Management Kreativitäts-Kicks für Chefs und Eltern

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Bei Kreativität denken wir schnell an künstlerische und musische Fähigkeiten. Aber sie ist weitaus mehr. Kreativität ist eine Fähigkeit, die für die Wirtschaft unabdingbar ist. Tollabox-Gründerin und impulse-Bloggerin Béa Beste gibt Tipps, wie Eltern und Chefs das kreative Potenzial junger Menschen fördern können - anstatt es im Keim zu ersticken.

Kreativität ist die wichtigste Fähigkeit des 21. Jahrhunderts. Ohne Kreativität werden wir als Gesellschaft wirtschaftliche Instabilität oder soziale Probleme nicht in den Griff bekommen. Und das auch noch bei schlechter Laune: Fehlt Kreativität, fehlt auch Optimismus. Denn Menschen, die wissen, dass ihnen „schon was einfallen wird“, sind die besseren Problemlöser, weil sie im Betrachten und Kombinieren flexibel sind und Chancen sehen. Sie sind die Glücksträger der Nation.

Wer sind eigentlich die großen Kreativen unserer Gesellschaft?

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Natürlich sind das in erster Linie diejenigen, die sich für kreative Berufe entschieden haben. Aber jetzt mal die Pablo Picassos und Woody Allens dieser Welt rausgenommen: Die Masse betrachtend, sind die echten Kreativen – in genau dieser Reihenfolge – Kinder, Jugendliche, junge Menschen. Sie stecken schon von Natur aus voller Kreativität. Eltern, Schule und Ausbildungsorte brauchen sie nur zu fördern und nicht zu ersticken.

Nur ihre Denke macht oft Probleme. „Wie kommt der Stoff in die Köpfe der Kinder?“ – diesem Ziel gehen täglich Millionen von Lehrer und Eltern nach. Unser Bildungssystem ist auf Stoffvermittlung ausgerichtet. Unsere Schulen beantworten jeden Tag tausende Fragen, die Kinder nicht haben, mit tausenden Antworten, die sie nicht interessieren – und prüfen dann, ob sie die Antworten speichern. Und dann stellen wir fest, dass es bei Schulabsolventen an Innovationsgeist und Unternehmerdenke fehlt. So kann das nicht weitergehen. Die Kreativität von jungen Menschen gehört erhalten und entfaltet!

Klarstellung allerdings: Ich plädiere an dieser Stelle keineswegs für einen Ausbruch aus dem Leistungsprinzip. Ich glaube auch nicht, dass jeder hochbegabt ist. Ich habe das mit der Gaußschen Normalverteilung schon verstanden. Aber ich glaube, dass es möglich ist, dass wir jungen Menschen besser helfen können, ihre natürlichen Neigungen zu schärfen, ihre Interessen zu finden und ihre Kreativität zu entfachen.

Sie müssen es nicht einfacher haben – kein Mensch wird schlau von Nichtanstrengung. Aber sie brauchen mehr Möglichkeiten, Dinge selbst ausprobieren zu können, sich einen Reim auf die Welt zu machen und Lösungswege für selbst gewählte Fragen und Probleme auszuarbeiten. Eigentlich müssen wir es ihnen nicht einfacher, sondern oft ganz im Gegenteil, anstrengender machen.

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Hier ist eine keineswegs vollständige Liste an Ideen, wie das geht – als Anregung für Eltern, Lehrer, Coaches, Trainer, und auch Chefs. Also für alle, die in der Position des Erwachsenen-Ichs die Verantwortungskappe aufhaben:

1. „Überzeug mich“ statt schnelle Entscheidungen
Viel zu schnell reagieren wir mit einem klaren Ja oder Nein, wenn junge Menschen etwas wollen. Warum nicht einfach mal es auf eine Verhandlung ankommen lassen? Ein einfaches „Überzeug mich doch, warum das gut ist!“ bringt sie zum Denken, Argumentieren und Verhandeln. Ob es darum geht, dass Kinder bei Freunden übernachten oder dass Mitarbeiter Social Media einsetzen: Dabei entdecken sie neue Perspektiven und kommen mit Kompromissen daher. Und Sie werden selbst flexibler im Denken. Ein Nährboden für Kreativität.

2. Beantworten Sie Fragen mit Fragen
“Was bedeutet Chlorophyll?” Zu schnell meistens geben wir eine Antwort. Das kommt daher, dass uns die Schule so abgerichtet hat, dass wir Wissen wiederzugeben für unsere Pflicht halten und es uns peinlich ist, wenn  wir es nicht können. Besser für die Lernprozesse junger Menschen ist es, ihnen nicht die Mühe abzunehmen. Fragen Sie als erstes zurück: “Was glaubst du, was es bedeuten könnte?” Lachen sie gemeinsam über erste Einfälle: “Kann das was mit einem Schwimmbad zu tun haben? Es fängt mit Chlor an…”. Und stellen Sie weitere Fragen: “Wovon war die Rede, als du das Wort aufgeschnappt hast?”. Was ganz wichtig dabei ist, tatsächlich daraus eine gemeinsame Suche nach Antworten zu machen und nicht den Eindruck zu erwecken, dass der Fragende eigentlich in der Schuld steht, alles wissen zu müssen.

3. Perspektive wechseln
Gerade ganz junge Kinder sind gelenkig, und daher sind sie schnell auf dem Boden, oben auf dem Klettergerüst, hängen kopfüber über die Sessellehne… wie genial ist das denn? Und wann haben wir das verlernt? Wer nicht anständig sitzt, hat bessere Ideen, schon allein wegen der Körperchemie. Bewegung und ungewöhnliche Perspektiven sorgen für diverse Ausschüttungen von Botenstoffen, die die Kreativität fördern. Zu Hause mag das noch selbstverständlich sein – aber wie ist es eigentlich bei Ihnen im Büro? Alles immer brav am eigenen Schreibtisch erledigen? Die kreativsten Firmen der Welt richten völlig anders ein – und die Vitra Schule in Schweden macht weltweit in der Bildungswelt Furore, in dem sie sich sogar von Klassenzimmern verabschiedet hat.

Die Räumlichkeiten geben eine Umgestaltung nicht her? Egal, denken Sie ein wenig raus aus den gewöhnten Abläufen: Stehmeetings in der Kaffeeküche, Besprechungsspaziegänge im Park, oder mal auf den Boden hocken mit dem Laptop beziehungsweise Notizheft geht eigentlich immer.

4. Erst das Vergnügen, dann die Arbeit
Harter Brocken, das! Sollten wir nicht erst immer die Pflicht erledigen? Klar ist das besser. Doch wenn sich lähmende Müdigkeit z.B. über das Hausaufgabenkind legt, ist etwas Vergnügliches einzuschieben besser als Quälerei. Und ein kleines lockeres Gespräch mit einem Mitarbeiter kann effektiver sein als fünf Espressi. Ein zufriedener Mensch geht später energiegeladener und kreativer ans Erledigen. Wichtig dabei: Klare Abmachungen, was Zeit anbelangt, sowohl fürs Vergnügen, als auch für die Arbeit hinterher.

5. Voranscheitern – nichts ist schöner als ein gescheitertes Experiment
Je mehr Kinder und junge Menschen Dinge ausprobieren können und dabei erleben dürfen, dass Fehler nicht schlimm, sondern Lerngelegenheiten sind, umso kreativer bleibt es. Je mehr es beim Malen, Kochen oder Experimentieren erlebt, dass kleckern und matschen, vergeudetes Material oder schlichtweg etwas, das nicht funktioniert, nicht schlimm, sondern normaler Teil des Experimentierprozesses ist und sogar als Lernfortschritt gewürdigt wird, desto mehr traut es sich, Neues zu denken und zu wagen.

Und wie ist das mit den Enttäuschung? Kein Mensch sagt, dass Scheitern ohne Schmerz geht. Auch das gehört dazu: Also, „alles wieder gut“ reicht auch nicht. Sondern was hilft, ist genau zu verstehen, was nicht geklappt hat und wie es besser geht. Eben: Voranscheitern. Nicht stehen bleiben!

6. Tagträumen
„Denk doch mal nach!“ sagen wir, wenn wir eine Lösung für ein Problem suchen. Wir versuchen uns genau auf das zu konzentrieren, was wir brauchen. Konzentration ist das große Thema in der Schule: Kinder, die das nicht können oder wollen, werden nur zu schnell mit dem Label ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) abgestempelt und als Lernpatienten auf einen Weg voller Förder-Frustrationen geschickt.

Doch wussten wir es nicht immer? Die besten Ideen kommen unter der Dusche! Beim Joggen! Draußen in der Natur! Das ist sogar wissenschaftlich belegt: Die Professorin Kalina Christoff von der University of British Columbia untersucht das Tagträumen. Die Gehirnwissenschaftlerin fand heraus, dass sich am Tagträumen auch Gehirnregionen beteiligen, die eigentlich für das Gegenteil zuständig sind, nämlich für das Konzentrieren auf komplizierte Aufgaben. Bisher war die allgemeine Meinung, dass sich die Aktivität beider Netzwerke gegenseitig ausschließt.

Mit Hilfe von Messungen und Tests zeigte Christoff, dass eine Aktivität, die uns von einem Ziel ablenkt, uns durchaus darauf vorbereiten kann, gleichzeitig etwas anderes zu tun und dies bewusst zu koordinieren. Kalina Christoff: „Beim Tagträumen erreichen Sie vielleicht nicht Ihr unmittelbar vorliegendes Ziel – zum Beispiel ein Buch lesen oder im Unterricht aufpassen – aber es kann sein, dass Ihr Gehirn sich diese Zeit nimmt, um sich mit wichtigeren und weitaus komplexeren Fragen zu beschäftigen, wie mit persönlichen Beziehungen oder der eigenen Karriereplanung.“

7. Mit den Händen denken – mit allen Sinnen erfinden
Kinder basteln sich schnell die Welt zusammen: Aus Sand und Steinen, aus Stöcken und Pappen, Pfeifenputzern und Korken, und was sonst noch so da ist. Sie probieren ihre Ideen im dreidimensionalen Raum aus. Die Design Thinker haben dem einen schicken Namen gegeben: „Rapid Prototyping“ und selbst die IT-Entwickler reden vom „Sandboxing“ – alles kreative Prozesse inspiriert aus der Kinderwelt. Wann steckten Sie schon das letzte Mal mit den Händen tief in Matschepampe?

8. Zeitdruck tut gut!
Trotz mancher bisherigen Anregung propagiere ich nicht das Leben als Wellness-Oase. Gerade Zeitdruck kann Wunder schaffen. Und es ist – egal ob man mit Kindern oder mit Erwachsenen zu tun hat – unglaublich lohnenswert, klare Zeitbaschnitte zu geben, bis eine Idee stehen muss. Versuchen Sie es mal in einem Meeting: Geben Sie allen genau fünf oder zehn Minuten, um möglichst viele Lösungen für eine Problem zu finden und dann die drei besten zu selektieren. Lassen Sie sichtbar dabei einen Timer die Zeit anzeigen. Sie werden staunen, welche Energie Sie dabei bei allen mobilisieren. Gleiches gilt in der Familie – kennen Sie die Fünf-Minuten-Herausforderungen?

Dies sind nur einige Ideen. Ich sitze tagtäglich an dieser Fragestellung dran und mache Kreativitätsboxen für Familien mit jungen Kindern, die monatlich nach Hause geliefert werden. Oft muss ich mich entscheiden, wie viel Anstrengung ich bei den Spielen in diese Boxen packe, und mit welcher Dosis aus purem Spaß und einfaches Verstehen ich das kombiniere. Wie die Rätsel- und Ausprobierlust gekitzelt und entfacht wird, ist eine Wissenschaft für sich. Ich bin jedenfalls überzeugt, dass Kreativität etwas ist, das man trainieren kann und das in Problemlösungskompetenz mündet. Und das brauchen wir alle.

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