denken“, sagt Gerald Hettwer. Der groß gewachsene Blonde kam nach Bogotá, um für den Lübecker Medizintechnikhersteller Dräger den Vertrieb aufzubauen. „Kolumbien hat mit seiner Vergangenheit abgeschlossen.“ Die Regierung hat die Macht der Drogenkartelle weitgehend gebrochen, ging gegen linke Guerillagruppen und rechte Paramilitärbanden vor. Die Zahl der Entführungen ist deutlich zurückgegangen, die Kriminalität in den Städten wurde massiv reduziert. Heute ist Bogotá wohl sicherer als lateinamerikanische Metropolen wie Caracas, Rio de Janeiro oder São Paulo.

Von seinem Büro blickt Hettwer auf den tropisch grünen Bergrücken im Westen Bogotás. Gleich nebenan liegt der Parque de la 93, umringt von Dutzenden schicken Restaurants, modernen Cafés und Bars. Im BBC-Pub – BBC steht hier für Bogotá Beer Company – hat sich nach der Arbeit ein hippes Volk eingefunden, das keinen Vergleich mit London oder New York zu scheuen braucht.

Und an Arbeit mangelt es nicht, die Geschäfte laufen rund. „In Kolumbien konnten wir in den letzten Jahren eine der höchsten Wachstumsraten im Konzern erzielen. Mittlerweile verkaufen wir hier mehr als in Argentinien“, sagt Hettwer, der binnen Jahresfrist die Dependance in die Gewinnzone hievte. Dräger ist dabei, wenn neue Krankenhäuser gebaut und alte Operationssäle modernisiert werden. „Nach vier Dekaden Bürgerkrieg gibt es überall einen riesigen Nachholbedarf“, sagt Hettwer. „Und das gilt für alle Branchen.“

Kaum ein anderes Land in der Region bietet zurzeit bessere Wachstumschancen. Kolumbien hat mit 47 Millionen Einwohnern den drittgrößten Binnenmarkt Lateinamerikas, die Kaufkraft der Bevölkerung nimmt rapide zu, die gesetzlichen Rahmenbedingungen sind ausgesprochen gut. Kolumbien hat die Märkte geöffnet, Rechte der Investoren gestärkt, Prozeduren vereinfacht und geht offensiv gegen Korruption vor.

Doch während sich Unternehmen in China und Indien, in Brasilien und Mexiko gegenseitig auf die Füße treten und mit Rabattschlachten um Marktanteile kämpfen, trauen sich erst wenige nach Kolumbien. „In Brasilien gibt es etwa 1000 deutsche Firmen“, sagt Thomas Voigt, Leiter der Deutsch-Kolumbianischen Industrie- und Handelskammer (IHK) in Bogotá. „In Kolumbien haben wir erst etwa 60 deutsche Niederlassungen.“ Die Bundespolitiker, die reihenweise zu Besuch kommen, würden das gern geändert wissen. Angela Merkel war 2008 die erste deutsche Regierungschefin, die je nach Bogotá kam. Das hat auch damit zu tun, dass Kolumbien Deutschlands zweitwichtigster Kohlelieferant ist und über reichhaltige Öl-, Nickel- und Goldvorräte verfügt.

Sich trauen. Und schwärmen

Unternehmer, die sich schon getraut haben, schwärmen. Krauss Maffei hat vor fünf Jahren den Sprung nach Kolumbien gewagt und produziert hier Plastikflaschen. „Das Investment hat sich für uns bereits ab dem ersten Jahr gelohnt“, sagt Vorstandschef Jan Olaf Siebert.

Rohde & Schwarz ist vor Kurzem in ein zweistöckiges Haus im Norden Bogotás umgezogen, weil das alte Quartier für 20 ständige Mitarbeiter zu klein wurde. Das Unternehmen aus München verkauft Sendeanlagen und Radiosysteme, baute zuletzt das Luftraumkontrollsystem aus: Dafür mussten landesweit 162 Radiosender installiert werden. „Unsere Umsätze sind in den letzten Jahren großartig gewachsen“, sagt Andres Betancourt, Geschäftsführer von Rohde & Schwarz in Bogotá.

Die Deutschen mögen zwar als Langweiler belächelt werden, man vertraut ihnen aber mehr als den eigenen Landsleuten. Als deutsches Unternehmen habe man hier einen Wettbewerbsvorteil, sagt Betancourt: „Hecho en Alemania“ gilt als Qualitätssiegel. Bei Textilien oder Spielzeugwaren guckt man auf den Preis, da haben die Chinesen den Markt im Griff. „Bei der Hightech wollen die Kolumbianer aber Qualität und sind bereit, dafür auch mehr zu bezahlen.“ Zudem arbeitet der Zoll effektiv und ist nicht korrupt. Die Waren gelangen problemlos ins Land.

Die politische Stabilität und der soziale Frieden haben viele neue Geschäftsperspektiven eröffnet. Reiche Rohstoffvorkommen und brachliegende landwirtschaftliche Flächen, die wegen des Bürgerkriegs nicht zugänglich waren, können endlich erschlossen und entwickelt werden. „In fast allen Sektoren der Wirtschaft gibt es gute Chancen für deutsche Unternehmer“, sagt IHK-Leiter Voigt. Der Bergbau braucht Fördermaschinen und Sicherheitstechnik, das Gesundheitswesen medizinische Geräte, die Landwirtschaft Agrartechnik. Die Finanzbranche ist 2011 um ein Drittel gewachsen, ausländische Banken drängen in den Markt. Voigt: „Allein kann es Kolumbien unmöglich schaffen, es werden Know-how und moderne Ausrüstung gebraucht.“

So drängen Konzerne in den Markt. General Motors, Toyota und Renault bauen ihre Autos bereits im Land. Deutsche Konkurrenz wie VW oder BMW hat den Einstieg noch nicht gewagt, nur Daimler lässt seine Busse vor Ort montieren. Auch Siemens hat ein Werk eröffnet, im Schlepptau sind auch viele Zulieferer.

Die neuen Investoren lösen einen Bauboom aus. Im Finanzdistrikt Bogotás schießen überall neue Bürotürme empor. Die Straßen sind notorisch verstopft, nun soll ein neues Bussystem für Abhilfe sorgen.

Besonders gut entwickelt hat sich die alte Drogenhochburg Medellín. Die ehemaligen Armenviertel oberhalb der Stadt sind heute über eine Rolltreppe mit der Innenstadt verbunden, in der moderne Einkaufszentren das Bild prägen. Immer mehr ausländische Firmen machen ihre Niederlassungen in der Zwei-Millionen-Einwohner-Stadt auf, die mit einem angenehmen Klima und hervorragenden Hochschulen aufwarten kann.

„Die Kolumbianer arbeiten hart, um ihre Qualifikation zu verbessern“, sagt Rohde-&-Schwarz-Chef Betancourt, selbst ein in Kolumbien ausgebildeter Ingenieur. Die Firma arbeitet erfolgreich mit mehreren Universitäten zusammen. Die Handwerkerausbildung ist zwar kaum mit der deutschen vergleichbar, steht im regionalen Vergleich aber an der Spitze.

Bei aller Qualität der Arbeitnehmer: „Für die Aufbauphase ist es wichtig, einen Manager aus Deutschland zu entsenden“, glaubt Dräger-Mann Hettwer. Einen, der dem Unternehmen verpflichtet ist und nicht im Netz gegenseitiger Abhängigkeiten in Kolumbien gefangen ist. „In der kolumbianischen Gesellschaft ist eine latente Neigung zu Korruption vorhanden“, erzählt ein anderer Manager. „Man ist gewohnt, sich gegenseitig Gefälligkeiten zu erkaufen.“ Die Zahlungsmoral lässt manchmal zu wünschen übrig, sei aber besser als in Mexiko oder Brasilien. „Wir haben bisher noch keinen größeren finanziellen Ausfall gehabt“, sagt Hettwer.

Bis einer aufgibt

Personelle Ausfälle schon eher, denn für Chefs ist es oft schwer, die Leute zu managen. Sie „trennen das Privatleben nicht vom Geschäft, tragen ihre familiären Probleme in die Firma“, erzählt Hettwer. „In Deutschland können Leute, die sich nicht verstehen, dennoch zusammenarbeiten. Hier ist das selten möglich. Meist wird so lange intrigiert, bis einer aufgibt und geht.“

Als Chef sei es nötig, Distanz zu Mitarbeitern zu halten: „Wenn man jemanden zu freundschaftlich behandelt, kommt es vor, dass er versucht, die Situation auszunutzen“, sagt Hettwer. „Er denkt sofort: ‚Ich verstehe mich gut mit dem Chef, dann muss ich weniger machen.‘“

Firmen, die gerade ein neues Billiglohnland suchen, sind in Kolumbien falsch. Technisch versierte Mitarbeiter, die Englisch sprechen, sind kaum noch unter 2000 Euro Monatsgehalt zu haben. Die Sozialausgaben sind hoch, sie liegen bei 35 Prozent des Gehalts. Auch die Steuersätze sind mit denen in Deutschland vergleichbar: Die Einkommensteuer liegt bei 30 Prozent, die Unternehmenssteuer bei 33 Prozent. Hoch sind auch die Lebenshaltungskosten: Für eine Wohnung im Norden von Bogotá werden leicht 2000 Euro an Miete fällig.

Dafür müht sich die Regierung, es Investoren aus dem Ausland recht zu machen, und hat ausländische Firmen den kolumbianischen per Gesetz gleichgestellt. Bei der Investitionssicherheit liegt Kolumbien auf dem fünften Rang weltweit. „Eine Firma zu gründen ist heute billig und unkompliziert, es dauert maximal zwei Wochen“, sagt der Rechtsanwalt Alexander von Bila, der mehrheitlich deutsche Investoren betreut. Auch andere bürokratische Hürden sind leicht zu nehmen. „Für den Eintrag ins Handelsregister, die Vergabe der Steuernummer und die Eröffnung eines Bankkontos haben wir vielleicht drei Wochen gebraucht“, berichtet ein Mittelständler mit viel Kolumbien-Erfahrung.

Reformbedürftig scheint vor allem die Justiz, denn zivilrechtliche Verfahren ziehen sich ewig hin. Gerichtsverfahren können in erster Instanz bis zu sechs Jahre dauern, bis zu zwölf Jahre einschließlich Berufung. Das könne sich kein Unternehmen leisten, sagt der Deutschkolumbianer von Bila. „Die Richter trauen sich nicht, Entscheidungen zu treffen.“ Damit ist die Durchsetzung von Verträgen manchmal sehr schwer – auch wenn die Gerichte grundsätzlich nicht korrupt sind. „Die Schiedsgerichtsbarkeit funktioniert gut und schnell“, sagt Bila. „Marken- und Patentverfahren dauern nicht länger als acht Monate.“

Dräger-Geschäftsführer Gerald Hettwer hat trotzdem schon geklagt, und zwar gegen den Staat. Als einmal das Finanzministerium eine Lieferung beschlagnahmte, weil Dräger den Zoll nicht bezahlt hatte. „Wir klagten dagegen und bekamen recht“, sagt Hettwer. „Es war ein typischer Fall von Behördenchaos: Eine Reihe von Geräten durfte nach einer Verordnung des Gesundheitsministeriums zollfrei eingeführt werden.“

Für Hettwer nur eine Episode. Er setzt auf die Fortsetzung des kolumbianischen Wirtschaftswunders und will nun auch den Vertrieb von anderen Dräger-Produkten ausbauen. „Kolumbien wird überall unterschätzt“, sagt er. „Dabei steckt das Land voller Schätze, die nur darauf warten, gehoben zu werden.“

Handbuch für Kolumbien
Wo gibt es Informationen? Welche Messen lohnen sich? Wer hilft beim Markteintritt? Wann finden Unternehmerreisen statt? impulse beantwortet die wichtigsten Fragen
Visa Informationsreisen sind ohne Visum möglich. Sobald geschäftliche Abmachungen getroffen oder Investitionen vereinbart werden, muss ein Visum beantragt werden. Dafür muss in der Regel ein Einladungsschreiben aus Kolumbien vorliegen. www.botschaft-kolumbien.de, www.consuladocolombia-berlin.de
Organisationen und Netzwerke Die Deutsch-Kolumbianische Industrie- und Handelskammer hat Büros in Bogotá und Medellín, der zweitgrößten Stadt Kolumbiens. www.ahk-colombia.com

Investitionsprojekte und Brancheninformationen fasst die Site Invest in Colombia zusammen. www.investincolombia.com.co

Die Investitionsagentur Invest in Bogotá ist auf die unternehmerischen Chancen in Kolumbiens Hauptstadt spezialisiert.

www.investinbogota.org

Der deutsche Lateinamerika-Verein ist ein branchenübergreifender Fachverband mit den Schwerpunkten Logistik, Finanzen und Recht. www.lateinamerikaverein.de

Messen und Kongresse Medizinmesse Meditech vom 8. bis 11. Mai in Bogotá: www.feriameditech.com

Vom 19. bis 23. Juni findet die wichtigste Messe der Lebensmittelindustrie Kolumbiens statt: www.feriaalimentec.com

Logistikmesse Bogotá vom 1. bis 3. August: www.saladelasamericas.com/logistica

Branchenübergreifende Messe für neue Technologien. Feria internacional de Bogotá, vom 1. bis 5. Oktober in Bogotá. www.feriainternacional.com

Förderung und Reisen Die Handelskammer bringt vom 16. bis 22. September Unternehmer nach Bogotá. www.exportinitiative.bmwi.de

Die Unternehmerreise von Niedersachsen Global findet vom 13. bis 20. Oktober statt. www.nglobal.de

Baden-Württemberg International fährt vom 8. bis 18. Juli. www.bw-i.de

Die IHK Mittlerer Niederrhein ist im Herbst in Kolumbien: www.nrw-international.de/wege-ins-ausland/delegationsreisen

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