Management Mailverbot nach Feierabend: „Für Mittelständler wäre das extrem kontraproduktiv“

Job und Freizeit: Wann bleibt der Laptop zu?

Job und Freizeit: Wann bleibt der Laptop zu?© adam121 - Fotolia.com

BMW feiert sein neues "Recht auf Unerreichbarkeit" und VW schaltet nach Dienstschluss die Mailserver ab. Für das Firmenimage der Autokonzerne ist das schön und gut - aber auch realistisch für andere? In mittelständischen Betrieben auf keinen Fall, sagt der Allgäuer Unternehmer Kurt Schauer.

Herr Schauer, der BMW-Konzern postuliert seit neuestem das „Recht auf Unerreichbarkeit“. Was schießt Ihnen da als erster Gedanke durch den Kopf?

Nachdem ich den Bericht gelesen hatte, war mein erster Gedanke „Na, so revolutionär ist das doch gar nicht“. Dass zum Beispiel Angestellte die Zeit, die sie am Wochenende von zuhause arbeiten, nun abrechnen dürfen … das ist doch selbstverständlich.

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Empfinden Sie die Veröffentlichung als PR-Gag?

Zum Teil, ja.

Anders als BMW geht VW einen Schritt weiter und sagt, außerhalb der Kernarbeitszeit würden keine Mails mehr von den Servern weitergeleitet. Was halten Sie davon?

Ehrlich gesagt, gar nichts. Eine direkte Vorgabe von Seiten der Firma ist ziemlich rigide. Jeder Mitarbeiter sollte das selbst für sich entscheiden. Wir haben äußerst flexible Arbeitszeiten. Für uns steht immer der Kunde im Mittelpunkt und die anstehenden Projekte. Meine Mitarbeiter würden sich sogar beschweren, wenn zum Beispiel zu einem Projekt in der Endphase die finale Freigabe nicht mehr vom heimischen Rechner erfolgen könnte, nur weil der Server abgeschaltet ist.

BMW und VW sind multinationale Konzerne mit Tausenden Mitarbeitern. Wäre ein derartiges Vorgehen in einem mittelständischen Betrieb überhaupt realisierbar?

Unternehmer Kurt Schauer

Unternehmer Kurt Schauer

Nein. Das ist extrem kontraproduktiv. BMW stellt ein Premiumprodukt her, das nicht vergleichbar ist. Wer sich für einen BMW entscheidet, entscheidet sich für einen BMW – und nicht für einen Mercedes oder Audi. Wir als Werbeagentur haben doch deutlich mehr Mitbewerber. Und ich schätze auch, dass von allen kleinen und mittelständischen Betrieben nur die wenigsten so ein Alleinstellungsmerkmal haben, dass sie sagen können „Wenn wir es nicht machen, macht es niemand“ – hier heißt es „Wenn wir es nicht machen, macht es jemand anderes“.

Ihr Firmenmotto lautet „Immer für Sie da“. Was bedeutet das konkret?

Konkret bedeutet das zum Beispiel, dass die Telefonumleitung bei nicht besetzter Zentrale auf mein Handy erfolgt. Egal wann Kunden anrufen, es hebt immer jemand ab. Oder dass E-Mails auch lange nach Feierabend noch beantwortet werden.

Der erste Kundenkontakt quasi direkt nach dem Aufstehen?

Viele unserer Kunden sind Mittelständler. Da sind noch richtige Unternehmer am Arbeiten – und die schicken manchmal die ersten Mails bereits um 5.30 Uhr raus, klassische Frühaufsteher eben. Das ist ganz natürlich. Die wissen dann, dass ich zu dieser Zeit im Zweifel noch schlafe und sie aber bis 7.30 Uhr eine Antwort bekommen. Wenn der Mailserver in der Zeit aus wäre, würden sie erst um 9 Uhr eine Antwort erhalten – und dann wären sie aber wiederum nicht erreichbar, weil sie schon an der nächsten Baustelle dran sind.

Das klingt nach „Meine Firma ist mein Leben“. Ist das auf Dauer nicht belastend?

In gewisser Weise ja. Aber auf der anderen Seite ist es so, dass ich mir selbst ausgesucht habe, was ich mache. Es kommt immer darauf an, wie man es sich einteilt. Für mich ist es zum Beispiel entspannter, meine Mails im Urlaub zu checken. Wenn ich weiß, was vorgeht, bin ich deutlich ruhiger, als wenn ich versuche, auf Teufel komm raus abzuschalten. Auch wenn es bei einem Kundenangebot um große Projekte geht, ist es sicherlich für meine Mitarbeiter – und mich – beruhigender, wenn ich im Urlaub einmal kurz einen Blick darauf werfe.

Der immer erreichbare Chef – ist das ein Phänomen mittelständischer Betriebe?

Umso größer die Firma ist, desto mehr Hiercharchiestufen mit Geschäftsführer, Abteilungsleiter usw. gibt es. Aber in einer Agentur unserer Größenordnung macht das natürlich keinen Sinn.

Unterscheiden Sie zwischen Mitarbeiter und Chef: Müssen Ihre Mitarbeiter außerhalb der Regelzeiten erreichbar sein?

Die Vorgabe ist: Ich als Chef mache es auf alle Fälle. Den Mitarbeitern überlasse ich diese Entscheidung. Sie arbeiten alle extrem selbstverantwortlich und je nach Dringlichkeit des Projekts ist Erreichbarkeit ausserhalb der Arbeitszeiten einfach sinnvoll. Auch wenn Not am Mann ist und ich von einem Mitarbeiter etwas dringend brauche, habe ich alle Handynummern parat – und rufe sie dann durchaus auch mal im Urlaub an. Die Mitarbeiter helfen dann auch gerne mit Rat und Tat. Aber das ist definitiv nicht die Regel. Ich erwarte nicht von ihnen, dass sie wie ich fast non stop erreichbar sind.

 

Zur Person: Kurt Schauer leitet seit über 20 Jahren die Werbeagentur „Kaos“ in Wangen im Allgäu. Als Ein-Mann-Betrieb gestartet, zählt sein Team heute 13 Mitarbeiter.

1 Kommentar
  • Michael Keutner 18. Februar 2014 22:08

    mich erreichen manchmal mails mit „ich bin zwei Wochen in Urlaub, in dringenden Fällen können Sie…“. Da ich den Mitarbeiter kenne, freue ich mich, auch wenn es für mich einen etwas höheren Aufwand bedeutet. Aber ich habe auch im Urlaub mit dem Vertreter eine gute Lösung der anstehenden Frage erreicht.
    Wenn mich ein Kunde anruft, der meine 1_Mann-Struktur kennt, weiß er, daß ich ihn so bald wie möglich zurückrufe.
    Wenn Unternehmen ihren Mitarbeitern die Möglichkeit der Nichterreichbarkeit einräumen, finde ich das gut. Wenn es ein Unternehmer für sich entscheidet ist es auch gut, da er es für sich tut. Was immer im Konsens geschieht. ist förderlich, alles andere ist Bürokratie.

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