Management Kraft der Symbole

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Evotec-Chef Werner Lanthaler

Evotec-Chef Werner Lanthaler© Ingo Roehrbein

Evotec hatte keine klare Strategie und machte mehr Verlust als Umsatz. Dann kam Werner Lanthaler und führte die Biotechfirma in die Gewinnzone - zum ersten Mal.

Der Neue brachte Geschenke mit. Jeder der rund 150 Mitarbeiter am Hamburger Stammsitz von Evotec bekam einen Karabinerhaken und einen Kompass. Es war der neue Vorstandschef des Biotechunternehmens, der die Präsente bei seinem Dienstantritt im März 2009 verteilte: Werner Lanthaler. Die Botschaft des Österreichers war klar: Es solle bergauf gehen, aber es würde beschwerlich.

Die Bergsteigermetapher passte zur Lage der Firma – am Boden und weitgehend orientierungslos. Das 1993 vom Chemie-Nobelpreisträger Manfred Eigen und anderen Wissenschaftlern gegründete Unternehmen befand sich in einem Strategiespagat. Das Management hatte keine klare Entscheidung getroffen, ob Evotec sich auf Auftragsforschung für Pharmakonzerne oder aber auf die Entwicklung von Medikamenten auf eigenes Risiko fokussieren solle. Das Ergebnis: Als sich für die klinische Erprobung eines selbst entwickelten Schlafmittels kein Interessent aus der Pharmabranche findet, gerät Evotec in Bedrängnis. Im Jahr 2008 weist das Unternehmen mit 418 Mitarbeitern an vier Standorten gut 50 Mio. Euro operativen Verlust aus – bei nicht einmal 40 Mio. Euro Umsatz. Die Insolvenz droht; der Aktienkurs stürzt auf 55 Cent ab.

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„Wir mussten handeln“, sagt Hubert Birner, seit 2005 im Aufsichtsrat von Evotec für den Großaktionär TVM Capital, einen Münchner Finanzinvestor. Und das hieß, es sollte ein neuer Chef her. Birner wird auf Lanthaler aufmerksam, einen Ex-McKinsey-Berater, der damals Finanzvorstand des österreichischen Impfstoffentwicklers Intercell ist.

Man ist sich schnell einig. Lanthaler reizt die Chance, „einen Konzern strategisch aufzubauen“. Birner sieht zwar das Manko, dass der ambitionierte Manager noch nie CEO war, will ihn aber trotzdem holen. „Bei ihm“, sagt der Evotec-Kontrolleur, „passte das Gesamtpackage.“ Lanthaler sei durchsetzungsstark, ein guter Kommunikator und trete in Verhandlungen äußerst überzeugend auf. In seinem Umfeld wird er als energetisch und begeisternd beschrieben, als jemand, der analytisch denkt, und doch intuitiv handelt. Für Evotec eine gute Mischung.

„Als ich den Posten antrat, war die Handlungsmaxime: kein Zeitverlust!“, sagt Lanthaler. Nach nur drei Wochen präsentiert er den „Aktionsplan Evotec 2012 – Fokus und Wachstum“. Das Konzept basiert auf drei Kernpunkten. Erstens soll Evotec sich auf das Dienstleistungsgeschäft in Forschungsallianzen mit Pharmakonzernen konzentrieren. Zweitens wird die Entwicklung von Medikamenten auf die aussichtsreichsten Produkte beschränkt und nur in Partnerschaften vorangetrieben. Und drittens will Lanthaler „eine maßgebliche Reduktion der operativen Kosten“.

Das bedeutet harte Einschnitte. Lanthaler fährt die Forschungsausgaben drastisch zurück. Die Konsequenz sind Entlassungen. Von den 420 Mitarbeitern zu Beginn des Jahres 2009 werden rund 90 gekündigt.

Lanthaler ist wichtig, dass er diese Einschnitte der gesamten Belegschaft persönlich erklärt. „Restrukturierung ist keine Delegationsaufgabe“, sagt der 44-Jährige. Als die Evotec-Tochter Renovis in San Francisco geschlossen werden soll, verkündet er die schlechte Nachricht den etwa 80 Betroffenen selbst, vor Ort. Diese direkte Art, heißt es bei langjährigen Mitarbeitern, sei im Unternehmen gut angekommen. Lanthaler sagt, es ginge in der Sanierung auch um „symbolisches Management“. Man dürfe das aber nicht übertreiben, betont der studierte Betriebswirt und Psychologe.

Die Maßnahmen sollen auch Eindruck bei den Kunden machen, zeigen, dass Lanthaler Ernst macht: „Zwei Sekretärinnen zu kündigen reicht da nicht“, sagt er. Das hat Erfolg: Kein Partnerunternehmen beendet in dieser Phase die Zusammenarbeit. Im Gegenteil. Kaum im Amt, unterzeichnet Lanthaler einen Kooperationsvertrag mit dem Pharmariesen Roche; weitere Abschlüsse folgen wenig später.

Evotec profitiert vom Outsourcing-Trend in der Pharmaindustrie. Die Konzerne lagern die Frühphasenforschung für neue Wirkstoffe verstärkt aus. Die Hamburger verfügen in diesem Bereich über exzellentes Know-how und sind technologisch in der Lage, sehr schnell und hocheffizient zu arbeiten.

„Das kommt am Kapitalmarkt gut an“

Ein Wettbewerbsvorteil in einer unübersichtlichen Branche, in der Evotec gegen Dutzende Konkurrenten antritt. Erfolgreich: Mit rund 60 Unternehmen gibt es Forschungsallianzen und Entwicklungspartnerschaften, darunter Konzerne wie AstraZeneca, Pfizer und Boehringer Ingelheim. Erst Anfang Oktober wurde eine fünfjährige Zusammenarbeit mit Bayer vereinbart.

Derartige Deals bringen Evotec kontinuierliche Einnahmen. Zudem haben die Hamburger die Chance, noch viel mehr Geld zu verdienen. Werden in einem Projekt bestimmte Forschungsziele, sogenannte Meilensteine, erreicht, erhält Evotec Sonderzahlungen. Die können sich im Rahmen der Kooperation mit Bayer auf mehr als 500 Mio. Euro summieren.

„Das kommt am Kapitalmarkt gut an“, sagt Elmar Kraus, Analyst bei der DZ Bank. Lanthaler läge mit seiner Strategie daher richtig, Evotec sei für Aktieninvestoren attraktiv. Auch weil das Unternehmen inzwischen profitabel ist. Bereits 2010 wies Evotec einen operativen Gewinn aus – erstmals in der Firmenhistorie. Der Aktienkurs stieg seit Lanthalers Antritt auf knapp 3 Euro Mitte Oktober. Ein Plus von mehr als 400 Prozent seit dem Frühjahr 2009.

Längst hat Lanthaler von Restrukturierung auf Expansion umgeschaltet. Evotec kaufte Unternehmen in Göttingen, München und San Francisco zu, die Mitarbeiterzahl stieg auf über 600. Der Umsatz soll in diesem Jahr auf knapp 90 Mio. Euro steigen.

Im „Aktionsplan 2016“ hat Lanthaler neue Ziele gesetzt. Evotec soll seinen Umsatz um rund zehn Prozent steigern, etwa 20 Mio. Euro investieren – jährlich. „Sportlich“ nennt Aufsichtsrat Birner das Vorhaben. Analyst Kraus glaubt, dass Lanthaler die Ziele erreichen kann.

Anfang Oktober dann der Schock. Evotec gab bekannt, dass Lanthaler beurlaubt sei. Der Grund ist eine Erkrankung, die er in Wien behandeln lässt, ganz in der Nähe seiner Familie, die in der Wachau lebt. Per E-Mail und Telefon arbeitet er aber weiter. Und er gibt Entwarnung: „Keine Sorge, ich komme wieder.“

 
 
cover_110 Aus dem impulse-Magazin 11/2012
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