Familienunternehmer des Jahres 2013 Ernsthaftigkeit und Menschlichkeit

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Firmenschild an der Zentrale des Maschinenbauers Trumpf in Ditzingen

Firmenschild an der Zentrale des Maschinenbauers Trumpf in Ditzingen© Trumpf

Die Familie Leibinger, die den Werkzeugmaschinenbauer und Laserhersteller Trumpf führt, ist „Familienunternehmer des Jahres 2013“. impulse dokumentiert hier die Laudatio von Chefredakteur Nikolaus Förster, die er bei der Preisverleihung Ende November 2013 gehalten hat.

Da wir heute ja die aktuellen „Familienunternehmer des Jahres“ feiern, erlauben Sie mir, dass ich Ihnen noch einmal in Erinnerung rufe, worüber wir eigentlich reden. Sie wissen alle, was ein Unternehmen ist. Nur: Was ist eine Familie? Ich habe mich kundig gemacht und bin fündig geworden, hier auf Schloss Bensberg. In der Bibliothek habe ich den „GROSSEN BROCKHAUS“ gefunden, die 16., völlig neu bearbeitete Auflage, Dritter Band D-Faz. Dort heißt es auf Seite 763:

Familie, 1) heute in der Regel das Elternpaar mit den unselbständigen Kindern als Einheit des Haushalts: Die Kleinfamilie im Unterschied zur erweiterten F. älterer Zeiten, die weitere Verwandtschaft und lediges Gesinde in die Hausgenossenschaft einbezog. Nicht der Personenstand, sondern die Hausgenossenschaft unter der Einheit der väterlichen Gewalt ist der ursprüngl. Sinngehalt des röm.-rechtl. Begriffs der F., der als latein. Fremdwort im Abendland seit dem 16. Jh. Eingang fand. Im älteren Deutsch hieß es dafür „Weib und Kind“.

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Gut, ich gebe zu, das ist nicht die neueste Ausgabe. Sie ist 60 Jahre alt, erschienen ist der Band 1953 in Wiesbaden. Ein aktuelleres Lexikon hatte ich allerdings heute nicht zur Hand.

Aber wahrscheinlich ist diese Ausgabe ja genau die Richtige, um sich klar zu machen, was es bedeutet, wenn ein wahrer Patriarch abtritt, ein Ausnahme-Unternehmer wie Berthold Leibinger, jemand, der sich – als Sohn eines Kunsthändlers – vom Lehrling eines kleinen Maschinenbauers zum Inhaber eines milliardenschweren Unternehmens hochgearbeitet hat. 40 Jahre hat er dafür gebraucht, um die Firma, für die er arbeitete, Schritt für Schritt selbst zu kaufen.

Berthold Leibinger hat im Laufe der Jahrzehnte ein halbes Dutzend Rollen ausgefüllt: als Ingenieur, Konstrukteur und Erfinder, als Wirtschaftsrepräsentant und politischer Berater, als Kulturförderer und Mäzen. Und nicht zuletzt als Ehemann und Vater.

Und da sind wir beim Thema Nachfolge. Berthold Leibinger hat nicht mit Ende 50 oder Ende 60 aufgehört, nein, seine Nachfolge regelte er mit 75 Jahren.

Welche Bürde es für die Nachfolger sein kann, solch einem Menschen nachzufolgen, verdeutlichen vielleicht die Zahlen. Als Berthold Leibinger 1950 als Lehrling anfängt, beschäftigt Trumpf 150 Mitarbeiter, als er zehn Jahre später – nach Studium und Arbeit in den USA – als Leiter der Konstruktionsabteilung zu Trumpf zurückkehrt, hat sich die Zahl der Beschäftigten verdoppelt, auf 323 Mitarbeiter.

Doch dann geht es erst richtig los. Heute beschäftigt Trumpf fast 10.000 Mitarbeiter, mit einem Rekordumsatz im vergangenen Geschäftsjahr von 2,3 Milliarden Euro.

Seine Tochter Nicola Leibinger-Kammüller hat ihn vor ein paar Jahren, als er 80 Jahre alt wurde, mit „liebevoller Ironie“ – wie sie sagte – einen „Sonnenkönig“ genannt. Er sei „ein Mensch des Barock“ mit dem „Wille(n) zum Gestalten, zum Aufbauen, zum Planen, zum Weiterentwickeln von Ideen“. In all dem erinnere er sie „oft an die großen Gartenbaumeister des Barock.“

Jetzt also ist die nächste Generation dabei, diesen Garten zu bestellen.

Und: Sie können es sich vorstellen: Es ist nicht einfach, solch einen Garten zu bestellen – vor allem dann, wenn der gerade ausgeschiedene Gartenbaumeister doch noch (hin und wieder – also jede Woche…) über die Hecke schaut.

In diesem Fall geht es aber nicht nur um eine Nachfolge – vom Vater an die Tochter, eine Germanistin (dazu noch: an eine Frau mit vier Kindern). Der Fall ist komplexer. Im Fall Leibinger treten noch weitere Figuren auf: der Bruder, ein Ingenieur, der auch Ambitionen hatte, an die Spitze zu rücken, aber nun als Nummer 2 im Unternehmen arbeitet. Und der Ehemann, ebenfalls Ingenieur, ebenfalls Mitglied der Geschäftsführung.

Die Nachfolgeregelung ist also komplex: vom Vater an die Tochter, aber auch der Sohn und der Schwiegersohn spielen eine wichtige Rolle. Und so ist der Preis in diesem Jahr auch eine Premiere: Erstmals ehren wir nicht eine herausragende Persönlichkeit oder ein Zweiergespann – wie in den vergangenen Jahren Heinz Gries und Andreas Land (Griesson-deBeukelaer) oder Markus Miele und Reinhard Zinkann (Miele). Erstmals ehren wir eine Familie.

Ich muss noch einmal zum BROCKHAUS zurückkehren, um deutlich zu machen, um welch eine prekäre Situation es geht. Dort steht:

Die Klein-F. der industriellen Gesellschaft, die heute vorwiegt, ist durch folgende Züge näher bestimmt: Die F.-Gründung ist rechtlich fast unbeschränkt (siehe Ehe); daraus folgt einerseits die mögl. Vertiefung der persönl. Bindung, andererseits aber auch deren höhere Gebrechlichkeit (Scheidung, Zerrüttung) oder willkürl. Beschränkung.

Eine weitere Passage, in der darauf hingewiesen wird, dass sich die alte Hausgenossenschaft in den modernen Haushalt verwandelt , dem nur die weibliche Hausarbeit verbleibt:

Die (wirtschaftlich ungelohnte) Arbeit der Hausfrau trägt durch Veredlung und Pflege der beschafften Unterhaltsmittel sichtbar zur Streckung der Ausgaben, nicht zu den Einnahmen bei.

Was wir heute hier feiern, eine gelungene Lösung, ist also in vielerlei Hinsicht etwas Besonderes. Und eine seltene Konstellation, die in dieser Art fast einzigartig ist in der jüngeren deutschen Wirtschaftsgeschichte. Es ist eine Konstellation, die eine Menge Sprengstoff birgt. Nur: Sie hat sich bewährt – seit 2005.

Die massive Krise 2008 und 2009, als der Umsatz einbrach, die Fabriken auf Kurzarbeit umstellten und die Familie 75 Millionen Euro privates Kapital nachschoss, hat Trumpf hinter sich gelassen, das Unternehmen wächst weiter. Gerade erst haben sie einen weiteren spektakulären Schritt gemacht: Sie haben ein chinesischen Werkzeugmaschinenbauer übernommen – auch das: eine Seltenheit. Während andere Mittelständler von Chinesen übernommen zu werden – denken Sie an den Betonpumpenhersteller Putzmeister oder den Gabelstaplerproduzenten Kion – drehen die Leibingers den Spieß um. Es ist der größte Zukauf in der Unternehmensgeschichte – ein mutiger Schritt. Und keine Selbstverständlichkeit.

Also: Das Geschäft läuft, die Familie ist stabil. Was – fragen Sie sich vielleicht – steckt dahinter? Ich will versuchen, auf ein paar Aspekte hinzuweisen. Wenn Sie auf das Unternehmen schauen, treten drei Dinge hervor: Zum einen der starke Fokus auf Innovation – allein in diesem Jahr werden 200 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung investiert. Zum zweiten die starke Internationalisierung: Der Auslandsanteil des Maschinenbauers war seit jeher groß, er liegt aktuell bei fast 75 Prozent. Und zum dritten eine herausragende Firmenkultur. Trumpf ist ein äußerst attraktiver Arbeitgeber – mit einem starken Fokus auf die Ausbildung der Mitarbeiter. Und einem Höchstmaß an Flexibilität: Vielleicht haben Sie ja von dem Arbeitszeitmodell gelesen, das vor ein paar Jahren eingeführt wurde und für Aufsehen sorgte, weil es sämtliche Forderungen der Gewerkschaften alt aussehen ließ: Alle zwei Jahre können die Trumpf-Mitarbeiter neu entscheiden, wie viel sie arbeiten wollen, bis zu 1000 Stunden auf ein Arbeitszeitkonto einzahlen und das Guthaben später für längere Freizeitblöcke abrufen.

Der Erfolg der Familie Leibinger wurzelt aber tiefer. Wer verstehen will, was die Unternehmerfamilie hinter dem Familienunternehmen ausmacht, sollte für einen Moment die Welt der Wirtschaft hinter zu lassen. Und die Welt der Kultur betreten. Lassen Sie uns also über Musik und Literatur reden.

Die Leibingers sind eine Familie, die es ernst meint. Als Berthold Leibinger mal wieder gefragt wird, ob er Präsident eines Wirtschaftsverbands werden möchte, räsoniert er, was er eigentlich kann. Und er nennt – in seiner Autobiografie – zwei Dinge. Er schreibt: „Meine Stärken waren Ernsthaftigkeit und die Erfolge als Unternehmer.“ Mehr nicht. Verwandt mit der Ernsthaftigkeit ist die Selbstbescheidung – kein Wunder, dass die Leibingers Protestanten sind, Protestanten durch und durch. Eine Kardinaltugend ist der Familie besonders wichtig: „besonnenes Maßhalten“. Natürlich gönnt man sich auch gerne einmal etwas, aber ein ausschweifender Lebensstil – so wurde es den Kindern schon früh beigebracht – gehört sich nicht. Vielleicht hat der Vater ja auch Glück gehabt – weil es ihn nicht zu den Hobbies zog, denen viele Familienunternehmer (sicherlich auch in diesem Saal) hoffnungslos verfallen sind: Wie er – neben Trumpf – noch Zeit finde, sich für Politik, Kultur und Gesellschaft zu engagieren, wurde Berthold Leibinger einmal gefragt. Seine lakonische Antwort: „Weder Jagd noch Yacht noch Golf“.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass Johann Sebastian Bach in der Familie (wie auch bei einigen anderen schwäbischen Protestanten) eine wichtige Rolle einnimmt – er ist quasi ein Hausheiliger. Seit vielen Jahren unterstützen die Leibingers die Bachakademie in Stuttgart, immer wieder musizierte das Orchester in den Fabrikhallen von Trumpf. Und Bach ist nicht irgendein Komponist. Er steht für Regelhaftigkeit, für Disziplin. Alles fügt sich ein ins Notensystem. Wie verschlungen zuweilen Variationen oder Engführungen sein mögen – denken Sie an die „Kunst der Fuge“ – alles fügt sich am Ende zum Guten, in einer Harmonie.

Johann Sebastian Bach steht für einen Pol dieser Familie: für das Ernsthafte, für die Disziplin. Nicola Leibinger-Kammüller hat einmal von dem „gestrengen Herrn Bach“ gesprochen. Dieser Charakterzug scheint schon länger in der Familie zu liegen. Das Lieblingsgedicht von Berthold Leibingers Mutter ist von Matthias Claudius. Es heißt: „An sich“.

Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,

dem ist die weite Welt und alles untertan.

Es gibt einen zweiten Pol – und das ist Erich Kästner, mit seinen zum Teil scharfzüngigen Texten, vor allem aber mit der Menschlichkeit, die er mit seiner Literatur verkörpert. Schon der Vater hat Kästner – neben Autoren wie etwa Thomas Mann – stark verehrt. Er sei, sagte er einmal, sein „Held nach dem Umsturz“ gewesen. Auch die Tochter hat sich stark mit ihm auseinandergesetzt – und über sein Spätwerk promoviert. Kästner nach 1945. In ihrer Doktorarbeit widmet Nicola Leibinger-Kammüller die Arbeit zwei Personen. Sie schreibt:

Ohne meinen Vater hätt‘ ichs nicht begonnen;
ohne meinen Mann hätt‘ ichs nicht vollendet.
Ihnen beiden sei diese Arbeit in Dankbarkeit gewidmet.

Nicola Leibinger-Kammüller hat einmal gesagt, von Kästners Texten könne man lernen, „wie man mit Menschen umgeht“, wie wichtig es sei, „im menschlichen Miteinander Würde, Anstand und Respekt walten zu lassen, Fairness zu üben, offen zu sein.“ Das alles sei im Unternehmen genauso wichtig wie im Privatleben.

Man sollte das nicht abtun – als wohlfeile Rede über Kunst. Die Liebe des Vaters zur Literatur ging so weit, dass er einmal Ingenieure, die sich beworben hatte, absagte, weil sie offenkundig bekannten, dass sie sich für das Fach Deutsch nicht interessierten. „Wir suchen Ingenieure, die neugierig sind, und die müssen sich auch für ihre Sprache interessieren“, sagte einmal der Vater.

Kultur – das ist in der Familie Leibinger mehr als ein Zeitvertreib, es ist ein „zweiter Lebensinhalt“. Kultur, hat Berthold Leibinger einmal geschrieben, sei für das geistige Klima verantwortlich: „auch für die schöpferische Unruhe, für die Spannung, die aus Widerspruch entsteht, die unsere Gesellschaft braucht, die wir alle brauchen, um im internationalen Vergleich bestehen zu können.“

Bei den Leibingers spiegelt diese Kultur eine Haltung wider. Sie wird geprägt von zwei Polen: von Ernsthaftigkeit und Menschlichkeit. Und diese Haltung, die in der Kunst (ob Musik oder Literatur) zum Ausdruck kommt, prägt nicht nur die Menschen, die sich mit ihr umgeben. Sie prägt auch die Unternehmenskultur. Und die entscheidet maßgeblich über den Erfolg eines Unternehmens.

Liebe Familie Leibinger, das, was Sie geschaffen haben – eine äußerst erfolgreiches Unternehmen aufzubauen und weiterzuentwickeln, eine schwierige Nachfolge zu meistern und zugleich für eine herausragende Firmenkultur zu sorgen – das alles zugleich, das gelingt nur sehr wenigen hierzulande. Liebe Familie Leibinger, ich glaube, wir haben eine gute Wahl getroffen! Im Namen der gesamten Jury gratuliere ich Ihnen zum Preis „Familienunternehmer des Jahres 2013“.

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