Management Marktchancen jenseits von China

Lange Zeit galten China und Indien auf dem asiatischen Markt als alleinige Schwergewichte. Doch inzwischen sind auch die ASEAN-Staaten für deutsche Unternehmen enorm attraktiv: Sie glänzen mit einer stabilen Konjunktur und bieten ein enormes Potential für deutsche Unternehmen. Einer davon ist Singapur.

Die erste Reise nach Singapur war für Hans Peter Stihl ein Schock. „Das war damals nicht mehr als ein stinkendes Loch“, resümiert der Patriarch des weltgrößten Motorsägen-Herstellers, als er sich an seine erste Begegnung mit der Stadt erinnert. Damals, in den 1960er Jahren, war das Stadtbild geprägt von Schmutz und Elend. An allen Ecken wucherten Slums, denn die Bevölkerung wuchs rasant und die Arbeitslosenquote war hoch. Zudem litt Singapur unter einer maroden Infrastruktur – nicht die besten Bedingungen also für aufstrebende Unternehmen. Doch Stihl sah Potential in dem Stadtstaat am südchinesischen Meer und hielt an seinen Plänen fest: Er wollte den dortigen Markt erschließen.

Die Hartnäckigkeit des schwäbischen Unternehmers zahlte sich schnell aus. Schon kurze Zeit später profitierte Singapur von einer Vielzahl an Reformen der dortigen Regierung und von Unterstützungsmaßnahmen der Vereinten Nationen, die zum wirtschaftlichen Aufschwung des Landes beitrugen: Das Bruttoinlandsprodukt wuchs in Spitzenjahren um 12.7 Prozent, in durchschnittlichen Jahren immerhin noch um 8.7 Prozent. Doch trotz dieser Wachstumsstory setzten nur wenige Unternehmen in der Vergangenheit auf Singapur. Denn vor allem China zog die Aufmerksamkeit investitionswilliger Firmen auf sich.

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Chinas Stern sinkt

Doch das Wachstumsmärchen der asiatischen Volksrepublik scheint ausgeträumt. Die schwache Weltwirtschaft lässt selbst den robusten chinesischen Wirtschaftsmotor stottern und sorgte im letzten Jahr für das niedrigste Wachstum seit der Finanzkrise. Hinzu kommen politische Unruhen und stark gestiegene Lohnkosten, die dazu führen, dass inzwischen jedes fünfte europäische Unternehmen erwägt, seine Investitionen in China zurückzufahren und sich stärker in anderen Boom-Ländern zu engagieren, so eine Umfrage der Europäischen Handelskammer (ETC). „China hat sich in den letzten Jahren vom Schwellenland zum Industrieland entwickelt“, bilanziert Joachim Ihrcke, Geschäftsführer des Beratungs- und Investmenthauses Droege Group. „Damit überlässt China das Feld zunehmend den südostasiatischen Staaten.“ Selbst chinesische Firmen verlagerten ihre Produktionsstätten mittlerweile in den Südosten Asiens, wo die Löhne lediglich ein Drittel des chinesischen Lohnniveaus betragen.

Damit dürften die Asean-Staaten (Association of Southeast Asian Nations) – dazu zählen Singapur Malaysia, Indonesien, Brunei, Kambodscha, Laos, Myanmar, die Philippinen, Thailand und Vietnam – China bald seine Rolle als Werkbank Asiens abnehmen. Seit 2010 feilen diese Staaten zudem an der ASEAN Economic Community (AEC), einer zollfreien Wirtschaftsgemeinschaft nach dem Vorbild der EU mit etwa 600 Millionen Menschen. Angesichts dieser Pläne rät Investmentberater Ihrcke Unternehmern, schnellstmöglich eine Agenda für den südostasiatischen Markt zu entwickeln.

Singapur: Musterbeispiel der ASEAN-Staaten

Dass Singapur in dieser Erfolgsstory mitspielen würde, ahnte der heute achtzigjährige Hans Peter Stihl schon vor einem halben Jahrhundert, als er Handelsbeziehungen zu Singapur aufnahm. Heute ist er Honorarkonsul des Landes und schwärmt: „Es gibt kein anderes Land in der Größe Singapurs, das außenpolitisch so gut vernetzt ist und so viele bilaterale und multilaterale Beziehungen unterhält.“ Mittlerweile belegt Singapur Platz eins des „Doing-Business-Reports“ der Weltbank. Der Bericht sagt aus, wie leicht oder schwer es ist, in einem Land ein Unternehmen zu gründen und zu führen. Herausragend sind dabei vor allem die guten Bedingungen für Import und Export. Außerdem biete die Insel Sicherheit und politische Stabilität, ganz anders als ihre instabilen Nachbarländer.

Hinzu kommt der natürliche Standortvorteil des Landes. „Singapur verfügt über eine hervorragende Anbindung der See und Luftwege und hat sich in den letzten Jahren zur logistischen Drehscheibe Südostasiens entwickelt“, erklärt Stihl, beeindruckt davon, wie schnell und konsequent sich das Land in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat. Denn neben geostrategischen Vorteilen lockt das Land vor allem mit Investitionsanreizen und Förderprogrammen der Regierung, darunter Steuerbefreiungen für Unternehmen, vereinfachte Lizenzvergaben und niedrigen Lohnkosten. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes gibt es mittlerweile 1.200 deutsche Unternehmen, die sich dort angesiedelt haben, darunter Global Player wie VW, Bayer, Siemens oder BASF. Aber auch zahlreiche deutsche Mittelständler, vor allem aus den Bereichen Maschinenbau, Feinmechanik oder Elektronik.

Anreize für deutsche Mittelständler

Einer dieser Mittelständler ist die Unternehmensgruppe Dorma aus Ennepetal. Mit Türgriffen, Schlössern und Sicherheitssystemen erwirtschaftete die Firma letztes Jahr mehr als eine Milliarde Euro und gilt damit als typischer „Hidden Champion“ in Deutschland, denn kaum einer kennt das Unternehmen aus dem Rheinland. Anders als die Firma Stihl, die ihre Ware lediglich nach Südostasien exportiert, ist Dorma mit einer eigenen Produktionsstätte in Singapur vertreten. „Die Kapazitätserweiterung in Singapur war die Folge einer erhöhten Nachfrage am Markt für unsere Produkte sowie der Erschließung des asiatischen Marktes“, sagt Andreas Pütz, Pressesprecher des Unternehmens.

Unterstützung beim Aufbau des Standorts in Singapur bekam das Unternehmen vom Singapur Economic Development Board (EDB), einer gesetzlichen Regierungsbehörde. Das Unternehmen profitiert von staatlichen Förderprogrammen, die gebunden sind an Investitionen in Technologien und lokale Ausbildungsprogramme. Sehr kooperativ und unbürokratisch sei das verlaufen, lobt Pütz. In der Heimat verlief das Asien-Engagement indes nicht so störungsfrei, erinnert sich der Pressesprecher: „In Ennepetal gab es Befürchtungen, dass die Entscheidung für eine Kapazitätserweiterung in Asien zu Lasten des heimischen Standortes geht.“ Doch diese Bedenken seien schnell ausgeräumt worden. „Heute profitiert der Standort in Ennepetal sogar davon, dass wir hier vor allem für die oberen und die Premium-Marktsegmente produzieren“, so Pütz. Das sei ein ganz klares Bekenntnis zum Standort und sichere Arbeitsplätze.

Bereut hat der Mittelständler, der inzwischen auch ein Büro in Indonesien unterhält, seine südostasiatischen Aktivitäten nicht. Im Gegenteil: „Wir würden den Schritt jederzeit wieder wagen. Asien ist für uns einer der Wachstumsmärkte der Zukunft.“ Auch Investmentberater Ihrcke rät deutschen Unternehmen in ASEAN präsent zu sein. „Der asiatische Drache ist erwacht und deutsche Manager müssen ihn reiten.“ Das sei zwar nicht ohne Risiko, da der Wettbewerb mit den globalisierenden Chinesen sehr stark sei. „Aber daneben zu stehen oder gar abzusteigen ist noch gefährlicher.“

Indonesien auf dem Weg zum Top-Exportmarkt

Neben Singapur bieten zahlreiche weitere Nischenmärkte große Möglichkeiten für deutsche Unternehmen in Südostasien. Auf der Suche nach Zukunftsmärkten ermittelte die bundeseigene Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing Germany Trade and Invest (GTAI) die „Top-Exportmärkte“ 2012, die sich durch ein stabiles Wirtschaftswachstum und die Aussicht auf hohe Investitionen auszeichnen.

Einer dieser Märkte ist Indonesien. Während Europa in der Schuldenkrise versinkt, haben die Ratingagenturen das Land gleich mehrfach heraufgestuft. Mit rund 240 Millionen Einwohnern ist Indonesien der viertgrößte Staat der Welt und bietet einen riesigen Binnenmarkt. „Die Wirtschaft des Landes befindet sich auf einem stetigen Wachstumspfad. Das Interesse ausländischer Investoren ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen“, sagt Necip Bagoglu, Repräsentant von Germany Trade and Invest in Jakarta. In 2010 und 2011 lag das Wachstum mit sechs Prozent über den Erwartungen. Im vergangenen Jahr wuchsen die Importe um fast 30 Prozent.

Eine Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) sieht Indonesien bis 2030 zur fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen. Bereits jetzt sei Indonesien wettbewerbsfähiger als Indien, Brasilien oder Russland. Chancen haben dort vor allem Maschinenbauer, das Baugewerbe und der Bergbausektor, da Indonesien reich an Rohstoffen ist. „Es sind aber auch neuere Branchen wie Medizin- und Umwelttechnik, die in Indonesien hervorragende Marktchancen haben“, so Bagoglu.

Die Experten des Internationalen Währungsfonds warnen allerdings auch vor der allgegenwärtigen Korruption in Indonesien, die bislang nur unzureichend bekämpft werde. Viele Investoren scheuen den Weg dorthin auch deshalb, weil das Bildungsniveau vieler Menschen noch unzureichend ist. Zudem sei die Infrastruktur zu lange vernachlässigt worden. Deshalb belegt Indonesien im „Doing Business Report 2012“ bislang gerade einmal Platz 129 von 183 Ländern.

Fakten über…

China Indien ASEAN
Bevölkerung 1,4 Mrd. 1,2 Mrd. 600 Mio.
Fläche 9,6 Mio. km² 3,3 Mio. km² 4,5 Mio. km²
BIP 2013* 6,8 Mrd. € 1,6 Mrd. € 1,4 Mrd. € (2010)
BIP/Kopf 2013* 5.041 € 1.292 € 2.269 €
Wirtschaftswachstum 2013* 8,23 % 5,97 % 5,7–6,4 %

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